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Das Publikum steht rechts

10. Mai 2011

Wie Hans-Werner Sinn in Berlin das Euro-Rettungspaket kritisieren wollte und am Ende den Euro verteidigen musste.

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Journalisten misstraut der Professor eher. Er braucht sie, aber so ganz geheuer sind sie ihm auch nicht. Auch diesmal sind wieder einige da. Es geht um den Euro und um Griechenland, vor 350 meist geladenen Gästen in der Humboldt-Uni in Berlin. Es spricht „Deutschlands klügster Professor“, so eine gewisse große Zeitung mal. „In Griechenland funktioniert die interne Abwertung nicht. Würde man sie so weit treiben, wie es ökonomisch nötig ist, nämlich 20 bis 30 Prozent, würde das Griechenland in den Bürgerkrieg treiben“. Bei Brüning hätten wir nur acht bis zehn Prozent interne Abwertung – also Preisrückgang – gehabt . Und dann: „Achtung an die Journalisten im Saal! Ich sage nicht: In Griechenland bricht der Bürgerkrieg aus. Sie überspitzen immer so. Ich habe auch Griechenland nie empfohlen, aus dem Euro auszutreten. Ich habe nur die Alternativen klargemacht.“

Hans-Werner Sinn braucht an diesem Abend keine Zuspitzung, weil er ohnehin genug Sprengstoff mit hat. Seine Diagnose: „Wir haben eine Euro-Krise – vor einem Jahr habe ich auch noch geschrieben, wir hätten keine, aber wir haben eine.“ Er kommt, um zu warnen. So geht es nicht weiter. Sonst droht der ganz große Schuldensumpf.

Der Vortrag ist brilliant. Plötzlich ertönt laute Tango-Musik durch die Lautsprecher. „Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde hat Recht: It takes two to tango.“ Leistungsbilanzen saldieren sich eben international. Schon hier hätten die versammelten Euro-Skeptiker im Publikum misstrauisch werden müssen. Später sagt Sinn dann auch: „Am 8. Mai 2010, vor einem Jahr haben die Franzosen beim großen Euro-Rettungsgipfel ihre Version des Euro durchsetzen können.“ Sinn bleibt sachlich, im Publikum zunehmend hochgezogene Augenbrauen. „Es stand in El Pais, unter Berufung auf den spanischen Premier Zapatero, dass Sarkozy damals gedroht habe, aus dem Euro auszutreten, wenn die Deutschen nicht unterschreiben.“ Die Meldung sei nicht dementiert worden, also sei was dran. Dem Publikum bleibt nur, erstaunt zu gucken.

Der Münchener Professor verfügt zudem über den seltenen Schuss Selbstironie, der vielen der Ökonomiestudenten in der hinteren Saalhälfte womöglich entgangen sein dürfte: „Ich habe irische Staatsanleihen. Es macht einem Ökonomen ja ein gewisses Vergnügen, gegen seine Interessen zu argumentieren.“ So?

Zum ersten Mal erklärt Sinn heute vor großem Publikum im prall gefüllten Hörsal 201, wie das Eurosystem der EZB-Mitgliedsbanken dafür gesorgt hat, dass das eigentlich dem Zahlungsverkehr dienende Target-System der EZB zum Rettungsmechanismus umfunktioniert wurde. Und jetzt sieht es so aus, dass die Zentralbanken der Krisenländer bei der Bundesbank fast 400 Milliarden Euro Schulden haben – was die vom Bundestag genehmigten Rettungpakete in den Schatten stellt, ohne dass die Öffentlichkeit was davon mitbekommen hat, geschweige denn mitreden konnte. Keiner hat’s bemerkt, bis Sinn in mühevoller Kleinarbeit und mit großem investigativem Ehrgeiz der Bundesbank die Sache entlockt hat.

Der Befund: Über drei Jahre lang habe die EZB faktisch die gesamten Leistungsbilanzdefizite der vier Krisenländer finanziert. „Ein heimliches Rettungpaket“, sagt Sinn. Er zeigt auf, was das für Deutschlands Kapitalverkehrsbilanzen bedeutet. „Es hat Einiges an Gehirnschmalz gekostet, das können Sie mir glauben, bis ich das verstanden habe.“ Seine Folgerung: So geht es nicht weiter. In wenigen Jahren ist die Reserve des EZB-Systems aufgebraucht. Das Volumen des Target-Systems müsse daher langsam reduziert werden. „Wir müssen den Hahn behutsam zumachen.“ Dann entwirft er einen Ausweg einer sanften, graduellen Restrukturierung der griechischen Schulden – keinen Rausschmiss aus der Euro-Zone und auch keine ewigen EU-Transfers. Ein Kompromiss, keine Radikallösung.

Das Publikum ist von Sinns Analyse verblüfft und klatscht brav. Ist das alles zu glauben? „Es stimmt alles, was Hans-Werner gesagt hat“, weiß der Gastgeber, HU-Professor Michael Burda. Er ist kein Europäer, aber immerhin ein „Wannabee“.

Das Publikum, darunter auch Berliner Prominenz wie FDP-Finanzexperte Hermann Otto Solms, hätte Sinns Analysen gar nicht bedurft. Es weiß offenbar schon alles, über den Euro, und so. Der Berliner Professor Charles Beat Blankart etwa plädiert jetzt mal für ein ziemlich anderes privatwirtschaftliches Geldystem à la Mr. Hayek, statt des herrschenden Zentralbank-Monopols.

Und dann: „Herr Sinn, ich teile Ihre Analyse, aber nicht Ihre Schlussfolgerung“. Der Herr in der ersten Reihe hatte sich noch als Markus Kerber vorgestellt. Neben ihm sitzt Hans-Olaf Henkel, BDI-Ex und inzwischen ehrenamtlicher Vorsitzender des DM-Fanclubs: „Herr Sinn, sagen Sie mir, warum hat sich noch kein einziger Professor in Deutschland mit den Folgen eines Ausstiegs aus dem Euro befasst? Und warum sagen Sie nicht, dass der Euro ein Fehler ist?“ „Ich traue mich nicht,“ sagt Sinn. Wie bitte? Er kriegt dann aber noch die Kurve: „Weil ich die Folgen kenne. Wir können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen.“

Anmerkung: In einer früheren Version wurde der erwähnte Herr Markus Kerber als neuer BDI-Hauptgeschäftsführer dargestellt. Dabei handelte es sich um eine Verwechslung. Es handelt sich um einen Berliner Professor gleichen Namens.   

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