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Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik – Neuroökonom Fehr hebt gängige Lehre aus den Angeln

5. September 2011

Diese Ehre kommt nur den wirklichen Größen der deutschsprachigen Zunft zuteil. Der mit der Thünen-Vorlesung geehrte österreichische Volkswirt Ernst Fehr nutzte die Möglichkeit und stellte Montagabend kurzerhand die gängige Lehre auf den Kopf. Das Ergebnis seines Vortrags: Wenige Jahre Neuroökonomie reichen und der wichtigste Baustein der Mikroökonomie – das Nutzen maximierende Individuum – wirkt maximal wie eine unzureichende Schlechtkonstruktion. Im schlimmsten Fall basieren auf der Annahme regelmäßig weitreichende Fehlentscheidungen.

Das Thema sei ungewöhnlich, kündigte der Neuroökonom Ernst Fehr eingangs beinahe entschuldigend an. Und tatsächlich: Einige Befunde der jungen Abzweigung der Wirtschaftswissenschaft wurden mithilfe von Experimenten an Affen gewonnen. Der Versuch mit Menschen war in diesem Fall nicht erlaubt. Jung ist die Neuroökonomie, zehn Jahre etwa. Viele Ergebnisse seien nicht älter als fünf, so Fehr. Die gängige Ökonomie könnten sie jedoch schon bald revolutionieren. So klingt es, wenn der Pionier, der in den wichtigsten Journals der Welt veröffentlicht, davon spricht: „Das Gehirn kontrolliert unser Verhalten. Das gilt auch für ökonomische Entscheidungen.“

Bislang beschäftigte sich die Ökonomie nicht mit den Abläufen im menschlichen Kopf. Sie wurden schlicht als gegeben angenommen. Zwei Gründe gibt es dafür: Lange war das technisch nicht möglich, so Fehr. Die andere Ursache – und hier kritisiert Fehr die eigene Zunft: Volkswirte hielten es in der Vergangenheit schlicht für unnötig sich anderen Bereichen wie der Psychologie oder Biologie zu öffnen. Warum sind die gleichen Menschen in Experimenten im Dunkeln egoistischer als in ausgeleuchteten Räumen? Warum handeln Probanden mit Kriegserfahrung altruistischer?

Die gängige Lehre hat darauf keine Antworten. Eigentlich sollten Menschen immer konsistente Präferenzen haben und sich daher immer gleich entscheiden. Will man die Wirtschaft aber wirklich verstehen, muss man wissen, was im Kopf des Menschen vorgeht. Fehr guckt tatsächlich ins menschliche Gehirn. Und kommt zu dem Schluss: Neuronale Aktivität beeinflusst ökonomisch relevantes Verhalten. Verändert die Zahlungsbereitschaft für einfache Konsumgüter wie DVDs, macht Menschen ungeduldiger und eigennütziger. Und mindert die Einhaltung sozialer Normen trotz existierender Sanktionsdrohung. Deshalb handeln Menschen nicht konsistent. Die Neuroökonomie dreht die Kausalität um.

In einem Experiment wurde mithilfe von Magnetstimulation die neuronale Aktivität im Gehirn gezielt verändert. Am Ende handelten Versuchspersonen signifikant anders, so die Ergebnisse von Fehrs Arbeiten. Das Problem: Niemand weiß im Alltag, wann die neuronale Aktivität wie hoch ist. Entsprechend ist die Fehleranfälligkeit groß. Auf Fachchinesisch: Weil die Aktivitätsrate von Neuronen inhärent stochastisch ist, sind auch die Entscheidungen der Menschen stochastisch. Die Implikationen sind weitreichend. Weil Fehler systematisch vorkommen, so Fehr, müssen auch Informationen darüber, unter welchen Umständen eine Entscheidung zustande gekommen ist, in die Wohlfahrtsmessung einfließen. „Die Theorie bekundeter Präferenzen ist keine ausreichende Grundlage zur Messung individueller und kollektiver Wohlfahrt

Konkreter: Fallen Entscheidungen unter Zeitdruck, haben sie größeren Zufallscharakter und sind daher fehlerhafter. Ein einfaches Beispiel: Das Rücktrittsrecht von Kaufverträgen, die aufgrund von Vertreterbesuchen im Haushalt eines Kunden abgeschlossen wurden, kann entsprechend sinnvoll sein. Nach der gängigen Lehre weiß jeder Mensch sehr genau, ob er einen neuen Staubsauger oder die Thermodecke braucht oder nicht – ein solches Rücktrittsrecht wäre also unnötig. Noch steckt die Neuroökonomie in Kinderschuhen. Weitreichende Fragen sind jedoch schon jetzt sichtbar: Inwieweit können Menschen für ihr Handeln überhaupt verantwortlich gemacht werden, wenn die neuronalen Ressourcen zur Impulskontrolle fehlen? Und wie kann Impulskontrolle „anerzogen“ werden?

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