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David Milleker – Kann China die Weltkonjunktur retten?

11. Januar 2012

Taugt China als Retter, in Zeiten, in denen Europa unter Schulden ächzt und auch die amerikanische Wirtschaft nicht so richtig anspringen will? So stark sich das Reich der Mitte zu positionieren weiß, auch China hat neben bedeutenden Stärken mit ökonomischen (Struktur-)Problemen zu kämpfen.

Kränkelndes Wachstum in den USA und ein Europa, das sich im Zuge der Schuldenkrise scheinbar unaufhaltsam der Rezession nähert, lassen zur Jahreswende den verständlichen Wunsch nach einer hoffnungsvollen Botschaft wachsen. Bei der Suche nach einer solchen Hoffnungsquelle stößt man immer schnell auf China. Die Frage ist freilich, ob eine solche Hoffnung auch berechtigt ist.
Zunächst einmal muss man sich dabei vor Augen halten, dass es sich bei China nicht nur um ein Land mit Licht und Schatten, sondern geradezu extremer Gegensätze handelt. So reden wir auf der einen Seite über die nach gängigen Maßstäben zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, auf der anderen Seite mit Blick auf ein Pro-Kopf-Einkommen von rund 20% des europäischen Durchschnitts über ein echtes Entwicklungsland.

Der zweite Aspekt erschwert auch eine gute makroökonomische Einschätzung, da der Umfang und die Qualität der verfügbaren Wirtschaftsdaten nicht den normalerweise für Industrieländer vergleichbaren Maßstäben entspricht, was angesichts des Lebensstandards allerdings auch kaum verwunderlich ist.
Entsprechend ist China eine Volkswirtschaft, die sich eher mit breitem Pinsel skizzieren als im Detail analysieren lässt. In einer solchen Skizze gibt es nach unserer Einschätzung zwei große Posten, die Anlass zur Hoffnung geben, und zwei große Herausforderungen, die zur Vorsicht mahnen.

Zunächst zum Positiven: Sofern man die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 auch als das Resultat der großen Leistungsbilanzungleichgewichte zuvor ansieht, so hat sich in China seither ein sehr merklicher Wandel vollzogen. War es zuvor von ständig wachsenden Überschüssen geprägt, so weist es inzwischen eine nahezu ausgeglichene Handelsbilanz auf. Es hat also aktiv und bewusst dazu beigetragen, die internationalen Ungleichgewichte zu reduzieren.

Der zweite Positivfaktor resultiert vor allem aus dem Kontrast mit der Situation in den westlichen Industrieländern. Letztere befinden sich in einer Situation, die unter Volkswirten als Liquiditätsfalle bezeichnet wird. Zwar schaffen die Zentralbanken ständig neues Zentralbankgeld, das aber nicht in den volkswirtschaftlichen Kreislauf kommt, weil die Banken ihre Kreditbücher zurückfahren und der nichtfinanzielle Sektor Schulden abbaut. Unter solchen Rahmenbedingungen hat Geldpolitik keine unmittelbaren Effekte auf die Realwirtschaft. China unterscheidet sich davon grundlegend, weil sich hier gegenüber Vorkrisenzeiten keine wesentliche Änderung zwischen Aktionen der Zentralbanken und der Kreditschöpfung der Geschäftsbanken feststellen lässt. Sofern es die chinesische Zentralbank für geboten halten sollte, kann sie auch tatsächlich stimulierende Impulse setzen.

Auf der Negativseite sind aus unserer Seite ebenfalls zwei Punkte hervorzuheben. Dazu gehört zunächst einmal die Zusammensetzung der Wirtschaftsleistung, die zu mehr als der Hälfte von Investitionen und Exporten und zu weniger als der Hälfte aus privatem und öffentlichem Verbrauch stammt. Das Kritische daran ist, dass die erstgenannten Komponenten wesentlich schwankungsanfälliger sind als die letztgenannten. Mit anderen Worten braucht es in China eine Kombination aus Glück und Geschick, um sehr abrupte Schwankungen in der Wirtschaftsleistung zu verhindern. Eine zeitweise Halbierung der Wachstumsraten wie im Umfeld der Asienkrise 1997/98 sind jedenfalls vor diesem Hintergrund nicht auszuschließen.
Hinzu kommt, dass China in den letzten Jahren einige Anzeichen für Überinvestitionen aufweist. So zeigt sich etwa, dass je zusätzlicher Investitionseinheit ein immer kleinerer zusätzlicher Ertrag an Wirtschaftsleistung erzielt wird. Ein ähnliches Phänomen war etwa in den südostasiatischen Ländern in den Jahren vor Ausbruch der Asienkrise zu beobachten.

Ausgehend von der wirtschaftlichen Strukturanalyse steht und fällt das Potenzial Chinas, die Schwäche des Westens zu kompensieren, mit der Fähigkeit der Politik, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun. Es ist gut, dass sich dies noch im Rahmen des Möglichen bewegt. Aber es wäre fahrlässig, so zu tun, als ob dies immer und jederzeit auch gesichert wäre.

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