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Deutschland steuert auf eine Rezession – doch was ist das überhaupt?

14. September 2011

Noch vor ein paar Wochen schien für Deutschlands Wirtschaft nur ein Schlagwort zu gelten: Aufschwung. Seitdem hat sich der Tonfall so rapide geändert wie selten zuvor. Seit gestern gibt es erstmals wieder Forschungsinstitute, die für Deutschland sogar das R-Wort gebrauchen. Die deutsche Wirtschaft könnte in den beiden Winterquartalen um je 0,1 Prozent schrumpfen. Doch ist das schon eine Rezession?

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Die Konjunkturforschung ist heute weit davon entfernt, sich auf eine einheitliche Regelung zu verständigen. „Der Begriff Rezession wird generell auf Schwächephasen angewendet, deren Dauer, Tiefe und Verbreitung über das normale Maß hinausgehen“, sagt Klaus Abberger, Umfragechef beim Münchner Ifo-Institut. Die hierzulande gängige Definition stammt aus den USA und geht auf den Ökonomen Julius Shiskin zurück. Erstmals erwähnte er 1974 die Daumenregel, nach der eine Wirtschaft in der Rezession steckt, sobald das reale Bruttoinlandsprodukt in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Quartalen gegenüber der Vorperiode schrumpft.

Doch ausgerechnet in der größten Volkswirtschaft der Welt ist eine ganz andere Lesart verbreitet. Im National Bureau of Economic Research (NBER) ist eine ganze Abteilung vor allem damit beschäftigt, den US-Konjunkturzyklus zu datieren. Die Interpretation für einen kräftigen Abschwung lautet dort: „Eine Rezession ist ein signifikanter Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Aktivität über mehrere Monate, der sich sichtbar in den Stellgrößen Bruttoinlandsprodukt, Realeinkommen, Beschäftigung, Industrieproduktion sowie Groß- und Einzelhandel niederschlägt.“

Die Bewertung hängt also nicht allein an den mathematischen Vorzeichen von ökonomischen Quartalszahlen. Entsprechend gab es in der Vergangenheit schon so manche Verwirrung. Vor allem wenn Zahlen nachträglich revidiert werden, was bekanntlich laufend geschieht. Für die US-Wirtschaft etwa stellte das NBER für März bis November 2001 eine Rezession fest. Das Problem: Zunächst gab es in dieser Zeit nur im dritten Vierteljahr ein Minus. Zwischenzeitlich revidierten die Statistiker die ersten drei Jahresquartale ins Negative. Doch auch das stimmt nicht mehr: Heute notiert die Statistik für 2001 wachsende und schrumpfende Quartale – im ständigen Wechsel. Rezession nach deutscher Lesart: Fehlanzeige.

Die Zwei-Quartals-Regel ist kein immer passendes Maß, sagen Fachleute. Insbesondere für die deutlich schneller als Deutschland wachsende Weltwirtschaft nicht. Verantwortlich sind die expansionsstarken Schwellenländer. 2008 führte der Internationale Währungsfonds eine eigene Interpretation ein, indem er eine Wachstumsschwelle von drei Prozent festsetzte. Erreicht die globale Konjunktur diesen Wert nicht, herrscht nach IWF-Auffassung Rezession.

Aber auch für Deutschland ist die bekannte Daumenregel nur eine Näherung, sagen Fachleute. „Um die Position der Wirtschaft im Konjunkturzyklus angemessen zu bestimmen, sollte auch immer die Auslastung berücksichtigt werden“, so Abberger. Von einer Rezession sollte erst gesprochen werden, wenn die Kapazitätsauslastung nach zwei oder mehr Minusquartalen deutlich unter den langfristigen Schnitt fällt, sagt er.

Heute ist die Wirtschaft zu 86 Prozent ausgelastet und damit deutlich stärker als im Schnitt der Vergangenheit: Das Mittel liegt bei gut 83 Prozent. „Das ist aber nur ein kleiner Puffer. Sollte die Wirtschaft tatsächlich zwei bis drei Quartale schrumpfen, könnte das Polster aufgebraucht sein“, so Abberger. Tatsächlich lag der Wert vor der Finanzkrise mit knapp 89 Prozent deutlich über dem heutigen Stand.

„Normalerweise gehen richtige Rezessionen mit einem deutlichen Rückgang der Investitionen einher“, sagt Roland Döhrn, Konjunkturchef am Forschungsinstitut RWI. Entsprechend berücksichtigt er vor allem diese im Zyklus stark schwankende Stellgröße. Noch veranschlagen die Experten vom IW Halle und Kiel Economics in den kommenden beiden Winterquartalen ein Minus bei den Investitionen von je 0,3 Prozent. Im kommenden Jahr könnte das Plus demnach nur noch bei 3,7 Prozent liegen; statt bei fast zehn Prozent wie bislang veranschlagt. Diese Zahlen sprechen noch nicht für eine tiefe Rezession in Deutschland.

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