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Fabian Fritzsche – Das Inflationsphantom

20. Dezember 2011

Mit der jüngsten Absenkung des Leitzins durch die Europäische Zentralbank (EZB) erhöhte sich die Verfügbarkeit von Geld – nur erreicht dieses gar nicht erst den Wirtschaftskreislauf. Denn aktuell parken die Geschäftsbanken zusätzliche Mittel lieber bei der EZB als sie untereinander zu verleihen. Eine Inflationsangst ist somit völlig unbegründet.

Es vergeht kaum ein Tag ohne Warnung prominenter deutscher Volkswirte vor steigender Inflation aufgrund der Liquiditätszufuhr der Notenbanken. Wim Kösters, Vorstand beim RWI, sieht deutliche Preisniveausteigerungen in drei oder vier Jahren, Lüder Gerken erwartet offenbar in naher Zukunft 10% Inflation und Thomas Straubhaar, Chef des HWWI, sah bereits 2009 5-10% für die kommenden Jahre.

 Die Zentralbanken hätten ihre Schleusen geöffnet, würden praktisch unbegrenzt Geld in den Markt pumpen und ähnliche Metaphern werden zur Veranschaulichung genutzt. Der Zusammenhang klingt zunächst einleuchtend: Die Notenbanken stellen in beliebiger Menge und zu günstigen Konditionen Geld bereit, also steigt die Geldmenge, was bei nur wenig steigender Produktion den Wert des Geldes erodieren lässt. Tatsächlich stecken jedoch zwei große Fehler in diesem Argument.

 1. Der Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Verbraucherpreisinflation ist keineswegs so eindeutig und simpel wie von vielen vermeintlichen Experten unterstellt.

2. Entgegen aller Behauptungen findet aktuell und in den letzten drei Jahren kein großes Wachstum der Geldmengen statt – es ist sogar weit unterdurchschnittlich.

Es werden üblicherweise vier Geldmengen unterschieden, angefangen bei der Geldbasis über M1, M2 bis zu M3, wobei M1 und M2 jeweils Teilmengen der größeren Geldmenge sind. Keines dieser Aggregate weist eine hohe Korrelation zur Verbraucherpreisinflation auf, was auch nicht überraschend ist. Der angenommene Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation beruht auf mehr nachfragewirksamem Geld, d.h. die Verbraucher haben mehr im Portemonnaie während das Warenangebot gleich geblieben ist, also erhöhen die Händler die Preise. Steigt die Geldmenge jedoch, ohne dass die Löhne der Haushalte mit hoher Konsumquote stark steigen, erhöht sich die Güternachfrage auch nicht zu stark, es kommt nicht zu Inflation.

Eine solche Situation lag unter Umständen zwischen 2002 und 2008 vor, wobei die Befürworter des Arguments nie anführen, ab welcher Steigerungsrate welcher Geldmenge nun die Inflationsgefahr beginnt. Möglicherweise war der starke Anstieg der Rohstoffpreise in diesem Zeitraum darauf zurückzuführen, wobei die empirische Evidenz nicht so eindeutig ist, wie es der Augenschein vermuten lässt. Die erhöhten Rohstoffpreise hatten zwar selbstverständlich auch einen Einfluss auf die Verbraucherpreise in Europa, doch war dieser begrenzt, so dass auch für diesen Zeitraum die Korrelation zwischen Geldmengenwachstum und Verbraucherpreisen niedrig ist.

Für die aktuelle Situation entscheidender ist jedoch, dass die üblicherweise verwendeten Geldmengen M1, M2 und M3 seit drei Jahren kaum noch steigen. So weist M2 seit Anfang 2009 eine jährliche Wachstumsrate von 2% auf, M3 sogar nur von 1,2% p.a. Und selbst die Geldbasis, also die direkt von der EZB kontrollierte Geldmenge, ist in den letzten zwei Jahren kaum stärker gewachsen als zuvor. Zudem enthält die Geldbasis neben dem umlaufenden Bargeld und den Mindestreserven der Geschäftsbanken auch die Übernachteinlagen der Geschäftsbanken bei der EZB. In normalen Zeiten liegen diese bei nahe Null. Da sich die Geschäftsbanken derzeit jedoch untereinander kaum Geld leihen, aber gleichzeitig viel Liquidität vorhalten möchten, leihen sie sich zwar relativ viel bei der EZB, parken dies jedoch zu großen Teilen auch direkt wieder dort. Rechnet man dieses nicht nachfragewirksame Geld heraus, ist selbst die Steigerung der Geldbasis im langfristigen Vergleich niedrig. Die angebliche Liquiditätsflut existiert also nicht. Die Metapher mit den geöffneten Schleusentoren hinkt daher auch, es bietet sich vielleicht eher ein Scheunentor an, das zwar weit offen steht, aber niemand möchte sich bedienen.

Die weit verbreitete Inflationsangst ist also auch aus monetärer Sicht unbegründet. Die realwirtschaftliche Situation hoher Arbeitslosigkeit, unterausgelasteten Kapazitäten, stagnierenden oder gar sinkenden Löhnen und geringer Kreditvergabe deutet vielmehr auf sinkende Inflation und teilweise sogar Deflation hin.

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