Startseite > Chefökonom > Die Kolumne – Rechnung an die Bank

Die Kolumne – Rechnung an die Bank

24. Juni 2011

Die Kanzlerin hat in letzter Minute darauf verzichtet, Private für Griechenlands Drama zahlen zu lassen. Gut so. Es gibt subtilere Mittel, Geldinstitute am Schuldenabbau zu beteiligen.

Die Idee ist ja prima. Früher oder später sollten auch die fürs Staatsschuldendrama zahlen, die jahrelang dazu beigetragen haben. Indem sie sorglos griechische Anleihen kauften. Oder so lange mit Geld jongliert haben, bis die Blase platzte und Milliarden Staatshilfen nötig wurden, um Banken zu retten und die Depression zu verhindern. Die Rechnung, bitte.

Es spricht nur einiges dafür, sie etwas später zu präsentieren. Das scheint, zumindest im griechischen Fall, auch die Kanzlerin kurz vor dem EU-Gipfel begriffen zu haben. Weil das Herumdrohen mit Gläubigerhaftung in derart labiler Finanz- und Vertrauenslage immer neue Panikschübe ausgelöst hat, die noch mehr Staatsschulden mit sich bringen.

Es gibt einen galanteren und gleichzeitig radikalen Weg, die Finanzbranche zahlen zu lassen – wie es Briten und Amerikaner nach 1945 gemacht haben, als sie ihre gigantischen Kriegsschulden abtrugen: durch gedrückte Zinsen und erhöhten Druck, Staatsanleihen zu kaufen. Das ist subtiler und wäre womöglich viel effizienter als der heillose Versuch, Defizite über Radikalkonsolidierung, Schuldenschnittgerede oder Drohungen an Anleger zu stoppen. Es müssen ja nicht nur die Griechen eine Menge Schulden abbauen.

Nachkriegszeit als Vorbild

Es hat etwas Groteskes, mit welchem Eifer EU-Kommission und Bundesregierung noch drängen, dass die Griechen ihre Schulden über noch mehr Steuererhöhungen, noch stärker gekürzte Renten und Ausgaben abbauen sollen. Wenn die Griechenland-Krise etwas gezeigt hat, dann, dass es auch bei einem hoch verschuldeten Land desaströs wirkt, das Defizit mit kurzatmigem Herumkürzen und Steuererhöhen senken zu wollen – weil das zunächst nur die Rezession verschärft und dem Finanzminister dann Einnahmen fehlen. Ein Teufelskreis.

Die beiden US-Ökonominnen Carmen Reinhart und Belen Sbrancia zweifeln ebenfalls daran, dass es unter solchen Bedingungen möglich ist, aus den Schulden herauszuwachsen – durch hohes Wirtschaftswachstum. Lehrreicher sei, was Briten und Amerikanern nach 1945 geholfen hat und von Fachleuten „Financial Repression“ genannt wurde.* Fast vergessen.

Nach Kriegsende hatten die Briten Staatsschulden, die mehr als doppelt so hoch waren wie ihr Bruttoinlandsprodukt, viel mehr als heute die Griechen. Die Amerikaner kamen auf fast 120 Prozent. Zehn Jahre später lagen die Raten nur noch etwa halb so hoch – atemberaubend (siehe Grafik).

Am Wirtschaftswachstum allein könne das nicht gelegen haben, so Reinhart und Sbrancia. So hoch war das damals nicht. Es gab auch keinen Schuldenschnitt, wie ihn Rumpelökonomen gerade für ein häufig zitiertes südeuropäisches Land fordern. Auch keine Hyperinflation, mit der Staatsschulden weginflationiert werden und die ja auch, sagen wir, nicht uneingeschränkt populär ist.

Der Trick lag in der starken Regulierung, die Amerikaner wie Briten nach dem Liberalisierungsdesaster samt Großer Depression in den 30er-Jahren begonnen hatten. Dazu gehörte, dass auf Bankeinlagen Zinsobergrenzen eingeführt wurden, die dazu führten, dass es attraktiver schien, dem Staat mäßig verzinste Staatsanleihen abzukaufen. Oder dass die Leitzinsen niedrig gehalten wurden. Und dass es strikte Auflagen dafür gab, Geld ins Ausland zu schaffen, damit auch keiner vor den niedrigen Zinsen fliehen konnte. Dazu gehörte auch, dass die Regierungen Auflagen erließen, wonach zum Beispiel Pensionsfonds gezwungen wurden, einen bestimmten Teil der Depots mit Staatsanleihen zu bestücken. Was den Schuldendienst ebenso erleichterte.

Wie die US-Expertinnen eindrucksvoll darlegen, lagen die Zinsen in dieser Zeit daraufhin viel niedriger als in (früheren oder späteren) Zeiten stark liberalisierter Finanzmärkte – bei mäßig höherer Inflation. In den USA gab es in jedem vierten Jahr zwischen 1945 und 1980 mehr Inflation als Zinsen, sprich: negative Realzinsen. Bei den Briten war das in fast jedem zweiten Jahr so. Unter einem Prozent lagen die britischen Realzinsen knapp drei von vier Jahren.

Jedes Jahr mit negativen Zinsen reduziert Staatsschulden. Und der Effekt ist enorm. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sparten die USA in dieser Zeit jährlich gut drei Prozent an Zinszahlungen, die Briten sogar 3,6 Prozent, wie Reinhart und Sbrancia unter eher konservativer Annahme schätzen. Schon das hat die Schulden in zehn Jahren um mindestens 30 bis 40 Prozent des BIPs sinken lassen. Wofür die wenigen anderen Länder, denen so was bei normaleren Zinsen gelang, ein paar Jahrzehnte brauchten. Oder einen Dauerboom.

Wie Reinhart und Sbrancia ausrechneten, wären die Staatsschulden in Großbritannien ohne den Liquidierungseffekt niedriger Zinsen 1955 auf fast 250 Prozent gestiegen – statt auf 138 Prozent zu fallen. In den USA hätten sie zehn Jahre nach dem Krieg bei 140 statt bei 66 Prozent gelegen. Eine Frage von Pleite oder Nichtpleite.

Klar: Solch staatlich gedrückte Zinsen sind de facto eine versteckte Steuer auf Ersparnisse und Erträge der Finanzbranche, die der Staat zum Schuldenabbau nutzt. Nicht schön. Die Frage ist nur, was die Alternative ist. Immerhin ist – Obacht, Frau Merkel – damit auch der viel bemühte Privatsektor am Abbau der mitverschuldeten Staatsschulden beteiligt. Nur dass das Modell eher, sagen wir, hinterrücks wirkt. Und sich daher nicht so populär nutzen lässt, wie die Kanzlerin es gern hätte, damit die überforderten Abgeordneten im Bundestag dem nächsten Hilfspaket zustimmen.

Das Rezept würde die Konjunktur nicht so bremsen wie endloses Herumkürzen an Renten und Investitionen. Niedrige Zinsen helfen auch da. Und es trifft eine Branche, in der spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise fraglich ist, welchen gesellschaftlichen Mehrwert ein Großteil der Geschäfte überhaupt hat – ohne dass es potenzielle Käufer griechischer Staatsanleihen abschreckt, weil sie bei einer Pleite ihr Geld verlieren.

Könnte sogar sein, dass die Rückkehr zur Finanzwelt der Nachkriegszeit der einzige Weg ist, auf dem die weltweit hochgeschnellten Staatsschulden überhaupt wieder abgebaut werden – zusammen mit gestärktem Wirtschaftswachstum. Es ist ja nicht so, als seien die Jahre so schlecht gelaufen, in denen die Finanzbranche zwischen 1945 und 1980 am ganz großen Geldmachen gehindert war.

*„The Liquidation of Government Debt“, Carmen Reinhart, Belen Sbrancia, NBER Working Paper 16893, März 2011

E-Mail fricke.thomas@guj.de

About these ads
Schlagworte:
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 118 Followern an