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Die Kolumne – Welches Trauma hätten’s denn gern?

9. Dezember 2011

Im Euro-Krisen-Streit wird bei uns der Nationalschock der Hyperinflation 1923 zitiert, die Amerikaner verweisen auf die Deflationskrise der 30er – und ziehen daraus die besseren Lehren.

Geschichte hat einen enormen Vorteil: Man weiß, wie es ausgegangen ist. Das ist bei EU-Gipfeln, die gerade angefangen haben, anders. Dabei könnten auch EU-Gipfel viel aus der Geschichte lernen. Wenn auch etwas anderes, als sie bisher dachten.

Das Problem ist, dass nicht alle die gleichen historischen Lehren mitbringen. Die Deutschen reagieren allergisch, wenn die Notenbank etwas mit dem Staat macht – weil so was zur Hyperinflation 1923 beitrug. Wohingegen Amerikaner und andere eher das Trauma der 30er-Jahre pflegen, als eine Depression ausbrach, gerade weil die Notenbank nicht eingreifen wollte – und es bei dramatischer Arbeitslosigkeit Deflation statt Inflation gab. Da fragt man sich doch, welches Trauma eher hilft, die Euro-Krise heute zu stoppen. Zumal die Antworten je nach Trauma extrem anders ausfallen.

Wenn Bundesbankchef Jens Weidmann 2011 kategorisch ablehnt, dass die Euro-Zentralbank Anleihen angeschlagener Staaten kauft, hat das im Ursprung mit den deutschen Inflationserlebnissen zu tun. Vor dem Währungsschnitt half die Zentralbank der Regierung brav, Schulden zu finanzieren, indem sie Titel kaufte. Die Frage ist nur, ob jeder Anleihekauf deshalb Inflation auslöst. Und ob man daher selbst in Sonderfällen jede Intervention ablehnen muss.

Kanzler als NotenbankchefBeim Geschichtsstudium fällt auf, dass sich da ein deutsches Trauma leicht verselbständigt hat. Nach Diagnose von Historikern wie Carl-Ludwig Holtfrerich fing die Hyperinflation bereits 1916 an, als es der Regierung nicht mehr gelang, die enormen Kriegskosten als Anleihen bei Privaten zu platzieren. Die Zentralbank musste helfen. Von Ende 1913 bis 1918 versechsfachte sich so die Zentralbankgeldmenge – bei kriegsbedingt um 60 Prozent einbrechenden Industriekapazitäten, so Holtfrerich. Viel mehr Geld bei abrupter Angebotsverknappung ergibt eine lehrbuchgemäße Inflation.

Nach dem Krieg wurden auch die Reparationen von der Notenbank mitbeglichen, die dem Reichskanzler unterstellt war. Ende 1921 lag die Geldmenge 21-mal so hoch – die Industrie brauchte aber bis 1928, um wieder so viel zu produzieren wie vor dem Krieg. Da muss man sich nicht wundern, wenn Hyperinflation rauskommt, die das Ersparte ganzer Bevölkerungsschichten vernichtet.

Nur: Was kann man daraus für heute lernen? Man muss ja einräumen, dass wir trotz aller Dramatik gerade weder einen Weltkrieg hatten noch einen kollabierten Industrieapparat. Gegen die Reichsbankintervention wirkt selbst die Geldflut der US-Notenbank wie ein Rinnsal. Und die Euro-Notenbank ist ja auch noch keine Zweigstelle von Merkozy.

Wenn man aus der Hyperinflation Lehren ziehen will, dann vielleicht die, dass es wichtig ist, nicht in Weltkriege zu ziehen, die man erstens nicht gewinnt und zweitens nicht mehr stabilitätspolitisch unbedenklich finanziert kriegt. Das wäre auch eine politisch sehr korrekte Lehre.

Ökonomisch zieht heute eher der Vergleich mit den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals wie heute war eine Finanzblase geplatzt, geriet ein zuvor völlig aufblähter Bankensektor ins Trudeln und gab es daher viele Schulden. Damals kursierte die Lehre, dass man all das Aufgeblähte platzen lassen müsse, weil man ja Schulden nicht mit Schulden begleichen darf. Weshalb die Notenbanken nicht intervenierten, reihenweise Banken pleitegingen (anders als heute) und Reichskanzler Heinrich Brüning Löhne und Staatsgehälter um 20 Prozent kürzen ließ, was (kein Scherz) seitdem eigentlich nur die Griechen 2010 wieder probiert haben – auf deutschen Vorschlag hin.

Bernanke statt Brüning Der Versuch galt seit Brüning als ziemliches Desaster – was die Griechen jetzt erneut bestätigen können. In Deutschland schnellte die Arbeitslosigkeit 1932 auf sechs Millionen, ähnlich wie damals in den USA. Dort folgte eine lange Depression. Und als alle glaubten, es sei vorbei, und darum die Notenbank Geld wieder aus dem Markt nahm, stürzte die Wirtschaft 1937 zurück in die Rezession.

Auf die Frage, warum dieses Trauma der 30er-Jahre eigentlich nicht in Deutschland zum Haupttrauma wurde – statt 1923 –, hat Historiker Holtfrerich eine Antwort, die pikant wirkt: Die Deutschen hätten halt 1936 schon wieder Vollbeschäftigung gehabt. Wobei das ja bekanntlich daran lag, dass die Nazis Arbeit staatlich herbeidiktierten und später furchtbar Aufrüstung für den Krieg betrieben. Was politisch ja nicht so ganz korrekt war.

Wenn das also stimmt, hätten die Deutschen ohne Naziherrschaft heute womöglich ein anderes Haupttrauma. Eher das amerikanische? Wer weiß, da würde der neue Bundesbankchef Jens Weidmann heute vielleicht sogar mit der Bazooka für die EZB als letzte Retterin in der Krise kämpfen (okay, man braucht schon etwas Fantasie dafür). Für die aktuelle Krise wäre das womöglich besser.
Heute gehe es ja auch nicht darum, die Geldmenge der Wirtschaft zu vervielfachen, so Holtfrerich. Es geht eher darum, ein gefährlich deflationäres Schrumpfen zu verhindern, wie es in den 30ern passierte und für diese Krisen typisch ist, weil alle ihre Schulden gleichzeitig zurückzahlen wollen oder müssen.

All das macht einen Riesenunterschied – und erklärt, warum es heute so dramatisch auseinanderdriftende Krisenrezepte gibt. Einerseits das der Deutschen, die ein Hyperinflationstrauma haben, was verständlich ist, aber ohne Nazis womöglich gar nicht da wäre – und zur heutigen wirtschaftlichen Lage womöglich am wenigsten passt.

Und andererseits ist da US-Notenbankchef Ben Bernanke, der die Krise der 30er-Jahre als Professor erforscht hat und vielleicht auch etwas manisch dagegen vorgeht. Sein Rezept, die Wirtschaft bloß mit genug Geld zu versorgen, hat aber nichts mit Fluten zu tun, sondern soll ein Austrocknen verhindern und ist eher ein Anti-Deflations- statt ein Inflationskurs – auch wenn es natürlich wichtig ist, beim Ausstieg keine Inflation zu riskieren.

Anders als in Geschichte wissen wir leider nicht, wie es diesmal ausgehen wird. Die historischen Lehren lassen eins aber vermuten: dass Amerikaner und andere für die aktuelle Krise das passendere Trauma haben, aus dem sie lernen. Sonst würde Euroland trotz (oder wegen) neuer Deutsch-Kenntnisse womöglich nicht so viel heftiger kriseln.

Email: fricke.thomas@guj.de

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