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Die Kolumne – Ein Schröder für die Griechen

10. Februar 2012

Die Lockerung des Stabilitätspakts 2005 wird heute als Mutter aller Krisen beschimpft. Dabei half das, den depressiven Effekt der Agenda 2010 zu stoppen. Das braucht Griechenland jetzt.

Die romantische Erklärung des neuen deutschen Wirtschaftswunders im vergangenen Jahrzehnt geht so: Als es uns einst elendig schlecht ging, haben wir tapfer verzichtet, Einschnitte geduldig hingenommen und heroisch reformiert – rums, war der Aufschwung da, Rekorde überall.

Die etwas weniger verklärte Variante ist, dass spätestens von 2002 an fast monatlich Ad-hoc-Kürzungen nachgelegt, Praxisgebühren erfunden und mehr oder weniger planlos Listen für Agenda-Reden aufgestellt wurden – ohne dass die Wirtschaft aus der Krise kam und das Staatsdefizit wirklich sank. Und das jahrelang. Bis Bundeskanzler Gerhard Schröder die EU-Sparkommissare stoppte und den Stabilitätspakt lockern ließ – was heute als die Mutter aller Euro-Staatsschulden gilt, in Wirklichkeit aber Quatsch ist, weil es da gar keinen belegbaren Zusammenhang gibt.

Im Gegenteil: Die Deutschen brillieren ja seitdem, weil diese Lockerung womöglich half, die depressiven Nebeneffekte der Agenda-2010-Kürzungen zu stoppen und den heutigen Boom erst zu ermöglichen.

Bei allen Unterschieden: Vielleicht wäre es da besser, einen Gerhard Schröder mal nach Griechenland (oder Brüssel) zu schicken statt eine überforderte Abbruch-Troika.

Als die Deutschen vor zehn Jahren noch so eine Art Griechen Europas waren und die Staatsschulden endlos zu steigen schienen, legte Finanzminister Hans Eichel immer neue Sparpakete auf, fielen mal eben Hunderttausende Stellen im öffentlichen Dienst weg und wurden heillos Abgaben erhöht – schon bevor Kanzler Schröder die Agenda 2010 plante. Vor lauter Abgaben und Verzicht geriet die Wirtschaft in Dauerstagnation, wuchs selbst 2005 noch um weniger als ein Prozent, und die Arbeitslosigkeit stieg auf fünf Millionen. Es war eine echte griechische Tragödie: Jedes Mal, wenn Eichel dank heroischer Sparpakete sinkende Staatsdefizite versprach, sah das anschließend wie gelogen aus – weil in der Zwischenzeit das erwartete Wachstum sparbedingt wieder ausblieb, entsprechend mehr Geld für Arbeitslose nötig war und weniger Steuereinnahmen reinkamen. Selbst drei Jahre nach Schröders Agenda-Rede lag das deutsche Staatsdefizit fast unverändert über dem Maastricht-Limit von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP)– was die eifrige EU-Kommission zu noch mehr Druck animierte. Da fehlte nur noch eine Troika, die unserem Bundestag sagt, was er zu tun hat.

Merkel profitiert von Schröder

Genau hier lagen Grund und Motiv der Stabilitätspaktreform: Auch Schröder und Eichel ereilte der ökonomisch naheliegende Verdacht, dass es nichts hilft, zu reformieren, wenn die Wirtschaft dadurch in Dauerstagnation verharrt. Und dass der Stabipakt in seiner Urvariante prozyklisch wirkte, sprich: Abschwünge in Reformzeiten verstärkte und den Defizitabbau damit de facto verhinderte.

Nach der Reform 2005 durften Staaten gemäßigtere Sparziele verfolgen, wenn sie dabei sind, ihre Wirtschaft stark zu reformieren. Zumal wenn die Finanzen dadurch erst langfristig, dafür aber umso stärker entlastet werden, wie bei der Rente. Und es durfte seitdem Sparausnahmen geben, wenn die Wirtschaft schon länger vor sich hin schwächelt.

Dass Hinz und Kunz heute vor sich hin brabbeln, die Pakt-Aufweichung habe zur aktuellen Schuldenkrise geführt, hat etwas Idiotisches. Schon weil die Reform wie maßgeschneidert für Deutsche und Franzosen war, deren Staatsdefizite nach der Reform sanken, nicht stiegen – und die heute gar keine Schuldenkrise haben. Die tatsächlichen Krisenländer konnten den neuen Pakt nach 2005 dagegen gar nicht heranziehen, weil sie weder Reformmühen noch Schwachwachstum hatten. Im Gegenteil: Spanier wie Iren boomten und fuhren ab 2005 zunehmende Etatüberschüsse ein. In der gesamten Euro-Zone lag das strukturelle Staatsdefizit zwei Jahre nach der Reform fast ein Drittel niedriger als im Jahr vor der theatralisch bejammerten Aufweichung (höchstens in Griechenland wurde es nicht besser, nur hätte man den Pakt dafür auch nicht reformieren müssen).

Die Ironie der Geschichte ist, dass Gerhard Schröder als Kanzler weg war, bevor er den neuen Pakt nutzen konnte – das hat dann Angela Merkel gemacht. Sie ließ nach Amtsantritt Ende 2005 in Brüssel genehmigen, die reformdepressive deutsche Wirtschaft trotz mehr als drei Prozent Staatsdefizit 2006 erstmal konjunkturell anzukurbeln, etwa durch bessere Abschreibungsbedingungen für Investitionen. Das Ergebnis: die Konjunktur in Deutschland zog 2006 enorm an, und siehe da, das Staatsdefizit fiel erstmals seit fünf Jahren wieder unter drei Prozent. Nach der Aufweichung.

Stoppt die Spar-Troika!

Es wäre in unserem ureigenen Interesse, die Erkenntnisse von damals auf Griechenland anzuwenden. Das Land soll gerade etwas Unmögliches versuchen: die Wirtschaft mitten in tiefster Depression zu reformieren. Das geht nicht.

Nach Schätzungen hat noch kein OECD-Land sein Strukturdefizit so dramatisch reduziert – ohne dass das tatsächliche Defizit nur ansatzweise so stark sinkt: Weil die griechische Wirtschaft angesichts monatlich neuer Kürzungen schon um zwölf Prozent schrumpfte, ihre Investitionen seit 2010 halbierte und die Arbeitslosigkeit auf 20 Prozent hochschnellen ließ. So etwas zertrümmert die Basis für jeden Aufschwung. Da braucht es einen schlaueren Mix aus Reformen und Depressionsvermeidung.

Die griechische Binnennachfrage ist mittlerweile auf dem Niveau von 2001; das lässt sich auch nicht mehr als Korrektur von Übertreibungen schönreden. Das muss dringend gestoppt werden: mit einem Stopp der immer neuen Troika-Auflagen.

Hier liegt die eigentliche deutsche Lehre von 2005. Es wird höchste Zeit, den Griechen wieder Hoffnung auf Wachstum zu geben. Dass es in Griechenland noch eine Menge zu reformieren und zu entmachten gibt, ist kein Grund, das Land mit katastrophalem Krisenmanagement vollends in den Ruin zu stoßen. Das hilft weder den Griechen, noch erhöht es die Chancen auf Entlastung der deutschen Steuerzahler.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. Dr.NorbertLeineweber
    15. Februar 2012 um 18:35

    Unter dem Strich müsste mein zweiter Kommentar “idiotisch” sein, zumindest nach Fricke.
    Daher sei nachgetragen, dass alle Quer- und Längsschnittsanalysen den Zusammenhang von Staatsdefizit und Beschäftigungskrise bestätigt haben. Weil aber in dem Artikel noch ein paar seltsame Statistiken zusammengeschustert worden sind, muss hier der Kausalzusammenhang passend gemacht werden. Die ehemals hohe Unterbeschäftigung in Deutschland und das höchste Butgetdefizit haben ihre Ursache in der niedrigsten Investitionsquote aller OECD-Länder gehabt. Wachstumstheoretisch kann man ohne die Investitionstätigkeit überhaupt nichts erklären. Deswegen ist Frickes Darstellung inhaltsleer, weil das Pendant fehlt. Wachstumstheoretisch ist unter dem Wertschöpfungsaspekt und damit der Realeinkommensentstehung auch nicht die Binnennachfrage maßgeblich, sondern die reale Nettowertschöpfung. Ohne diesen Indikator kann man jede andere Satistik schrotten, weil nichts darüber ausgesagt wird, ob die Realeinkommen aus eigener Kraft wachsen. Wenn die Binnennachfrage nur durch Schulden aufgeblasen wird, was der Fall war, dies zeigt das strukturelle Defizit, ist die Binnennachfrage der fälscheste Indikator, den man für Griechenland heranziehen kann. Die Arbeitslosenquote ist einhergehend mit der wachsenden Staatsverschuldung in Wahrheit gewachsen, wenn man auf die private Beschäftigung abstellt. Die war stark rückläufig und der Quotenrückgang nur damit zu erklären, dass die Staatsbediensteten auf 25% der Beschäftigten angehoben wurden. Aussagekräftig wäre nur eine Statistik ohne Staatsdiener (Zivile ohne Staat). Alle “Statistiken” sind Mist. Jetzt müsste man das Ganze noch unter dem Aspekt von time-lags diskutieren, dann landet Fricke leider im ökonomischen Nirvana. Die Beseitigung des strukturellen Defizits in Griechenland sagt gar nichts aus, weil bei jeder Staatspleite das Defizit mit einem Einbruch der Beschäftigung einhergeht. Das ist völlig normal. Erst muss der kreislauftheoretische Tiefpunkt ausgependelt werden, danach kann es wieder bergauf gehen (Argentinien, Russland usw. usw.), wenn die Strukturen angepasst werden (z.B. deutliche Reallohnsenkungen). Mit Schuldenökonomie haben die VGR-Entstehungsrechnung und die damit verteilbare Wertschöpfung überhaupt nichts zu tun. Wobei man noch süffisant anmerken müsste, dass man in the long run leider nur das verteilen kann, was an Nettowertschöpfung kreiert wird. Das haben alle Schuldenmechaniker bis heute noch nicht begriffen. Und wenn sich die Verteilung über Jahrzehnte nicht an der Wertschöpfung orientiert hat, gibt es eben den großen Knall wie in Griechenland und demnächst Italien und Spanien. Man kann sich keine reale Wertschöpfung leihen. Das ist das Grundprinzip, das immer übersehen wird. Es sind im Grunde die ersten Stunden Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Wachstumstheorie. Da ist sogar der marginale, reziproke Kapitalkoeffizient entbehrlich. Um es auf den Punkt zu “bringen.” Fricke “bringt” es nicht.

  2. Dr.NorbertLeineweber
    14. Februar 2012 um 23:33

    Die Agenda 2010 hatte keinen depressiven Effekt. Depressiv waren die Zustände zuvor. Das ist wichtig und dass muss man auseinander halten können. Ein Pleitenrekord nach dem anderen, Investitionssteik im Inland und horrende Direktinvestitionen (im Ausland). Das Land war an seiner Stückkostenkrise zerbrochen. Zwei Millionen Arbeitsplätze in der Industrie vernichtet, die internationale Wettbewerbsfähigkeit dahin bei in Wahrheit 7 Mio. Arbeitslosen. Der von Fricke beschriebene Ist-Zustand von damals hatte mit der Staatsverschguldung nichts zu tun. Deutschland war an seinen verkrusteten Strukturen zerbrochen. Es war eine Strukturkrise größten Ausmaßes.Das brach der Gewerkschaft das Genick und Schröder konnte agieren.
    Und jetzt kommt der Witz an dert Sache:
    Die Lockerung des Stabilitätspaktes war verheerend und die Mutter der heutigen Krise, weil hier der Keim für den Niedergang der Schuldenstaaten heutzutage gelegt wurde. Dieser Effekt ist zeitlich verzögert. Was bei Keynesianern als Strohfeuer wirkt, hat noch nie funktioniert und die EU jetzt an den Abgrund gebracht. Es war kontraproduktiv. Damals hätte sich ganz Europa neu strukturieren müssen, aber leider hat sich nur Deutschland besser aufgestellt. Der Musterknabe erntet sein Früchte, die Sitzenbleiber sind am Staatsbankrott angelangt. Das depressive Szenario in Deutschland schlug um, als die Investoren durch die Reformen Licht am Horizont sahen. Dass bei 4% Staatsdefizit bei Schröder 0,5% Wachstum herauskamen ist die gleiche Seite der Medaille. Es beweist, dass Defizite nicht wirken, wenn die Wirtschaft Strohfeuer für unwirksam hält (Theorie der rationalen Erwartungen).. Die Ersparnisse der Volkswirtschaft werden im Staatsdefizit verbrannt, einhergehend mit einer Beschäftigungskrise. Heute weiß man, das Arbeitslosigkeit und Staatsschulden miteinander korrelieren. Die damalige Lockerung des Solidarpaktes ist reiner Zufall und hat mit der erstarkten internationalen Wettbewerbsfähigkeit natürlich überhaupt nichts zu tun. Danach bürdete sich der Rest Europas die Stückkostenkrise auf. Lohnerhöhungen weit ab vom Produktivitätsfortschritt bei expansiven Staatsausgaben. Das ist der Hauch des Todes einer Volkswirtschaft. Seit dem Euro hat Deutschland kostenmäßig 20% abgewertet, die Restataaten um 30% aufgewertet. Sie sind nun da wo Deutschland weit vor Schröder war. Oben ist es beschrieben. Der Boom in Deutschland hat mit der Lockerung des Solidarpaktes nichts zu tun. Also kann eine lockere Verschuldung auch nicht als passender Mitteleinsatz beschrieben werden. das Gegenteil ist der Fall. Wenn jetzt Schröder in andere Länder exportiert werden soll ist es leider zu spät. In der Verschuldung ist der point of no return erreicht. Eine Kosten- und Strukturkrise kann man makroökonomisch nicht mit einem Mehr an Schulden heilen, weil das die Strukturen noch weiter zur Fehlallokation drängt. Die Makroökonomik ist nicht geeignet die Strukturkrise zu beheben, erst recht nicht wenn die Kosten um 50% auseinander gelaufen sind. Das ist grundlegend für das Verständnis jedweden Mitteleinsatzes. Noch mehr Schulden jagen den letzten Investor davon. Wenn man absteitet, dass schon der Schröder-Aufschwung als bloßer Saldenmechanik nicht funktioniert hat und der Transmissionsmechanismus falsch eingeschätzt wird, kommt natürlich heraus, dass jetzt noch mehr Schulden her müssen. In diesem Szenario sind in Kürze alle Eurostaaten pleite, einschließlich Deutschland das dann haftet. Die abgekanzelte Troika hätte wir vor fünf Jahren gebraucht. Das Licht am Tunnel wird sichtbar, wenn die Sparmaßnahmen die Investoren überzeugen, dass sich die Strukturen in Europa ändern. Was lernen wir aus der Geschichte: Durch Schulden werden strukturelle Versäumnisse so lange vertuscht, bis ein Land am Abgrund steht. Schröder kam mit seinen Reformen auch 5 Jahre zu spät.
    Über falsche Anreize, Allokation und Außenwirtschaft müsste ich 5 Seiten schreiben, das wird mir zu viel.
    Das Ergebnis, wonach Schröder durch sein Dfizit der Aufschwungkanzler war, der Merkel geholfen hat ist abschließend bemerkt grundsätzlich falsch. Es widerspricht der Allokations- und Wachstumtheorie und vernachlässigt strukturelle Desaster.
    Die Grundannahmen und die Schlussfolgerungen im Artkel von Fricke sind wissenschaftheoretisch nicht verwertbar. Zu einer Ursachenanalse aus der man dern richtigen Mitteleinsatz ableiten kann taugt das nicht.

  3. 12. Februar 2012 um 11:39

    Hallo H Fricke,

    könnten Sie mir bitte noch einmal konkret erklären, wo GENAU wir mit der Griechenhilfe denn nun die von Ihnen medial verbreiteten GEWINNE machen.

    Und – waren Sie auch dabei bei der Aktion ” Wir kaufen griechische Anleihen”? Und wie erfolgreich waren hier die “Gewinne” ?

    Danke an den “Experten”

  4. Delinix1
    11. Februar 2012 um 20:14

    @Thomas Fricke. Pardon, ich hatte das Wichtigste vergessen.
    Wen möchten Sie denn eigentlich mit den Konjunkturmaßnahmen beglücken? Es gibt hier gar keine Institutionen, die mit so etwas umgehen können. Für die Umsetzung von irgendwelchen Programmen müssten Sie aber Leute haben, die verstehen, was Sie möchten. Das werden Sie in GR nicht finden. In den Behörden sitzen ja nur Paten, Trauzeugen, Cousins und Cousinen und eben leider keine Fachleute. Es gibt auch keinerlei Struktur, die die Umsetzung einer Maßnahme garantieren könnte.
    Bevor Sie also in eine Konjunktur investieren, müssen Sie erst einmal ein ordentlich funktionierendes System erschaffen. Dazu brauchen sie die richtigen Leute. Es gibt aber keine richtige Ausbildung. Was machen Sie mit den Beschäftigten, die da sitzen, aber keine Ahnung von irgendetwas haben? Und wer soll dafür sorgen, dass diesmal die Richtigen eingestellt werden? Ein Pate, Trauzeuge, Cousin oder Cousine? Sie sehen, es gibt noch tausend wichtige Dinge zu tun, BEVOR sie an so etwas wie Konjunktur überhaupt denken können!
    Und weil die Griechen sich von Ihnen oder uns nicht sagen lassen werden, wer z.B. eingestellt wird und wer nicht, deshalb müssen Sie es ihnen überlassen, das zu entscheiden. Die Entscheidung aber kommt nur unter Druck. Ansonsten bleibt alles beim alten.

  5. Delinix1
    11. Februar 2012 um 19:51

    @ Thomas Fricke. Das ist eine ziemlich gewagte These. Demnach müssten wir jetzt Albanien in die Währungsunion aufnehmen, damit wir noch mal aus der Krise kommen.
    Sie können natürlich mit ALLEM eine Korrelation konstruieren…
    Der Boom geht dorthin, wo das Kapital hingeht. DESHALB boomt es dort und nicht wegen größerer Verschuldung.
    Weil das Kapital erst woanders hinging, boomte es woanders. Und erst, seitdem das Kapital zu uns nach D kommt (ausgelöst z.B. durch die Krise, weil alle Welt nun Geld bei uns bunkert und weil die Deutschen ihr Geld nun ausgeben wie verrückt, bevor es noch mehr an Wert verliert), boomt es bei uns.
    Das Schlimmste, was Sie GR antun könnten, wäre ein Schröder II. Der würde dann auch wieder nach dem Motto handeln: ich habe es doch nur gut gemeint… (gut gemeint ist schlecht gemacht). Davon haben wir hier in GR wahrhaft genug.
    Und zu Ihrem Titel zu Teil 3 des Artikels „Stoppt die Spar-Troika“ fällt mir nun gar nichts mehr ein. Sie kennen GR offenbar gar nicht. Vor allem aber haben Sie schlecht recherchiert. Sonst wüssten Sie nämlich, dass von den Forderungen nur der bequeme Teil umgesetzt wurde. Der Teil, der die Bevölkerung ohne Lobby betraf. Der andere Teil hingegen, der u.a. auch einen konjunkturellen Auftrieb hätte bewirken können (z.B. die Freigabe der zunftähnlich organisierten Berufe), dieser teil wurde wohlweißlich nicht angefasst. Sitzen dort doch die eigenen Wähler und die Freunde und Familie. Das gilt übrigens ebenso für die Kürzungen der Einkommen und Renten der Besserverdienenden. Wie können Sie da behaupten, das Vorgehen der Troika sei falsch. Der Beweis für so eine Annahme steht schließlich aus – alle Welt weiß inzwischen, dass die Forderungen der Troika meist gar nicht umgesetzt wurden.

    Als FTD-Chefökonom tragen Sie doch auch eine Verantwortung für das, was Sie schreiben. Sie stellen gewagte Behauptungen auf und hinterlassen beim Leser, der i.d.R. Griechenland nicht kennt, den Eindruck, es gäbe tatsächlich eine Alternative zur jetzigen Politik – der Rückführung auf DAS Niveau, das der tatsächlichen Produktivität angemessen ist.
    Welche Alternative sollte das sein? Schulden mit Schulden bekämpfen? Nur der Absturz steil nach unten bringt die griechische Bevölkerung dazu, sich der korrupten Politikerschicht (von der allerdings allesamt auf die eine oder andere Weise profitiert haben) zu entledigen.
    Und nur dies führt zu einer Veränderung. Kommt dagegen wieder Geld (z.B. für angebliche Konjunkturmaßnahmen), fehlt jeder Reformzwang, man lehnt sich zurück und macht weiter wie bisher.
    Gehen Sie bitte davon aus, dass hier ALLES anders ist, als Sie es aus Deutschland oder anderen mittel/nordeuropäischen Ländern kennen. Ihre Maßstäbe funktionieren hier nicht.

  6. Dr.NorbertLeineweber
    11. Februar 2012 um 18:30

    Dr.NorbertLeineweber. Es ist seht schwierig diesen Beitag zu kommentieren. Im Grunde müsste man einen halben Vorlesungszyklus dazu halten, um die Inhalte Satz für Satz auseinanderzunehmen und wissenschaftstheortisch aufzuarbeiten. Dabei müssten alle Gebiete der Ökonomie integriert (Außenwirtschaftstheorie, Geldtheorie, Konjunkturtheorie, Wachstumstheorie, Allokationstheorie und Strukturpolik samt der political economics ) und analytisch aufgearbeitet werden. Unter dem Strich eben alles, was gerade diesen Artikel nicht auszeichnet. Liest man statt in der FTD z.B. in der FAZ kann man sich schon vorstellen wohin die Reise geht, und zwar rein wissenschaftlich betrachtet. Die gewählten “neuen Erklärungsansätze” gehen vollumfänglich fehl und würde genügen mehrere Diplomarbeiten mit mangelhaft zu bewerten.

    • 14. Februar 2012 um 13:40

      Könnten Sie mir nicht doch ein paar Beispiele nennen, was in dem Artikel wissenschaftstheoretisch nicht hinreichend aufgearbeitet ist bzw nicht stimmt? TF

  7. Dieter W. Schloder
    11. Februar 2012 um 17:49

    Ich lese gern die Kolumnen von T. Fricke. Trotzdem, in Wirkungen eingreifen ohne Ursachen zu entfernen kann, aber muss nicht helfen. Alle Fussballmanschaften richtig trainieren, dann siegen alle? Den Menschen die “Mitte” vermitteln (wie schon Aristoteles lehrte), positive Zukunfsperspektiven usw.usw. statt grezenloser Egoismus.

  8. Ansgar
    11. Februar 2012 um 17:42

    Sowas wie Schröder wird es in Griechenland nicht geben. Das lassen die sich nämlich nicht gefallen.

  9. Christof
    11. Februar 2012 um 17:26

    Herr Fricke,

    die Binnennachfrage anzukurbeln muss NACH Investitionen im Land erfolgen. Oder wollen sie mit an der angekurbelten Binnenachfrage mitverdienen. Sagen Sie doch offen Ihre Motivation für Ihren Artikel als 3 Seiten lang hin und her zu lammentieren.

    Wie meine Vorredner kann ich Ihnen abraten seriöus Griechenland mit Deutschland im Vergleich herzuziehen. Gott bewahre Ihnen Ihren Patriotismus. Und nein, Deutschland ist nicht wegen des politischen Reförmchen auf die Beine gekommen, mögen sie die Politik doch loben, sondern wegen eines anziehenden Weltwachstums von ca. 5 % im Zeitraum 2007-2011 und somit der Nachfrage nach Investitionsgütern. Um Gottes Willen ein letztes Mal: Politik, BWLer und Juristen SCHAFFEN keine Wertschöpfung, sondern verteilen sie.

    Herr Fricke und wegen Griechenland. Ich habe mir 2002 Sorgen und Hoffnungen gemacht. Das erstere im Hinblick auf die billigeren Produktionskosten in Spanien, Portugal, Griechenland etc. und die Konkurrenz im freien Wettbewerb des Gemeinsamen Währungsraumes. Das zweitere, dass ich meine Zulieferwaren billiger aus diesen Ländern beziehen könnte. Es hätte eine wunderbare Erfolgsgeschichte für diese Länder werden können. Doch die Gier, die Immobilienpreise Spaniens bei der Euro Umstellung fast zu verdoppeln und im Zuge der Jahre den Wohlstand zu erhöhen ohne die Produktivität zu steigern führte in den Bankrott. Nicht der Euro ist Schuld. Nicht die Deutschen. Nicht die Banken. Nicht das Messer ist von selbst eine Mordwaffe. Ich möchte nicht nur Kritisieren, sondern auch eine Lösung anbieten: Um die Produktivität zu erhöhen schlage ich vor nach der angemeldeten Arbeit “Schwarz”arbeiten zu gehen (Kostet keine Milliarden, wie ihr Vorschlag eines “Konjunkturpakets” (waren das die 80er???))

    • 14. Februar 2012 um 13:46

      Vielen Dank für die Anmerkungen. Ich habe allerdings nirgends behauptet, dass die Agenda-Reformen das Wachstum gebracht haben. Es geht auch nicht darum, in Griechenland die Binnennachfrage “anzukurbeln”, sondern darum, dass man aufhören sollte, das Gegenteil in Kauf zu nehmen, da durch die kürzungsbedingt immer weiter einbrechende Nachfrage auch die gesündere Substanz der griechischen Wirtschaft zuerstört zu werden droht. Diese Einsicht hatte offenbar auch Schröder irgendwann, wenn auch auf unbestritten anderem Entwicklungsniveau. TF

  10. Nemo
    10. Februar 2012 um 22:23

    Die letzten Zahlen aus Athen deuten für 2011 auf staatliche Gesamteinnahmen durch Steuern in Höhe von ca. 50 Mrd. EUR bei Gesamtausgaben von über 70 Mrd EUR hin. Abgesehen vom riesigen Haushaltsloch entspricht die Jahreseinnahme ungefähr den Steuerschulden griechischer Bürger, die von Athens Finanzverwaltung höchst selbst auf rund 60 Mrd. beziffert worden ist. Vorschlag: Die griechische Regierung erläßt per Dekret jedem seiner Schuldner 50% und nimmt 30 Mrd. ein. Das wären die Mittel für Ihr Konjunkturprogramm, Herr Fricke.

  11. R.B.
    10. Februar 2012 um 19:31

    Ich weiß nicht, ob es klug und zielführend ist alles in einen Topf zu werfen.
    Spanien leidet doch unbestritten noch unter den Nachwehen einer gewaltigen Immobilienblase. Ich vermute auch, dass der Euro für Spanien zu teuer ist.

    Irland hat sich durch eine Dummheit der Regierung, die für die Bankschulden garantiert, selbst in die Bredouille gebracht. Der Giftmüll in Form des AAA-Schrotts, der über den großen Teich nach Europa herüberschwappte, war auch nicht gerade hilfreich.

    Der Motor in Griechenland hat Getriebeschaden. Da können sie noch so viel Sprit reinkippen. Bevor der Motor nicht repariert wird, wird der Wagen auch keine Anstalten machen, sich fortzubewegen. Über mangelnde Hilfen kann sich Griechenland sicher nicht beklagen. Zusammengenommen kommt man locker auf einen drei-stelligen Milliardenbetrag bei einer Einwohnerzahl von 10,8 Millionen. Ganz erstaunlich.

    Analog dazu war der Motor in Deutschland eher intakt so dass die Zufuhr von Sprit durchaus hilfreich war. Vergessen Sie auch nicht die vielen fleißigen (böses Wort) Menschen in diesem Land, die die Ärmel hochgekrempelt und einen beträchtlichen Teil zum Aufschwung mit beigetragen haben.
    Sie werden es mir nachsehen, wenn es mir missfällt, dass diese Erfolge ausschließlich an die Revers von Notenbankern und Politikern angeheftet werden.

    Vier Länder . Vier Geschichten.
    Lösungen gibt’s genug. Nur ob sie auch zum Problem passen?

    Deutschland steht nach Berechnungen des IFO Instituts incl. Target2 bereits für die astronomische Summe von 1 Billion Euro gerade. Wie viele Nullen hatte eine Billion und wie groß war der Bundeshaushalt gleich noch mal?

    Verstehe nicht was Sie eigentlich von uns wollen?

    p.s. Gelungenes neues Layout.

  12. Wolf Zimm
    10. Februar 2012 um 19:09

    Herr Fricke sollte sich mal die Anmerkungen von Holger Steltzner in der FAZ v. 10.02.2012, “Der große Knall” anschauen. Dessen Ausführungen treffen die Situation in Griechenland sehr viel eher als das Gerede von der “Ironie der Geschichte”.

  13. Friedrich Höfermann
    10. Februar 2012 um 17:03

    Ein Artikel, der hinter jedes schwäbische Hausfrauenohr gehört – und als Gravur in jede Stammtischplatte. Danke!

  14. Alfons Sparbier
    10. Februar 2012 um 16:51

    Schulden kann man also nur mit noch mehr Schulden bekämpfen. Das mag ja gelegentlich klappen, aber nach allem, was bisher in Griechenland geschehen ist, würde wohl alles weitere Geld verfrühstückt statt investiert. Der kleine Grieche auf der Straße tut mir ja leid, aber wenn die Griechen nicht endlich mal ihre Reichen zum Steuerzahlen zwingen, sieht in Deutschland – oder gar in ärmeren und trotzdem soliden Euro-Ländern – niemand ein, dafür zu bluten, dass die Party weitergeht.

  15. mick ross
    10. Februar 2012 um 12:57

    Der kleine Schönheitsfehler in Ihrem Beitrag: Deutschland hatte und hat eine Indsutrie, eine Finanzverwaltung und eine Infrastruktur, die diese Namen verdient. Dies ist bei den Griechen (leider) nicht der Fall.

    Beste Grüße

  1. 19. Februar 2012 um 17:08
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