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Fabian Fritzsche – Erfolgsformel Lohnzurückhaltung?

24. Januar 2012

Aufgrund der jüngsten Arbeitsmarktzahlen wurde Deutschland mit Hinweis auf die langjährige Lohnzurückhaltrung von einigen Ökonomen als Vorbild für die anderen Staaten der Eurozone empfohlen. Zu Recht?

Aufgrund der jüngsten Arbeitsmarktzahlen wurde Deutschland mit Hinweis auf die langjährige Lohnzurückhaltrung von einigen Ökonomen als Vorbild für die anderen Staaten der Eurozone empfohlen. Das Arbeitsvolumen lag jedoch 2010 (1)  etwas niedriger als im Jahr 2000, als die Arbeitslosenquote durchschnittlich 9,6% betrug.

Für den deutlichen Rückgang der Arbeitslosenquote scheinen also zumindest auch andere Faktoren relevant gewesen zu sein. Die derzeit wichtigere Frage lautet jedoch, ob Lohnzurückhaltung tatsächlich ein Erfolgsmodell für alle in jeder Situation sein kann.

Durch Lohnmoderation verringert sich der Anstieg der Lohnstückkosten. In Deutschland stagnierten diese über mehr als ein Jahrzehnt. Ist der Anstieg geringer als in anderen Volkswirtschaften, steigt die Wettbewerbsfähigkeit der (Export-)Wirtschaft, die Handelsbilanzüberschüsse erhöhen sich und tragen so zum BIP-Wachstum bei. Tatsächlich stammten etwa zwei Drittel des gesamten BIP-Wachstums in Deutschland zwischen 2001 und dem 2007 vom Außenbeitrag.

Allerdings waren die anderen Komponenten Konsum, Investitionen und Staat auch ausgesprochen schwach, was zumindest beim Konsum aber auch bei den staatlichen Ausgaben auf die starke ausgeprägte Lohnzurückhaltung zurückzuführen ist. Unabhängig davon konnte die deutsche Wirtschaft nur deshalb über den Export wachsen, da andere Länder entsprechende Defizite akzeptiert haben. Ein solches Wachstumsmodell kann also nie von allen Volkswirtschaften gleichzeitig praktiziert werden.

Als Gegenargument wird angeführt, Deutschland und die Eurozone sollten sich nicht an den schwächsten Volkswirtschaften innerhalb Europas orientieren, sondern an Ostasien. So pauschal formuliert mag es richtig sein, sich eher an den besseren als an den schlechteren zu orientieren. Bezüglich der Wettbewerbsfähigkeit ist dieses Argument jedoch nur begrenzt gültig. Würden alle Länder der Eurozone ihre Lohnstückkosten nur wenig steigern, so die Annahme, würde die Eurozone insgesamt wettbewerbsfähiger und könnte so Exportüberschüsse gegenüber dem Rest der Welt erzielen.

Bei flexiblen Wechselkursen würde der Euro jedoch tendenziell aufwerten so wie früher die DM gegenüber vielen anderen Währungen. Der Versuch, als Volkswirtschaft über Kostensenkungen Exportüberschüsse gegenüber dem Ausland zu erzielen, wäre daher ein Kampf gegen Windmühlen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit es erstrebenswert ist, die inländische Nachfrage zu vernachlässigen, um außereuropäische Volkswirtschaften in die Lage zu bringen, in der sich aktuell die Peripherie der Eurozone befindet. Wie vom Autor schon vor zwei Jahren angemerkt (2)  und jüngst von S&P betont (3), sind diese außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte ein Hauptgrund für die Krise der Eurozone. Die Idee, was für ein Land möglicherweise sinnvoll war, auf alle gleichzeitig zu übertragen, ist damit durchaus problematisch.

Daraus kann im Gegenzug jedoch nicht geschlossen werden, Lohnzurückhaltung sei grundsätzlich und immer schlecht. Die Peripherie der Eurozone muss an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, und zwar vorwiegend gegenüber Deutschland und am besten, ohne die inländische Nachfrage zu stark zu belasten. Moderate Lohnsteigerungen – aber nicht radikale Lohnkürzungen – in Südeuropa sind daher eine sinnvolle Maßnahme, die jedoch begleitet werden muss von etwas stärkeren Lohnsteigerungen in Deutschland.

Die Kritiker wenden hier ein, dies sei Aufgabe der Tarifparteien und der Staat habe darauf keinen Einfluß. Die gleichen Personen betonen jedoch den Erfolg der Arbeitsmarktreformen, schließen also Auswirkungen der Politik auf den Arbeitsmarkt keineswegs aus. Sicherlich sind Lohnabschlüsse Aufgabe der Tarifparteien, doch hat die Politik in Deutschland in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren gezeigt, dass es durchaus möglich ist, die Entwicklung des Lohnniveaus zu beeinflussen. So wie die Politik in der Vergangenheit zu sehr moderaten Tarifabschlüssen beigetragen hat, sollte sie nun versuchen, etwas höhere Lohnabschlüsse zu erwirken.

Mit einer solchen Politik kann es gelingen, die Arbeitsmarktsituation in Südeuropa und Irland zu verbessern, ohne sie in Deutschland zu verschlechtern. Der gleichzeitig stattfindende Abbau der Leistungsbilanzungleichgewichte trüge nachhaltig zur Stabilität der Währungsunion bei.

(1) Zahlen für 2011 liegen derzeit noch nicht vor. Voraussichtlich wird das Arbeitsvolumen gestiegen sein und damit leicht über dem Niveau von 2000 liegen.

(2) F. Fritzsche: A wage rule against excessive trade imbalances, Eurointelligence, 25.03.2010

(3) S&P: Credit FAQ: Factors Behind Our Rating Actions On Eurozone Sovereign Governments, 13.01.2012

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