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“Deutschland wird am Ende zahlen”

14. Dezember 2011

Im Interview mit der FTD rät der US-Ökonom Fred Bergsten den Deutschen, ihre Ängste vor einer Inflation abzulegen.

FTD: Haben die Eurozone und die globale Finanzwelt durch den Gipfel am Wochenende eine Verschnaufpause bekommen?

Fred Bergsten: Der Gipfel war ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Lösung der Krise und zur Stabilisierung Europas. Eine Fiskalunion ist die halbe Miete für eine komplette Wirtschaftsunion. Ich glaube nicht, dass damit alle Probleme gelöst sind, aber die Beschlüsse stützen meine Ansicht, dass Europa eine katastrophale Krise verhindern kann.

In den USA herrscht dennoch weiterhin die Sorge, dass Europas Führer nicht genug getan haben, um die Krise einzudämmen.

Bergsten: Wichtig ist, was sie tun, nicht was sie sagen. Europas Führer haben auf jeder Stufe der Krise genug getan, um eine Explosion zu verhindern. Am Ende wird Deutschland zahlen und die EZB wird genug Geld zur Verfügung stellen. Es wird nicht zum Zerfall des Euro kommen. Die große Lücke ist allerdings das Wachstum. Die Gipfelbeschlüsse setzen ganz auf Fiskaldisziplin und strukturelle Reformen. Das könnte zu sehr langsamem Wachstum in den nächsten Jahren führen, wenn die Wirtschaft in der Eurozone überhaupt wächst.

Gibt es eine Kluft zwischen den USA und Deutschland in der Abwägung zwischen Austerität und Wachstum?

Bergsten: Das ist keine transatlantische Kluft, das ist eine Debatte zwischen zwei ökonomischen Lagern. Diese Debatte gibt es innerhalb der USA geführt, und sie wird innerhalb Deutschlands geführt. Auch in Deutschland gibt es schließlich viele Stimmen, die meinen, dass die Regierung mit zu harter Faust an die Krise herangeht.

Aber ein Großteil der deutschen Bevölkerung teilt die Sorge vor der Ausweitung der Liquidität. Was würden Sie den Deutschen sagen, die Angst vor einer Inflation haben?

Bergsten: Entspannen Sie sich! Eine Inflation ist nicht in Sicht. Als Chinese oder Inder hätten Sie Recht, sich Sorgen zu machen. In diesen schnell wachsenden Volkswirtschaften besteht in der Tat die Gefahr einer Überhitzung. In Europa oder in den USA, wo die Wirtschaft langsam wächst und Kapazitäten ungenutzt bleiben, ist die Inflation das Letzte, wovor man Angst haben sollte. Es gibt bessere Argumente für Austerität. Dazu gehört vor allem die Notwendigkeit, die langfristige Haushaltslage zu stabilisieren.

Was bleibt jetzt noch zu tun?

Bergsten: Zunächst einmal müssen die Gipfelbeschlüsse umgesetzt werden. Das ist eine ziemlich schwierige Übung. Dann wird EZB-Chef Mario Draghi seinen Andeutungen Taten folgen lassen müssen, dass die EZB sich bereit hält, wenn sie gebraucht wird. Drittens muss nun der IWF eingeschaltet werden. Christine Lagarde muss sich in ein Flugzeug nach Peking setzen und auch mit anderen Ländern verhandeln, die große Währungsreserven haben. Man braucht ein Kreditgeberkonsortium, das 2000 bis 3000 Mrd. Euro bereit stellten kann.

In den USA gibt es Zweifel an einer stärkeren Beteiligung des IWF. Viele fürchten den Verlust amerikanischer Steuergelder im Fall einer Staatspleite in Europa.

Bergsten: Der IWF sollte eine zentrale Rolle spielen, falls Länder wie Italien mehr finanzielle Hilfe in großem Ausmaß brauchen. Anders als die EZB, die nur mehr Liquidität bereitstellen kann, kann der IWF seine Hilfe an Bedingungen wie strukturelle Reformen knüpfen. Was die Sorgen vor einer Staatspleite angeht: Italien wird niemals so pleite sein, dass es den bevorzugten Gläubigerstatus des IWF nicht honorieren kann. Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der ein Land seine Zahlungsunfähigkeit gegenüber dem Fonds eingestehen würde. Dieses Land würde zu einem Paria auf den internationalen Finanzmärkten.

C. Fred Bergsten ist Direktor des Peterson Institute for International Economics in Washington, D.C.

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