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Die Kolumne – Wenn uns das Glück ausgeht

18. November 2011

Der schnelle Wiederaufstieg aus der Rezession 2009 gibt der deutschen Wirtschaft das Gefühl von Unverletzbarkeit. Bei der nächsten Rezession aber kann sich die Exportfixiertheit rächen.

Noch hallt das Loblied auf den XL-Aufschwung nach. Noch ist von der deutschen Erfolgsformel die Rede. Oder von Firmen, die angstfrei in die Rezession gehen. Der tiefere Grund für so viel Zuversicht scheint klar. Was soll einer Wirtschaft passieren, die eine Jahrhundertkrise wie vor zwei Jahren so glimpflich überstanden hat und nun sogar neue Rekordtiefs bei der Arbeitslosigkeit meldet.

Ein Zeichen schierer Unverwundbarkeit? Vorsicht. Der schnelle deutsche Wiederaufstieg nach 2009 könnte in Wahrheit an einem ganzen Mix teils glücklicher Umstände gelegen haben – und die Frage ist, wie wahrscheinlich so ein Mix diesmal ist, wenn es erneut zum Absturz kommen sollte. Ein erster Annäherungsversuch – mit Alarmpotenzial.

XL kommt vor dem Fall

Natürlich steckt hinter dem hohen Wachstum der vergangenen beiden Jahre auch, dass deutsche Firmen stark waren und als Exporteure gut positioniert. Und dass es nach mancher Reform heute einfacher ist, Leute einzustellen, und sei es über Zeitarbeit. Und dass sich ein Aufschwung auch in Deutschland dieses Mal selbst verstärkt.

All das ändert sich nicht von heute auf morgen. Nur reicht beides nicht wirklich aus, um zu erklären, warum die letzte Jahrhundertkrise konjunkturell so glimpflich ausging.

Das hat aller Wahrscheinlichkeit nach mindestens ebenso daran gelegen, dass just in den beiden Jahren zuvor die Löhne ungewöhnlich stark hinter der Produktivität zurückgeblieben waren – was am nachwirkenden Hartz-Schock lag und den Unternehmen ein historisch einmaliges Polster gab. Glück. Ebenso wie die Tatsache, dass die Betriebe zuvor lange vor Einstellungen zurückgeschreckt und lieber Überstunden auf Arbeitszeitkonten gebucht hatten. Noch ein Polster, auf das die Wirtschaft im Krisenjahr 2009 stark zugreifen konnte, ohne entlassen zu müssen.

 Selbst das hätte nicht gereicht, um bei fünf Prozent Einbruch der Wirtschaftsleistung neue Arbeitslosenschübe zu verhindern. Da subventionierte die Bundesregierung Kurzarbeit, die im April 2009 auf 1,4 Millionen Beschäftigte hochschnellte – und legte nach gefährlichem Zögern eines gewissen Peer Steinbrück ein Konjunkturpaket über zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach, zu dem die Abwrackprämie gehörte. Der amtlich generierte Autokauf ermöglichte angeschlagenen Konzernen, ihre Bänder trotz Exportkollaps laufen zu lassen.

Nun ließe sich in einem neuen Abschwung wieder Kurzarbeit fördern. Die Subvention läuft im März 2012 aus, könnte von der Regierung ad hoc aber verlängert werden, sagt Ulrich Walwei, Vizechef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Ebenso klar ist umgekehrt, dass man eine Abwrackprämie nicht zweimal in drei Jahren machen kann. Der Anreiz, Altautos einzutauschen, funktionierte 2009 so prima, weil nach jahrelanger Einkommenskrise so viele alte Kisten im Land herumfuhren. Jetzt nicht mehr. Was noch kein Drama sein muss: Es gäbe ja noch anderes Förderpotenzial – etwa bei klimaschonenden Produkten.

Schwerer wird die Wiederholung des Glücks bei den Arbeitszeitkonten. Die werden zwar mittlerweile wieder aufgestockt, aber lange nicht so wie bis 2007 (siehe Grafik). Darüber ließe sich in einer Rezession auch nicht mehr so viel Umsatzausfall abfangen. Dazu kommt, dass zwar die Lohnzurückhaltung noch nachwirkt, die Vorzeichen sich mittlerweile aber umkehren. Zum Glück: Immerhin marschiert unsere Regierung ja seit zwei Jahren durch Europa und erklärt den anderen, sie sollen das mit der Lohnzurückhaltung jetzt auch machen.

Nach Prognose der Forschungsinstitute aber wird ein Arbeitnehmer in Deutschland 2012 im Schnitt 7,9 Prozent mehr verdienen als 2009 (leider nur nominal) – bei der Euro-Konkurrenz nur 3,7 Prozent. Bei Griechen, Portugiesen und Iren fallen die Kosten sogar. Selbst wenn die Deutschen gemessen an der eigenen Produktivität noch Vorteile halten, heißt das: Sie schwinden.

 Und: Gerade weil die Betriebe 2009 trotz Rezession Personal hielten, sackte die Produktivität und schnellten die Lohnkosten je Umsatz hoch. Das ist seitdem nur teils wettgemacht. Das Polster sei kleiner als vor der letzten Krise, sagt Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics. Das muss nicht per se schlecht sein. Es ist auf Dauer gut, eine Wirtschaft auch über höhere (nicht überhöhte) Löhne, sprich Einkommen und Konsum, zu stützen. Das Problem ist, dass die Deutschen trotzdem zu mittlerweile mehr als 50 Prozent vom Export abhängen – weil der schneller stieg. Und die Krise 2009 lässt ahnen, wie schnell die Deutschen dann Opfer der Exportfixiertheit werden. Die Ausfuhren kollabierten trotz aller Positionierung mehr als anderswo.

Der fatalste Unterschied zu 2009 könnte in etwas anderem liegen. Damals kam der globale Absturz als eine Art Schockstarre nach der Lehman-Pleite. Da garantierten Banken aus Panik monatelang kaum noch Exportgeschäfte. Das ließ den Welthandel abstürzen, hatte aber den Vorteil, dass die Psychostarre auch schnell wieder verschwand. Regierungen wie Notenbanken verhinderten, dass aus dem Schock eine Abwärtsspirale wie in den 30ern wurde.

Diesmal droht der Abschwung von einem fatalen globalen Kollektivtrend getrieben zu werden. Noch 2009 schalteten fast alle Regierungen finanzpolitisch auf Expansionskurs Heute gilt eher das Gegenteil. Selten haben weltweit so viele Staaten gleichzeitig Steuern erhöht, Personal und Ausgaben gekürzt – in der Hoffnung, dass andere Geld ausgeben.

Es spricht viel dafür, dass Deutschlands Firmen 2009 so stark auf Kurzarbeit zählten, weil sie auch auf den glücklichen Mix aus vorübergehender Schockstarre und schneller Überbrückungshilfe setzten. Da lohnte es, ein paar kritische Monate ohne große Einschnitte zu überbrücken.

Sollte der nächste Abschwung als langwieriger eingestuft werden, könnte all das nicht mehr klappen. Dann könnten gerade die Deutschen mit ihrer Exportabhängigkeit in eine besonders fatale Spirale geraten. Dann könnte es umso mehr lohnen, wenn Regierung und Notenbanken in den nächsten Tagen und Wochen alle Mittel einsetzen, um den Währungskollaps zu verhindern.

Wenn das nicht gelingt, ist auch für die Deutschen vorerst Schluss mit den großen XL-Träumen.

Email: fricke.thomas@guj.de

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