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David Milleker – Was wir von der Krisenbewältigung der skandinavischen Staaten lernen können

8. Februar 2012

Die Probleme, die die anhaltende Schuldenkrise mit sich bringt sind immens. Doch statt darüber in Depression zu verfallen, lohnt sich ein Blick auf die Krisenbewältigung skandinavischer Staaten. Kämpften diese noch in den 1990er Jahren mit einer ähnlichen Problemlage wie heutige Krisenstaaten, ist davon gegenwärtig nichts mehr zu spüren.

Schwaches Wachstum, ausufernde Staatsschulden und Zentralbankbilanzen, Probleme im Bankensektor, Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit. Die Liste an Themen ist lang und unangenehm. Sie charakterisiert freilich nicht nur die Lage in vielen Industrieländern unserer Tage, sondern auch die nordischen Staaten – Finnland, Norwegen und Schweden – zu Beginn der 1990er Jahre.

Bevor man vor dem heutigen Problemberg in Depression verfällt, kann es helfen, sich gelegentlich einmal vor Augen zu führen, dass es eine Vielzahl von Ländern gibt, die sich in der Vergangenheit aus einer ähnlichen Problemlage erfolgreich herausgearbeitet haben und heute nicht mehr mit dem Wort „Krise“ in Verbindung gebracht werden.

Um den historischen Kontext für die nordischen Länder kurz zu skizzieren: In Schweden sank die Wirtschaftsleistung zwischen 1990 und 1993 um 3,5 Prozent, der Schuldenstand der öffentlichen Haushalte stieg von 46,3 Prozent im Jahr 1990 auf 84,4 Prozent im Jahr 1997 – und somit auch noch in Jahren, als die unmittelbare Krise bereits vorbei war. In Finnland kam es im gleichen Zeitraum zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent und zu einem Anstieg der Schuldenstandsquote von 16,4 Prozent auf 66,2 Prozent. Ähnlich wie wir das heute bei vielen Industrieländern beobachten, dümpelte die Wirtschaftsleistung über viele Jahre vor sich hin. Die öffentlichen Defizite blieben hoch und die Schuldenstände kletterten weiter. Ab Ende der Dekade setzte dann freilich eine bemerkenswerte Trendwende ein: Die Lücke zwischen aktueller Wirtschaftsleistung und dem Trend vor der Krise wurde geschlossen, die öffentlichen Defizite sanken rapide und ebenso die Schuldenstandsquoten. Wir können also grob drei Phasen identifizieren: Den Absturz bis 1993, die anämische Erholung bis 1997/98 und die schnelle Aufholung auf den Vorkrisentrend danach.

Daraus kann man zunächst einmal zwei Dinge mitnehmen: Als positive Nachricht, dass es ein gutes Leben nach der Krise gibt. Als Einschränkung dazu allerdings auch, dass es viele Jahre dauert, bis sich wieder ein Zustand einstellt, der an die „Normalität“ vor der Krise erinnert.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was diese Länder vielleicht gut oder besser gemacht haben als die heutigen Krisenstaaten. Natürlich darf man dabei nicht den Fehler machen, Äpfel und Birnen miteinander zu vergleichen. Die Ausgangslagen sind auch heute zwischen den Ländern heterogen, ebenso die institutionellen Regelwerke, unter denen sie operieren.

Durchaus interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings die Abfolge, mit der die verschiedenen Problemlagen in den nordischen Ländern angegangen worden sind. Zuerst wurde in der Phase des schwachen Wachstums die außenwirtschaftliche Schieflage bereinigt. Das Wachstum setzte erst wieder ein, als die außenwirtschaftlichen Defizite bereinigt waren. Erst danach folgten nennenswerte Konsolidierungsanstrengungen, die auch erst dann erfolgreich in Defizit- und Schuldenstandsreduktionen umgesetzt werden konnten, als die Wirtschaft Ende der 1990er Jahre in ihre Aufholphase eingeschwenkt war.

Diese Abfolge macht ökonomisch Sinn: Vor der Krise in den nordischen Ländern befand sich der jeweilige Privatsektor in einer hochdefizitären Situation in der Größenordnung von rund 6 Prozent der Wirtschaftsleistung in Schweden und 11 Prozent in Finnland. Der tiefe Einbruch Anfang der 1990er Jahre resultierte daraus, dass diese Defizite energisch zurückgeführt wurden – in beiden Fällen auf Überschüsse in der Größenordnung von rund 10 Prozent der Wirtschaftsleistung. Erst als dieser Prozess abgeschlossen war, kam wieder Wachstum zustande. Nach der Logik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung muss es zu dieser ausgeprägten Konsolidierungsbewegung des Privatsektors einen Gegenbuchungsposten geben, der sich in gleichem Umfang verschlechtert – wahlweise der Staat oder das Ausland. Kommt ein solcher Ausgleich nicht zustande – etwa, weil sich alle gleichzeitig darum zu bemühen, ihre Defizite auszugleichen oder Überschüsse zu behalten –, scheitert die Anpassung jedes einzelnen mit der Folge, dass die Wirtschaftsleistung immer weiter schrumpft. Um dies zu verhindern, ist es eine sinnvolle Übergangsstrategie, auch hohe öffentliche Defizite zu akzeptieren, bis der Privatsektor wieder hinreichend gesundet ist, um das Wachstum anzuschieben.

Wie weit trägt die Analogie zu den skandinavischen Staaten? Die Ausgangslage in den heutigen Krisenstaaten ist durchaus vergleichbar. Auch hier gab es zunächst hohe und persistente Defizite im Privatsektor, die nun über Jahre hinweg bereinigt werden müssen. Der Versuch, die öffentlichen Haushalte allerdings zu konsolidieren, bevor die Bereinigung außenwirtschaftlichen Schieflagen abgeschlossen ist, erscheint zumindest sehr ambitioniert. Gerade in den Ländern der europäischen Währungsunion wird hier versucht, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen. Dies ist weder ökonomisch sinnvoll noch erfolgversprechend: Was wir von der Krisenbewältigung der skandinavischen Staaten lernen können, ist, dass es vor allem auf die richtige Abfolge der Maßnahmen ankommt.

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