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Holger Schmieding – Eine hausgemachte Rezession?

14. September 2011

Wenn ein zauderndes Deutschland im letzten Quartal tatsächlich in eine Rezession schliddern sollte, dann hat ein Land besonders Schuld daran: Deutschland selbst. Langwierige Diskussionen über die Konditionen zur Rettung Griechenlands verunsichern Anleger weltweit. Einige zweifeln sogar schon daran, dass die Bundesrepublik dem Euro überhaupt treu bleiben wird. Die daraus resultierte Investitionszurückhaltung betrifft nicht mehr nur die Euro-Peripherie, sondern plötzlich auch die wachstumsverwöhnten Deutschen.

Was ist nur mit den Deutschen los? Schauen wir auf den aktuellen Kranz der Daten, der bis in den Juli reicht, so können wir nur einen Schluss ziehen. So gut wie heute ist es einem vereinten Deutschland seit Kaisers Zeit nicht mehr gegangen. Die Beschäftigung wächst rasant, die Inflation ist niedriger als zu Zeiten der Bundesbank, wir sind auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Staatshaushalt. Im ersten Halbjahr 2011 ist unser Staatsdefizit auf nur 0,6% unserer Wirtschaftsleistung gefallen. Mittlerweile trauen sich die Menschen sogar wieder, ein Haus zu kaufen und sich für ein zweites oder drittes Kind zu entscheiden, laut den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Auch politisch gesehen geht es uns eigentlich gut: wahrscheinlich erstmals in unserer Geschichte sind wir umgeben von Freunden.

Dennoch grassiert in Deutschland die Angst. Diese Angst hat sich mittlerweile verselbständigt. So belegen beispielsweise die Wirtschaftsdaten aus Athen, dass Griechenland sich einem der wohl härtesten Sparprogramme unterworfen hat, das ein entwickeltes Land jemals in Friedenszeiten umgesetzt hat. Griechenland spart sich nahezu zu Tode. Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von über 5% im Jahr 2010 wird die griechische Wirtschaft unter der Last der nahezu beispiellosen Austerität in diesem Jahr wohl um etwa 6% schrumpfen. Dennoch herrscht in Deutschland der Eindruck vor, die Griechen würden sich nicht genug anstrengen, um unsere Hilfskredite zu verdienen.

Als wir im Mai 2010 beschlossen, Griechenland und dann den Euro zu unterstützen, konnte die deutsche Wirtschaft zu genau der Zeit den kräftigsten Aufschwung seit 20 Jahren genießen. Mit dem EFSF haben wir unseren Aufschwung und unsere Staatsfinanzen gesichert.

Aber aus Sorge, dass wir mit einer zu großzügigen Hilfe für Griechenland die Kaufkraft des Euro gefährden und eigene Steuergelder verschwenden würden, hat Deutschland auf dem Euro-Gipfel am 21. Juli durchgesetzt, griechische Staatsanleihen teilweise umzuschulden.

Als wir Banken und Versicherer dazu verdonnerten, einen „Beitrag für Griechenland“ zu erbringen, mag das gerecht geklungen haben. Aber wir müssen nach den Folgen fragen, nicht nach den guten Absichten. Wir haben damit ein vorab gegebenes Versprechen gebrochen. Das Ergebnis ist, dass die furchtsamen Sparer der Welt jetzt die Anleihen anderer Südstaaten Europas meiden. Mit einem Run auf Italien und Spanien und sogar Gerede über Frankreich kam es kurz nach dem Gipfel zu genau den Turbulenzen, vor denen die Europäische Zentralbank vorab immer gewarnt hatte.

Diese Marktturbulenzen haben mittlerweile so weite Wellen geschlagen, dass sie sich auf das Verhalten der Unternehmen und Haushalte auswirken. Es zeichnet sich ab, dass Unternehmen Investitionen zurückstellen und weniger Arbeitskräfte einstellen werden, bei uns und in anderen Teilen Europas. Die Folge dürfte sein, dass die deutsche Wirtschaft Ende des Jahres 2011 für einige Zeit den Rückwärtsgang einlegt.

Die aktuelle Diskussion, ob wir Griechenland künftige Hilfskredite verweigern sollten, hat diese Sorgen an den Märkten nur noch bestärkt. Rund um die Welt glauben ja ohnehin viele Investoren, dass Deutschland sich in absehbarer Zeit vom Euro verabschieden wird. Alles, was diesen irrationalen Verdacht schürt, kann neue Marktturbulenzen auslösen. Deshalb hat der Markt so massiv auf den Rücktritt von Jürgen Stark aus dem Vorstand der Europäischen Zentralbank und auf das Gerede unseres Wirtschaftsministers über einen griechischen Staatsbankrott reagiert.

In nervösen Märkten können kleine Ursachen große Wirkungen haben. Mit seiner Haltung zu Griechenland hat Deutschland leider die irrationalen Ängste vieler Anleger in den letzten acht Wochen eher genährt als gedämpft. Das Ergebnis könnte sein, dass die so ausgelösten Marktturbulenzen unsere Wirtschaft für kurze Zeit in die Rezession zwingen könnten. Sollte es bei uns tatsächlich zu einer Rezession kommen, müsste man sie deshalb eigentlich als weitgehend hausgemacht einstufen.

Die großen Entscheidungen über Europa stehen uns erst noch bevor. Am 29. September stimmt der Bundestag ab über den gestärkten Rettungsschirm EFSF. Würde Deutschland als größter Garantiegeber „nein“ zum stärkeren Rettungsschirm sagen, könnte dies die Marktturbulenzen noch einmal verstärken. Im schlimmsten Fall könnten wir eine Kettenreaktion auslösen, die nach Italien und Spanien auch Frankreich an den Rand des Staatsbankrotts treiben könnte. Unsere eigene Konjunktur würden wir mit solchen Turbulenzen unserer wichtigsten Handelspartner wohl auch für längere Zweit versenken.

Die Erfahrung der letzten Woche zeigt, dass wir solche hypothetischen Risiken ernst nehmen müssen. Glücklicherweise sieht es ganz so aus, als würde der Bundestag dem gestärkten Rettungsschirm zustimmen.

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