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Lindau: Die Europäer geben ungern Verantwortung ab

24. August 2011

In Sachen Arbeitsmarkt können wir uns von den USA noch eine Menge abgucken – das zumindest legen die Arbeitsmarktdaten der beiden Wirtschaftsregionen nahe. Mit der Frage, was geanu wir lernen können und wo es in Eurozone Potential für neue Arbeitsplätze gibt, beschäftigte sich der Nobelpreisträger Christopher A. Pissarides in seinem Vortrag zur “Zukunft der Arbeit in Europa”. Ein Bericht von der Nobelpreisträgerkonferenz in Lindau.

Der Anteil der Beschäftigten an der arbeitsfähigen Bevölkerung ist in den Staaten mit fast 80 Prozent nicht nur gut zehn Prozent höher als in der Eurozone, auch die Entwicklung des Arbeitsmarktes in den USA war, betrachtet man die vergangenen 40 Jahre, positiver. Seit den 70er Jahren ist die Zahl der Beschäftigten in den USA stetig gestiegen. In der Eurozone ging sie bis in die 90er Jahre zurück.

“In der Arbeitskultur der beiden Wirtschaftsräume bestehen große Unterschiede, was die Auslagerung von Tätigkeiten angeht.”, sagte Pissarides in seinem Beitrag. Dies beträfe sowohl den privaten als auch den geschäftlichen Bereich. Ein Drittel der geringeren Arbeitsquote der Eurozone ließe sich so erklären. “Die größten Unterschiede in den Beschäftigungszahlen gibt es im Bereich Business Services, wie Accounting, Consulting oder Human Resources.”, so Pissarides. “Amerikanische Firmen beauftragen gern andere Unternehmen, diese Tätigkeiten für sie zu übernehmen, während die Europäer ihnen lieber intern nachkommen.” Das könnte, laut Pissarides, unter anderem daran liegen, dass die Rahmenbedingungen für Unternehmen in Europa schlechter seien. So würden weniger Firmen gegründet, die den Auslagerungs-Tätigkeiten nachgehen könnten.

Es sei aber auch eine Frage der persönlichen Präferenzen, ob und wie viel Arbeit abgegeben wird. “Bei privaten Verbrauchern spielen diese Vorlieben eine besonders große Rolle. Viele US-amerikanische Haushalte lassen außenstehende Personen für sie einkaufen gehen, kochen oder auf die Kinder aufpassen. In Europa hat sich dieser Trend weit weniger durchgesetzt.” Vor allem die Deutschen, Italiener und Belgier kämen ihrer privaten Arbeit lieber selbst nach. “Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Erziehung ihrer Kinder. Die geben sie nicht gern in fremde Hände, sondern lassen sie lieber von Freunden oder Familienmitgliedern betreuen.”

Da es eben Geschmackssache sei, welche Tätigkeiten man selbst ausführen wolle, sei der strukturelle Unterschied nicht generell als schlecht zu bewerten. Trotzdem gäbe es Möglichkeiten, positiv auf den Arbeitsmarkt einzuwirken und bessere Bedingungen für das Entstehen neuer Jobs zu schaffen. Neben den Unternehmensbedingungen würde auch die Besteuerung von Arbeit eine große Rolle spielen. “Höhere Steuern führen dazu, dass weniger gearbeitet und weniger ausgelagert wird.” Diese Aspekte sollten sowohl Wissenschaftler als auch Politiker in ihre Betrachtungen des Arbeitsmarktes mit einbeziehen.

Von Sandra Kaselow

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