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Die Kolumne – Explosive Quasselbude Börse

4. November 2011

Spätestens die unverhoffte Deklaration Italiens zum Pleitekandidaten offenbart, mit wie viel Willkür Geldjongleure mal eben über das Schicksal ganzer Länder urteilen. Und über uns.

Was seine Beliebtheit angeht, kommt Silvio Berlusconi irgendwie auf keinen grünen Zweig mehr. Die Frage ist nur, ob so ein fieser Premier schon reicht, um das ganze Land plötzlich für potenziell bankrottreif zu erklären, wie es an den Märkten gerade getan wird, anders als noch bis vor vier Monaten, als das Land mit demselben Premier als sicher galt.

Nüchtern betrachtet ist schwer erkennbar, was in Italien heute fundamental schlechter ist als Anfang Juli – und schlimmer als in Großbritannien und den USA, wo die Märkte selbst bei höheren Schulden keine Panik kriegen. Befremdlich ist, wie Fondsmanager mal eben den Daumen senken und über das Schicksal eines Landes urteilen. Mit dramatischen Folgen: Die Panik droht gerade zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden – und uns mit ins Chaos zu ziehen.

Plötzlich alles vergessen

Bis Juli war von Analysten noch täglich zu lesen, warum Italien anders ist als Griechenland, Portugal oder Spanien. Da gab es mindestens fünf Gründe gegen jedwede Staatspleite: vom tatsächlich niedrigeren Staatsdefizit über geringe Auslandsschulden bis hin zum Geschäftsmodell. Da wurde das Land in Gutachten nicht mal im Kapitel der Krisenkandidaten geführt. Erst recht nicht bei Gipfeln.

Vorbei. Vergessen. Jetzt entdecken dieselben Analysten plötzlich, das Land habe ja Staatsschulden über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung – ja, seit 20 Jahren und bei eher fallender Tendenz. Oder dass Italiens Wirtschaft in den vergangenen, Achtung, zehn Jahren nur schwach gewachsen ist; das ist mal eine investigative Recherche. Da fabulieren Ökonomen, dass die hohen Zinsen für Italien ja (plötzlich) angemessen sind. Und da wird festgestellt, dass der Italiener in unsicheren politischen Verhältnissen lebt – das konnte ja keiner wissen.

Wenn sich in den vergangenen vier Monaten in Italien überhaupt etwas geändert hat, dann sind es die konjunkturellen Aussichten. Das Land droht in die Rezession zurückzufallen. Nur gibt es das ja auch im angeschlagenen Großbritannien – ohne dass die Märkte Panik machen. Der richtige Absturz kam ohnehin erst nach der Marktpanik.

Nach allen gängigen Maßstäben dürfte Italien kein Solvenzproblem haben. In kaum einem Industrieland ist das Staatsdefizit in der Krise 2009/10 so mäßig gestiegen, liegt die Schuldenquote nach dem Finanzcrash niedriger als früher. Entsprechend bescheuert ist das Gequatsche, Italien habe erst seit Ausbruch der Panik im Juli zu sparen begonnen – unter dem heroischen Druck der Märkte.

Italiens Defizit ist schon 2010 gefallen, für 2011/12 war längst ein Konsolidierungspaket über 24 Mrd. Euro beschlossen – das bis Juli auch gelobt wurde. Da wurden Staatsgehälter wie -stellen gekürzt und Steuern angehoben. Im September folgte noch eine höhere Mehrwertsteuer. Nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) sank Italiens strukturelles Staatsdefizit 2010/11 bereits um 1,3 Prozentpunkte. Bis 2013 sollen es fast vier werden. Vor Zinsen nimmt Italiens Staat mehr ein, als er ausgibt. Damit konsolidiert Italien mehr als Frau Merkel und Papa Sarkozy, die gerade gern Empfehlungen geben.

Nach IWF-Projektion werden die USA 2016 eine höhere Schuldenquote haben als Italien. Dieses Jahr ist die Neuverschuldung bei Amerikanern wie Briten doppelt so hoch. Das Groteske: In Italien steigen die Risikoprämien, in den USA sinken sie.

All das heißt nicht, dass es in Italien nicht viel zu tun gibt und man sich nicht auch einen neuen Premier wünschen darf. Nur gilt das ja auch anderswo. Und es steht vor allem in keinem Verhältnis zum Meinungsschwenk der Finanzmarktquassler.

Was für die Betroffenen fatal ist: So eine Prophezeiung erfüllt sich an Finanzmärkten rasch von selbst – und kann sich damit dann ex post auch selbst bestätigen. Praktisch für die Quassler, die so immer recht haben.

Die Solvenz eines Landes hängt bei mehr oder weniger hohen Altschulden stark davon ab, wie hoch die Schulden verzinst sind. Sprich: Wenn die Zinsen in einer Panikwelle steigen, kann das Land am Ende insolvent sein – ohne dass sich fundamental irgendwas verschlechtert hat. Wie schnell das geht, lassen Berechnungen der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erahnen: Danach bräuchte Italien zur Stabilisierung seiner Schulden nur einen jährlichen Haushaltsüberschuss vor Zinsen von 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), solange der Zinssatz lediglich einen Punkt über der Wachstumsrate der Wirtschaft liegt. Das schaffte Italien bisher locker; der Primärüberschuss liegt bei 2,3 Prozent.

Ein Desaster abwenden

Nur droht die Rechnung seit Ausbruch der Panik zu implodieren. Die Zinsen auf Staatsanleihen sind seitdem um 1,5 Punkte gestiegen – und die Wachstumsaussichten durch hektische Sparaktionen und höhere Steuern geschwunden. Das Konsumklima brach regelrecht ein. Für 2012 wird jetzt sogar ein Rückgang des BIPs erwartet – statt eines Plus von gut einem Prozent. Ergebnis: Wenn das so bleibt, liegen die Zinsen eher um sechs statt einen Punkt über der BIP-Veränderung. Und: Um die Staatsschulden noch zu stabilisieren, müsste die Regierung in Rom plötzlich Primärüberschüsse von fast acht statt 1,2 Prozent einfahren. Das hat kein Land geschafft. Dann ist auch Italien pleite. Nicht weil sich das Land objektiv zu hoch verschuldet; das tut es nicht mehr als vorher. Sondern weil die Zinslast panikbedingt zu hoch geworden ist. Womit sich die Prophezeiung von allein erfüllt.

Ökonomen nennen das vornehm „multiple Gleichgewichte“. Sprich: Ein Land kann bei gegebener Verschuldung gut durchkommen, wenn die Zinsen relativ stabil bleiben – oder in ein Gleichgewicht des Schreckens geraten, wo steigende Zinsen und absurdes Hinterhersparen ins Desaster führen. Siehe Griechenland.
Das ist kein per se böser Wille der Märkte. Es ist die Logik einer Krise, in der sich ein Vertrauensschwund verselbstständigt und alles und jeden ereilen kann. So wie bei jedem Bankrun. Wenn die Angst der einen die Angst der anderen nährt, muss als letzte Instanz irgendwann die Notenbank einspringen, so wie es ihre ureigene Aufgabe in solchen Notfällen ist. Das hat nichts mit Inflationspolitik zu tun. Es geht darum, ein Desaster abzuwenden.

Höchste Zeit, die Spirale zu stoppen, bevor sie Deutschland mitreißt.

Email: fricke.thomas@guj.de

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