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Lindau: Nobelpreisträger tendenziell ratlos

29. August 2011

In Lindau trafen sich einige der ausgewiesener Maßen klügsten Ökonomen. Auch sie sind sich nicht einig darüber, wer oder was Schuld an der Finanzkrise war. Das Vertrauen in “den Markt” schwindet. Doch was folgt statt dessen?

Auf den Transparenten, die Demonstranten an die alte Lindauer Stadtmauer gehängt hatten, stand viel Böses. Dass sie sich schämen sollten, konnten die Nobelpreisträger dort jeden Abend lesen, wenn sie in den vergangenen Tagen aus der Lindauer Inselhalle herauskamen.

Doch die alten Fronten, an die die Attac-Leute offenbar noch glauben, gibt es kaum noch. Neben dem Währungstheoretiker Robert Mundell hat das Lindauer Treffen ein Mann dominiert, der selber einer der eloquentesten Kritiker des Marktglaubens ist: Joseph Stiglitz nutzte Dutzende von Interviews und mehrere Vorträge für sein ceterum censeo: Finanzmärkte sind, alleine gelassen, nicht effizient.

Sein Vortrag am Freitag war dann das highlight der Tagung, in dem er eine Wirtschaftswissenschaft forderte, die „funktioniert“: ein neues Paradigma, das mit Krisen, Ansteckung und der ganzen Instabilität der Finanzmärkte umgehen kann. In einem solchen Paradigma dürften dann auch solche Dinge wie „bankruptcy cascades“, also Pleitewellen eine große Rolle spielen. Hunderte von Jungökonomen hörten es und bei vielen unter ihnen dürfte er durchaus Zustimmung gefunden haben.

Es mangelt also auf einem Treffen der klügsten und belesensten Wissenschaftlern nicht an Gegenmeinungen zum vermeintlichen mainstream. Vielmehr offenbart sich in der Summe der vielen Veranstaltungen und Diskussionen eine große Ratlosigkeit, die den Laureaten wohl selbst gar nicht bewusst ist. Diese Ratlosigkeit ersetzt immer mehr den alten, naiven Expertenglauben. Politiker können sich künftig immer weniger auf angeblichen Konsens unter Fachleuten berufen. Denn neben Stiglitz gab es in Lindau eben auch Ökonomen wie Mundell, Edward Prescott oder Myron Scholes, die ganz andere Thesen vertreten. Woran soll man sich da als Normalmensch mit durchschnittlichem Ökonomie-Wissen halten?

Die Abschlussveranstaltung am Samstag, moderiert von Regulierungsökonom Martin Hellwig, versuchte noch einmal zu klären, ob es inzwischen, vier Jahre nach Ausbruch, eine Art Konsens über die Ursachen der großen Finanzkrise gibt. Ergebnis: Eher nicht.

Hellwig selbst fasst einige Erklärungen zusammen: “Bob Mundell sagt, die Wechselkurse waren’s. Für Joe Stiglitz waren es Verbriefungen und neue riskante Finanzprodukte.” Vor allem zeigte sich im Nachhinein, wie schlecht die Warnsysteme funktioniert hatten. Hellwig: „Ich erinnere mich an eine Tagung der Bank für internationalen Zahlungsausgleich BIZ im Juni 2007. Da war öfter von hedge funds die Rede, aber nicht von spezial purpose vehicles oder subprime“ – also den Dingen die danach so wichtig wurden.  

Wie groß ist die Hoffnung, dass man heute schlauer ist? Die Lehren sollten in diesem Falle bei Wolfgang Schäuble angekommen sein. Der Bundesfinanzminister hält eine kurze Abschlussrede. Er sagt zwar: „Politiker brauchen die Märkte, denn diese sagen ihnen, was sie nicht hören wollen.“ Aber er sagt auch: „Zu lange galt das Dogma, unregulierte Märkte seien das Beste für das Wohl der Menschen.“ Es brauche eine neue Balance aus Markt und Staat.

Schäubles Kronzeugen sind die Ökonomen der Freiburger Schule. Aber so weit ist das auch nicht von Stiglitz’ Thesen entfernt.


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