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Fabian Fritzsche – Mehr Konsum statt Gürtel-enger-schnallen

23. Oktober 2011

Südeuropa kämpft mit negativen Leistungsbilanzsalden und zum Teil gravierenden Nettoschulden. Andere Eurozonenländer wie Deutschland, die Niederlande, Belgien, Österreich und Finnland haben dagegen lange unter ihren finanziellen Möglichkeiten gelebt. Sollte jetzt nur in Südeuropa reformiert werden, dann müsste die Eurozone insgesamt Leistungsüberschüsse im Ausland erwirtschaften – nur ist das kaum möglich. Die Stärkung der Binnenkonjunktur wäre die realistischere Lösung.

Der Suchbegriff „Schuldenkrise“ führt bei Google zu über 7 Mio. Treffern, das Thema beherrscht seit Monaten die Finanznachrichten. Und wer in einer Schuldenkrise steckt, hat offenbar über seinen Verhältnissen gelebt, so die weit verbreitete Schlussfolgerung. Diese Sichtweise ist jedoch in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen wird von den Staatsschulden auf die gesamte Volkswirtschaft geschlossen – der Staat hat Schulden, also hat die Volkswirtschaft insgesamt demnach zu viel ausgegeben. Zum anderen kann ein Einzelhaushalt dank Krediten über seinen Verhältnissen leben und auch eine einzelne Volkswirtschaft kann sich im Ausland verschulden. Die Schulden des Einen sind jedoch die Guthaben eines Anderen, alle zusammen können also nicht über den Verhältnissen leben; insgesamt kann nur verbraucht werden, was produziert wurde.

Eine Volkswirtschaft besteht neben dem Staat aus privaten Haushalten und Unternehmen. Die wirtschaftlichen Beziehungen dieser drei Sektoren zum Ausland werden in der Leistungsbilanz festgehalten. Ist der Saldo der Leistungsbilanz negativ, steigen die Auslandsverbindlichkeiten und das Land lebt über seinen Möglichkeiten, umgekehrt bei einer positiven Leistungsbilanz. Die Summe aller weltweiten Leistungsbilanzsalden ergibt Null. Es wäre zwar denkbar, dass alle Volkswirtschaften der Eurozone einen negativen Leistungsbilanzsaldo aufweisen, tatsächlich ist der Saldo in Summe zuletzt nur leicht negativ gewesen, im längerfristigen Durchschnitt liegt er bei null. Das heisst nichts anderes, als dass die Eurozone insgesamt weder über noch unter ihren Verhältnissen lebt. 

Diese simple Erkenntnis wird weitestgehend ignoriert, obwohl es sich um eine gute Nachricht handelt, die zu einigen Schlussfolgerungen führt, wie mit der Krise umgegangen werden sollte. Südeuropa weist negative Leistungsbilanzsalden und Nettoschulden auf (die Ursachen sollen hier außen vor gelassen werden). Gleichzeitig haben jedoch einige andere – Deutschland, die Niederlande, Belgien, Österreich und Finnland –  unter ihren Möglichkeiten gelebt. Eine Anpassung lediglich der Defizitländer wäre damit kontraproduktiv. Denn entweder müsste die Eurozone insgesamt dann Überschüsse erwirtschaften. Aber gegenüber wem? Die USA scheiden aus, möchten selbst ihr Defizit reduzieren. Ostasien ist ebenfalls nicht realistisch und der Rest der Welt ist schlicht zu klein. Oder wenn Südeuropa das Defizit reduziert, muss Nordeuropa den Überschuss abbauen. Dies alleine durch Konsumverzicht im Süden zu erreichen, reduziert allerdings auch den Wohlstand hierzulande durch sinkende Exporte.

Der angenehmere Weg für alle ist es daher, wenn auch die Länder, die derzeit unter ihren Verhältnissen leben, eine Anpassung vornehmen. Mit anderen Worten, die Kaufkraft der Bevölkerung muss steigen z.B. durch stärkere Lohnerhöhungen, Änderungen im Steuersystem oder bei den Sozialversicherungen. Während der Staat nur mittelbar auf die Lohnfindung einwirken kann, hat er direkten Einfluss auf Steuern und Abgaben. Die Haushalte mit hoher Konsumquote müssen entlastet und zur Gegenfinanzierung die Haushalte mit niedriger Konsumquote belastet werden. Sicherlich werden höhere Nettolöhne in Deutschland nicht 1:1 zu mehr südeuropäischen Exporten führen. Doch insbesondere Italien und Spanien wiesen vor der Euroeinführung ausgeglichene Bilanzen auf, hatten also offensichtlich nachgefragte Produkte anzubieten. Dort hat sich vor allem die relative Kostenposition zu Deutschland verschlechtert. Halten Italien, Spanien und Portugal* die Reallöhne über mehrere Jahre konstant, während sie hierzulande um 1-2% p.a. steigen,  kann eine Dauerkrise aus schrumpfendem BIP, sinkenden Steuereinnahmen und höheren Staatsschulden vermieden werden. Nun ist es zwar unpopulär, eine Verringerung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit zu fordern, doch genau dies bedeuten Kostensenkungen in Südeuropa auch, nur mit negativen Auswirkungen für alle.

* Griechenland ist ein Sonderfall: Die Staatsverschuldung ist sehr hoch, die Leistungsbilanz war auch schon vor Euroeinführung deutlich negativ, die Produktpalette eingeschränkt etc.

Fabian Fritzsche ist Volkswirt bei Collineo Asset Management.

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