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Die Kolumne – Was schert uns Amerika?

10. Juni 2011

Aus den Vereinigten Staaten mehren sich die konjunkturellen Schwächelsignale. Kein Grund zur Panik. Die US-Wirtschaft wird für die Weltkonjunktur immer unwichtiger.

Amerikas Einkaufsmanager hüsteln. Am Arbeitsmarkt wurden weniger Jobs geschaffen. Und in ein paar US-Großstädten sind die Hauspreise gesunken. Schon herrscht Alarm, kursieren Absturzszenarien und Endzeitstimmung. Für die US-Konjunktur. Und die Welt. Selbst der deutsche Aufschwung scheint in Gefahr.

So unken jetzt jedenfalls die Absturzpropheten. Dabei könnte sich das als doppelt daneben erweisen. Erstens sind die USA noch relativ weit von der nächsten richtigen Rezession entfernt. Zweitens sollte uns alles andere heutzutage ziemlich egal sein, weil die US-Wirtschaft an globaler Bedeutung inzwischen dramatisch verloren hat. Historisch. Das könnte auch den Urreflex ad absurdum führen, dass die Weltkonjunktur in Gefahr ist, wenn US-Einkaufsmanager schlechte Laune kriegen.

Fast gleichauf mit China

Klar. Amerikas Wirtschaftswachstum hat zuletzt nachgelassen. Die Unternehmen zögern, massenhaft neue Leute einzustellen. Der hohe Ölpreis belastet. Und am Immobilienmarkt wirkt das Platzen der Blase nach. Nur heißt das allein noch nicht, dass gleich die nächste Rezession kommt.

In kaum einem anderen Land haben Unternehmen die Krise so stark genutzt, sich selbst wieder fit zu machen. Die Produktivität ist seit 2008 hochgeschnellt, die Lohnstückkosten sind stark gefallen. Die Gewinne sind jetzt sogar höher als zu Bestzeiten vor der Krise. Und: Der Dollar ist heute im Schnitt fast 40 Prozent billiger als vor zehn Jahren. Was für US-Firmen einen enormen Schub an Wettbewerbsfähigkeit gebracht hat. Siehe Exportbilanz: Amerikas Ausfuhren sind früher auf Vorkrisenniveau zurückgeschnellt als die gelobten deutschen. In Hightechgüter investieren US-Unternehmen heute ebenfalls deutlich mehr als vor der Krise.

Die Neuanträge auf Arbeitslosengeld sind so stark gesunken, dass nach aller Erfahrung etwas verzögert auch die Arbeitslosenquote bald stark sinken könnte. Ein weiteres positives Zeichen. Per saldo dürfte all das dazu führen, dass die US-Wirtschaft expandiert, nur eben gemäßigter als in ungetrübten Zeiten, so wie das nach einer geplatzten Finanzblase eben oft ist. Die Frage ist, ob uns das sonderlich stören muss.

Klar, Amerika ist wichtig. Nur hat die Finanzkrise den Trend zur globalen Gewichtsverlagerung dramatisch beschleunigt – weg von den Vereinigten Staaten. Schon weil in vielen Schwellenländern ein Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Krise ausblieb, erreichen die zwischenzeitlich geschrumpften USA seitdem einen deutlich kleineren Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt. Ähnliches gilt in Sachen Importmarkt. Noch vor zehn Jahren kauften die Amerikaner fast 20 Prozent der weltweiten Importe. Mittlerweile sind es noch zwölf Prozent. Anno 2000 lag die amerikanische Quote fünfmal so hoch wie die chinesische. Heute trennen beide Länder gerade mal noch drei Prozentpünktchen.

Schon im US-Absturzjahr 2009 wurden erstmals mehr Autos in China neu angemeldet als im Land der Big Three. Zwei Jahre später liegen die Chinesen fast 50 Prozent über den Amerikanern, so Véronique Riches-Flores, Ökonomin bei der Société Générale in Paris. Alles in allem geben die Chinesen zwar nach wie vor nur ein Fünftel dessen aus, was die Amerikaner so ausgeben. Dafür wachsen ihre Ausgaben fünfmal so schnell. Ergebnis: 2010 trug China erstmals genauso viel zum weltweiten Anstieg des Konsums bei wie die Amerikaner. Vor zehn Jahren lag der US-Beitrag fünfmal so hoch.

Noch eindrucksvoller ist der Trend bei den Investitionen, zu deren globalem Wachstum die Chinesen 2010 enorme sieben Prozentpunkte beitrugen und die US-Unternehmen nicht einmal einen. Bei den globalen Direktinvestitionen liegt China selbst im Niveau jetzt gleichauf, ebenfalls historisch: 2010 investierten ausländische Firmen im Reich der Mitte erstmals mehr als in den USA. Vor Kurzem undenkbar.

Wie eindrucksvoll all das den jahrzehntelang immensen Einfluss der US-Konjunktur auf den Rest der Welt relativiert, hat schon die jüngste Krise erahnen lassen. Während die USA in eine gewaltige Rezession glitten, wuchsen Chinesen, Inder und andere fast unbekümmert weiter, gestützt auch von großen Konjunkturpaketen.

Die deutsche Wirtschaft boomt seit zwei Jahren, obwohl hiesige Exporteure heute nicht mehr, sondern weniger in die USA verkaufen als 2005/06. Da kann der Aufschwung definitiv nicht herkommen. Nach China hat sich der deutsche Export allein seit 2007 dafür mehr als verdoppelt. Auch das gleicht einer Zeitenwende: Vor zehn Jahren verkauften die Deutschen fünfmal mehr in die USA als nach China. Jetzt ist China kurz davor, die USA als Absatzmarkt abzuhängen (siehe Grafik) – und als ausländischer Konjunkturmotor.

Wahrscheinlich würde all das vor schwereren Folgen nicht schützen, wenn Amerika in eine tiefe Rezession glitte; dafür ist das Land noch zu gewichtig. Und natürlich hat die jüngste Krise auch gezeigt, wie schnell eine systemische Finanzkrise von New York auf Deutschland überspringen kann. Nur gibt es derzeit weder Rezessionssignale noch eine Blase wie vor 2008 am US-Immobilienmarkt; die Bauinvestitionen sind auf mickrige 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung gefallen, da kann nicht mehr viel einbrechen. Umso nachdrücklicher gilt die neue Regel: Amerika ist im Weltmaßstab eben weit weniger wichtig als früher.

Entsprechend absurd ist, mit welch reflexartiger Aufregung an den Finanzmärkten immer noch jedweder Indikator zur US-Konjunktur bemuttert wird. Entsprechend absurd ist auch, jetzt das Ende vom deutschen Aufschwung zu prophezeien, weil sich in den USA das Wirtschaftswachstum von möglicherweise 3,5 auf nur noch 2,5 Prozent abschwächt.

Selbst wenn Deutschlands US-Export deshalb um fünf Prozent fiele, was sehr unwahrscheinlich ist, würde das rechnerisch nicht einmal 0,1 Prozent der deutscher Wirtschaftsleistung kosten. Ziemlich egal.

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