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Die Kolumne – Jetzt ist auch mal gut mit Griechenland

30. September 2011

Seit zwei Jahren wird bei uns über die Griechen eigentlich immer das Gleiche gesagt. Höchste Zeit, das Land mal für ein paar Wochen auf den Index zu setzen. Das könnte Wunder wirken.

Es gab mal Zeiten, da hat sich kein Schwein für Griechenland interessiert. Das ist seit zwei Jahren anders. Seitdem vergeht bei uns kein Tag, an dem nicht irgendein Politiker feststellt, wie pleite der Grieche ist. Und was der Grieche wieder für Geld ausgegeben hat. Und ob wir dem Griechen wirklich helfen sollen. Tagein, tagaus. Grieche hier, Grieche da. Egal ob der Grieche zwischenzeitlich spart oder nicht. Und ob der Grieche wirklich unser größtes Problem ist.

Vielleicht wäre es nach wochenlanger Qual ums Votum unserer Abgeordneten zum Rettungsschirm gut, Griechenland für, sagen wir, zwei Monate verbal auf den Index zu setzen. Warum nicht ein kleines Gesetz, das bis Weihnachten verbietet, „Griechenland“ zu sagen? Kein Denkverbot, klar. Nur ein befristetes Sprachverbot. Das könnte Wunder wirken.

Griechen sind nicht die Krise

Die griechischen Schulden sind für Griechenland zwar hoch, global aber eher niedlich. Was der Grieche in Jahrzehnten an Schulden mühsam gesammelt hat, gibt der US-Präsident im laufenden Geschäft mal eben fürs neue Konjunkturpaket aus. Jetzt können Sie sagen, dass wir für den Griechen auch bürgen müssen. Klar. Nur bürgen wir längst ja auch für andere. Und wenn die Schlagkraft des Euro-Rettungsfonds jetzt noch mal erhöht werden muss, liegt das ja nicht daran, dass die Griechen mehr brauchen, sondern daran, dass die immer groteskere Marktpanik auf Italien und Spanien überzuspringen droht, was für uns selbst desaströs wäre.

Würden wir uns ein paar Wochen einfach mal mit anderem beschäftigen, hätte das eine Menge Vorteile. Dann müsste man nicht fünfmal am Tag den blöden Spruch hören, dass alle Griechen ja mit 57 in Rente gehen, während wir bis, ach, ins hohe Alter schuften – was beides Legenden sind: Der Grieche geht im Schnitt mit deutlich über 60 in Rente und die Deutschen auch nicht viel später.

Dann müssten wir nicht mehr täglich schenkelklopfende Besserwisser ertragen, die wieder mal zu berichten wissen, dass selbst ein Grieche jetzt gesagt habe, wie furchtbar die griechische Bürokratie ist. Das kennen wir Deutschen natürlich gar nicht.

Noch ein Vorteil: Wenn wir nicht mehr über Griechen schimpfen dürften, könnten wir in Ruhe mal wieder im Jahresbericht des hiesigen Bundesrechnungshofs stöbern und entdecken, dass der Bürgermeister von Huttentuttenheim mit Steuermitteln seinen Privatpool saniert hat. Ach, wie schön. Dann könnte der BDI zum Industrietag auch wieder zukunftsweisendere Leute einladen als den Premier eines kleinen Randlandes.

Dann müssten arme deutsche Wirtschaftsprofessoren auch nicht mehr so viel über ein Land reden, das sie nicht kennen und dessen Probleme sie auch glatt übersehen haben; hat bis vor Kurzem ja auch keinen interessiert. Und sie müssten nicht zum tausendundersten Mal zur „geordneten“ Pleite raten, was toll klingt, derzeit aber einfach panikbedingt nicht geht. Weshalb die Kanzlerin zu Recht sagt, dass es interessant sei, unseren Professoren zuzuhören, ihre Vorschläge aber durchaus noch wirklichkeitstauglicher werden könnten.

Wenn unsere Gewerkschaften dann noch fordern würden, den Mindestlohn, sagen wir, zu verdoppeln, hätte auch der Chef des Sachverständigenrats wieder was zum Aufregen aus seiner eingeübten Stammkompetenz (in der Finanzkrisen unglücklicherweise nicht vorkommen).

Es hat etwas Gagaeskes, mit wie viel Oha bei uns deklariert wird, dass der Grieche ja „längst pleite“ sei. Es kauft de facto halt keiner mehr freiwillig griechische Anleihen. Das ist schon eine Weile so. Auch den Befund könnten wir uns sparen.

Klar ist es einfacher, die Griechen zum Prototyp der Krise zu machen. Das versteht jeder, passt ins Klischee – und in plumpeste Ökonomiemodelle, wonach alles Übel immer vom Staat ausgeht. Da ist es natürlich viel unbequemer, erklären zu müssen, warum Spanien und Irland kriseln, obwohl sie ihre Staatsschulden vor der Krise so stark abgebaut hatten, wie es die Deutschen nicht mal in irgendwelchen mittelfristigen Finanzplanungen vorhatten. Oder warum sich Banken- und Staatsschuldenkrise derzeit so fatal gegenseitig verstärken. Und dass es um Ansteckungseffekte an entgleisten Märkten geht. Worin die Dramatik der Krise liegt – nicht beim unwichtigen Griechen.

Es könnte schon eine Menge helfen, wenn deutsche Regierungsmitglieder nicht mehr alle paar Wochen tolle Vorschläge machen, wie kürzlich unser junger Wirtschaftsminister zur geordneten Pleite. Siehe oben. Das hat neue Panik geschaffen. Oder wie einst die Kanzlerin, als sie holprig eine (an sich ja sinnvolle) Privatgläubigerhaftung einbrachte – in einem Moment, wo Investoren ohnehin schon Panik hatten. Das ließ erst die Iren kollabieren, brachte dann Italien unter Druck – und brockte den Deutschen de facto höhere Hilfen ein. Bravo. Einen Teil der Forderungen haben sich unsere Regierenden mit ihrem Geplapper selbst zuzuschreiben.

Nicht plappern, handelnDie vergangenen Wochen lassen ahnen, was in dieser zugespitzten Finanzkrise hilft: Ruhe stiften durch große Schutzaktionen. Als die EZB im Juli spanische und italienische Staatsanleihen zu kaufen begann, sanken die Risikoprämien rapide – was vorher kein deutscher Vorschlag zu Stabilitätspakten und Schuldenbremsen schaffte. Und seit darüber spekuliert wird, den Rettungsschirm noch viel schlagfertiger zu machen, um künftig Panikattacken zu verhindern, fielen in den vergangenen Tagen ebenfalls die Zinsen. Das wirkt.

Nicht (zu viel) plappern, sondern gegenhalten, und zwar bedingungslos. Für alles andere ist die Krise zu fortgeschritten. Da könnte es durchaus helfen, mal ein paar Wochen über anderes zu reden als über griechische Stromrechnungen und so.

Gut möglich, dass ein Griechen-Verzicht helfen würde, die Spirale an den Märkten zu stoppen. Den Griechen ließe es Zeit, mittelfristige Konsolidierungspläne zu machen, statt bei jedem Panikschub unter deutschem Plapperdruck Ad-hoc-Kürzungen nachzulegen, die nur die Rezession verlängern. Vielleicht sieht es bis Weihnachten dann schon viel besser aus. Kann nur sein, dass uns so ganz ohne Griechen-Spott etwas fehlen wird. Schlimmstenfalls müssen wir uns dann wieder mit uns selbst beschäftigen. Furchtbarer Gedanke.

Email: fricke.thomas@guj.de

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