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Die Kolumne – Teuer, aber sexy

2. März 2012

Lange galt, dass sinkende Gehälter Jobs sichern. Jetzt sind die Arbeitskosten krisenbedingt auf alte Höhen zurückgeschnellt – und die Beschäftigung boomt trotzdem. Ein Aufklärungsversuch.

In der Theorie ist die Sache klar. Je niedriger für Unternehmen die Lohnlasten, desto mehr Jobs können sie bezahlen. Deshalb mussten die Deutschen jahrelang verzichten, weil die Gehälter vermeintlich zu hoch waren. Deshalb schien die Beschäftigung seitdem auch wieder zu steigen.

Der Haken dabei: Seit der Rezession 2009 sind die Kostenlasten gemessen am Umsatz wieder gestiegen – klammheimlich, aber eindrucksvoll. Und? Die Beschäftigung in Deutschland boomt trotzdem, selbst drei Jahre später noch und trotz zwischenzeitlichem Konjunktureinbruch. Gilt plötzlich: mehr Lohn, mehr Jobs? Oder sind die Lohnkosten am Ende gar nicht so wichtig, wie es uns die halbe Ökonomenschar jahrelang erklärt hat? Ein Aufklärungsversuch.

Erinnerungen an Christiansen

Bis zur Krise 2009 schien die gelobte Gleichung irgendwie zu stimmen. Da fielen forcierte Lohnmäßigung und Beschäftigungsanstieg zumindest zeitlich zusammen. Von 2005 bis 2008 sanken die Lohnkosten deutscher Unternehmen je produzierter Einheit um enorme zehn Prozent, die Arbeitslosigkeit sank um eine Million. Bis zur Rezession 2009. Da brachen plötzlich Nachfrage wie Produktion ein, und die Unternehmen entließen trotzdem kaum Leute – mit dem Resultat, dass die zitierten Lohnstückkosten pro Stunde um sage und schreibe 15 Prozent hochschnellten.

Dieser Anstieg ist seitdem korrigiert worden, aber nur teils. Was auch daran liegt, dass im neuen Aufschwung die Löhne an sich wieder stiegen, 2011 um effektiv 3,3 Prozent; das gab es lange nicht. Per saldo liegen die Stückkosten daher jetzt immer noch höher als zur Zeit der Rekordarbeitslosigkeit bis 2005.

Schon klagen die Leute vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, dass Deutschland „keineswegs auf die Lohnbremse getreten“ hat – klar, es stehen Tarifverhandlungen an. Unter dem Strich blieben die Lohnstückkosten im internationalen Vergleich seit 1999 konstant, die Konkurrenz habe insgesamt einen Vorteil von zwölf Prozent. Erinnert an Sabine Christiansens alte Dauerjammersendungen, als Griechenland noch Deutschland hieß.

Fragt sich dann aber, warum die Arbeitslosigkeit jetzt unter 2,8 Millionen liegt, die Beschäftigung seit Anfang 2010 um mehr als eine Million gestiegen ist und der Export endlos zu boomen scheint. Nach klassischer Lehre müsste so ein Kostenschock ja irgendwie negativ wirken.

Solche Schocks könnten erst mit Verspätung eintreten, wirft mancher Kardinal sicher nun hastig ein. Dann lägen schlechte Zeiten vor uns. Nur: Warum sollten Unternehmen lange warten, wenn sie heute so viele Möglichkeiten haben, Personal über Zeitarbeit und anderes anzupassen?

 
Eine andere Erklärung könnte sein, dass es – wie Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft dagegenhalten – doch nicht auf das ein oder andere Prozent Kostenentwicklung ankommt, eher aufs grobe Niveau. Das sei ja noch recht niedrig. Das gilt aber nur dann ansatzweise, wenn die Unternehmen das Kostenplus teils durch höhere Preise auffingen: Die preisbereinigten Lohnstückkosten waren in der Tat schon mal höher. Allerdings nicht Anfang 2005, als es noch fünf Millionen Arbeitslose gab und Hartz IV gerade in Kraft trat. Andere Messart, gleicher Befund: Die Lohnquote liegt heute wieder so hoch wie damals – und fünf Punkte höher als bei höchster Lohnmäßigung 2007.

Wenn Lohnstückkosten im Schnitt steigen, müssten nach klassischer Lehre Beschäftigte, die weniger produktiv sind, nicht mehr bezahlbar werden – wenn es denn so stark auf den Lohn ankommt. Doch dann müsste der Jobmotor wenigstens stottern, nicht anziehen.

Verzicht ist zweitrangig

Plausibler scheint etwas anderes. Deutsche Unternehmen haben nach vielen mageren Jahren ab 2005 gezögert, bevor sie trotz Aufschwungs wieder einstellten. Das habe damals zu einer Überauslastung der Kapazitäten geführt, wie sie an Überstunden und Arbeitszeitkonten ablesbar war, sagt Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Sprich: Die Produktivität pro Kopf stieg ungewöhnlich stark. Das war ein Glück, als dann 2009 die Krise kam. Da ließ sich Produktionsausfall durch Abbau der Überauslastung auffangen, also sank die Produktivität, und die Lohnstückkosten verteuerten sich. Ohne Leute entlassen zu müssen – weil die Lohnstückkosten vorher stärker gesunken waren, als es zum Halten von Beschäftigung nötig gewesen wäre. Das würde erklären, warum die Unternehmen mit gestiegenen Stückkosten heute leben können.

Zu klären bliebe, warum die Arbeitsmarktlage nicht nur ganz gut, sondern atemberaubend erscheint, im Vergleich zu 2005, als die Lohnlast ähnlich hoch war. Löhne sind doch nicht so entscheidend. Gängige Modellschätzungen ergeben in der Tat, dass ein einprozentiger Lohnanstieg nur zu einer Verlangsamung des Exports um einen halben Prozentpunkt führt – während ein Prozent mehr Nachfrage aus dem Ausland gleich ein bis eineinhalb Prozent Beschleunigung bringt. Die Nachfrage erklärt damit locker 70 Prozent des Exportglücks. Ähnliches könnte am Arbeitsmarkt gelten: Eine gute Konjunktur wirkt mehr Wunder als ein Zehntel zusätzliche Lohnmäßigung.

Dazu würde auch die deutsche Erfahrung passen. Immerhin blieben die Löhne schon seit der Jahrtausendwende hinter der Produktivität zurück – ohne dass die Arbeitslosenzahl zurückging, im Gegenteil. Das tat sie beschleunigt, als die Lohnstückkosten wieder stark stiegen. Auflösung: Die Konjunktur lief bis 2006 so mies, dass selbst sinkende Kostenlasten nicht reichten, damit Firmen Stellen schufen. Jetzt läuft die Konjunktur so gut, dass selbst höhere Kosten wegzustecken sind – weil alle davon ausgehen, dass die guten Zeiten anhalten.

Das muss nicht heißen, dass das ewig gut geht. Selbst wenn der Einfluss der Löhne begrenzt ist, schlägt ein hoher Zuwachs irgendwann durch. Es lohnt dann aber, für gute Konjunktur zu sorgen. Jobs entstehen nicht durch Verzicht allein.

Wenn das stimmt, hilft es auch relativ wenig, die Euro-Krisenländer heute dazu zu drängen, allein über sinkende Kosten wieder fit zu werden. Das wird wenig bringen. Wenn Außenbilanzen stärker von der Nachfrage abhängen, wäre es schlauer, bei uns für ordentlich Nachfrage zu sorgen und unsere Importe aus den Krisenländern so zu beschleunigen, als auf teuren Kostenwettlauf zu setzen.

Gut möglich, dass hier die tiefere Erklärung dafür liegt, dass Deutschland trotz gestiegener Kostenlast gerade einen solchen Jobboom erlebt.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. R.B.
    4. März 2012 um 10:43

    Nach dem das Thema Lohndumping in Deutschland als Krisenverursacher schon monatelang durch die Medienlandschaft geistert, erlauben Sie mir ein paar Gedanken dazu.

    Nach meiner Einschätzung und der Lektüre zahlloser Artikel quer durch die Wirtschaftspresse ist dieser Vorwurf zu pauschal und unangemessen.
    Die eigentlichen Krisenverursacher sind m.E. eher zu hohe Renditeerwartungen (=Gier), nicht nachhaltiger Konsum und ineffiziente Verwaltungsstrukturen/Behörden.

    Aber gehen wir auf den Vorwurf des Lohndumping etwas detaillierter ein.
    Die Logik, die auch in obigem Artikel artikuliert wird, geht in etwa so:

    Durch Lohndumping hat sich Deutschland vor allem auf Kosten der Südperipherie im Euroraum einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft, der zu einem Exportboom und niedrigem Import hierzulande und zu einer wirtschaftlichen Strangulierung dort geführt hat.
    Wenn man dieser Analyse folgt, ist die Therapie offensichtlich, nämlich eine kräftige Erhöhung der Löhne in Deutschland, was die Exporte über den Preis drosseln und die Importe demgegenüber erhöhen sollte. Ganz nebenbei würden dabei die beängstigend hohen Target2 Forderungen der Dt. Bundesbank (500 Mrd Euro !) im Laufe der Zeit wieder „eingedampft“.

    Klingt zu schön um wahr zu sein.
    Aber die Sache hat leider mehrere Haken.

    Ein Einwand wurde oben schon angedeutet. Das Thema Löhndumping wird bei Weitem überschätzt.

    Ein anderer häufig gelesener Einwand ist, dass der Euroraum kein geschlossenes System ist, sondern im Wettbewerb mit anderen Wirtschaftsblöcken steht, die über Sozial- und Umweltdumping, Subventionen und politischer Einflussnahme, aggressiv am Markt agieren.
    Dessen ungeachtet gibt es Wirtschaftszweige in Deutschland, die hervorragend verdienen, wie die nur so vor Kraft strotzende deutsche Automobilindustrie, wo wir staunende Zeugen eines bemerkenswerten Wettkampfes darüber sind, wer in der Lage ist, die höchsten Mitarbeiterprämien auszuschütten.
    Auf der anderen Seite haben wir Firmen wie u.a. IBM, Sony Ericsson, Nokia Siemens Networks, die mehr oder weniger massiv Stellen abbauen. Da ich in einer der oben genannten Firmen (noch) tätig bin, kann ich Ihnen verraten was das Management hinter vorgehaltener Hand sagt: „Zu teuer“. „Zu alt“.
    D.h. man müsste das Thema Löhne sehr branchenspezifisch evtl. sogar unternehmensspezifisch angehen. Viele meiner Kollegen (incl. mir) würden „gerne“ Lohneinbussen gegen Beschäftigung eintauschen. Wie schnell man in den Abwärtssog hineingezogen wird, der schlussendlich in Hartz IV mündet, brauche ich niemandem vorzurechnen.

    Das führt mich unmittelbar zu meinem letzten Punkt der klarer wird wenn man das Wort „Lohndumping“ durch „Lohnzurückhaltung“ ersetzt.
    Die Gewerkschaften sahen sich in früheren Jahren dem Vorwurf ausgesetzt, durch (zu) hohe Lohnabschlüsse die Arbeitslosen auszugrenzen, da angeblich (zu) hohe Löhne die Eintrittsbarrieren in das Berufsleben zu hoch machten.
    Deswegen gab es vor einigen Jahren einen Strategieschwenk:

    Verzicht auf Gehaltserhöhung gegen Beschäftigung (-sgarantie).

    Dass das heute als Lohndumping diskreditiert wird und ursächlich für die Euro-Krise herhalten soll, halte ich weder für richtig noch für angemessen.

  2. Mahlzeit!
    3. März 2012 um 15:21

    Warum ist die Welt nicht so einfach wie man sie sich Wünscht?

    Ja, die Lohnkosten in Deutschland sind fast wieder auf dem Niveau von 2005, und jetzt sind weniger Arbeitlose als damals.

    Daraus zu schließen, dass die Lohnkosten nicht wichtig sind oder nur der Konsum entscheiden sind ist verwegen. Wir wissen, dass Märkte(vorallem Finanzmärkte) zu Übertreibung neigt. So fanden viele bei der Euroeinführung, dass man Geschäfte mit großen Wachstums Chancen im Süden machen könnte. Leider stellte es sich nun heraus, dass hier hauptsächlich Blasen gewachsen sind. Blasen neigen dazu zu platzen und sie meist wächst neben einer Blase nicht viel.
    So ist es auch hier geschehen Deutschland war out, schlechte Wachstumsaussichten, Deutsches Geld floß in den Süden und nach Amerika auf der suche nach Rendite.
    Deutschland musste attraktiv werden neben Süd-Osteuropa und den USA.
    Der fixe Wechselkurs und die gemeinsame Leitzinsen (welche für Spanien zu niedrig und Deutschland zu hoch waren) in der Eurozone taten ihr übriges.
    Jetzt wo nach der Reihe die Blasen geplatzt sind, und die Leitzinsen auf historisch niedrigen Niveau sind wirkt Deutschland im Vergleich wieder toll.(trotz der hohen Lohnkosten) Das Deutsche Geld kehrt sozusagen heim und befeuert einen Boom,der vielleicht nicht ganz so Blasen ähnlich ist wie im Süden(da hier vermehrt mit ausländische Geld gearbeitet wurde , welches schneller verlagert wird).
    Doch sobald die Rolle Deutschlands als einer der wenigen sicheren Häfen weg ist weil die Welt wieder sicher ist könnte auch Deutsches Geld wieder auf Weltreise gehen und wieder Rendite und die Lohnstückkosten in den Mittelpunkt von so mancher Überlegung gelangen.
    Zu diesen Zeit punkt hoffe ich, dass sich die europäische Wirtschaft(politik, bzw. ethos) schon angeglichener sind, und wir passende Zinsen für alle haben, sonst haben wir wieder die Probleme von einer Blase im einen und einer Rezession im anderen teil der Eurozone.

  3. Olga
    2. März 2012 um 14:08

    Die in der Praxis sehr unterschiedliche Berechnung von Lohnstückkosten und weitere dynamische Faktoren mit entsprechender Wirkung auf diese, lässt allerhand Spielraum für Manipulationen.
    Mal werden sämtliche Gemeinkosten einbezogen, mal weg gelassen, mal rechnet man die Lohnkosten der Kostenträger korrekt, mal über Kostenstellen. Andere wiederum unterstellen generell 160 bis 200% eines Bruttolohnes als Lohnkosten. Das nächste Unternehmen rechnet die Kosten externer Zeitarbeit als Lohnkosten (und treibt sie damit in die Höhe), ein anderes als Kosten für externe Dienstleistungen.

    Da die Produktstückkosten je nach Branche auch abhängig von den Preisentwicklungen an den Energie- und Rohstoffmärkten sind, sinken oder fallen die Lohnstückkosten prozentual; Je höher der Anteil dieser Faktoren an den Produktkosten, desto ausgeprägter der Effekt auf die Lohnstückkosten..

    Die Theorie; je geringer die Löhne, desto mehr Jobs; ist wegen ihrer Monokausalität kaum noch haltbar. Die Beschäftigungszahlen sind eine rein quantitative Größe, die weder über die Nachhaltigkeit oder Qualität dieser Jobs, noch oder über den Grad der Subventionierung etwas aussagt. Zwischen 2008 und 2010 wurden zweistellige Steuermilliardensummen aufgewandt, um bestehende Arbeitsverhältnisse über Kurzarbeiterregelungen zu erhalten.-

    Über die offiziellen Arbeitslosenzahlen lässt sich nicht feststellen, ob, in welchem Sektor und weswegen der Jobmotor angeblich stottert oder auf Hochtouren läuft..Man predigt dieses Glaubensbekenntnis. Das Jobwunder ist durch die Lenkung der benötigten Arbeitsstunden in mehr Unterbeschäftigungsverhältnisse, bei gleichzeitigem Abbau von weniger regulären Vollzeitarbeitsplätzen entstanden. Kein Wunder, sondern nachvollziehbar und erklärbar

    Das die Löhne hinter der Produktivität zurückhängen und seit 2000 preisbereinigt um kanpp 5% gefallen sind, liegt in der Natur der Sache und sagt nichts anderes, als das ich heute zur Produktion einer Menge von Gütern weniger Arbeitsstunden benötige, während gleichzeitig die verfügbare Arbeitszeitreserve durch offiziell und inoffiziell Arbeitslose und Unterbeschäftigung steigt.. .

  4. TheJoke
    2. März 2012 um 11:41

    Leider können viele Wirtschaftsexperten die wirtschaftliche Realentwicklung immer nur im Nachhinein schlüssig erklären (damit zile ich nicht aus den geschätzten Autor). Das liegt meiner Meinung nach daran, das Wirtschaftwissenschaftler den Markt oft durch die Brille bestimmter Schulen betrachten (man könnte von Dogmen sprechen).

    Ich glaube das sich Krisen eben nicht wiederholen. Jedenfalls nicht exakt so, wie sie schon mal da waren. Dadurch lassen Sie sich nicht gut in starre Denkkonzepte fassen. Die Wirtschaft in Ihrer dynamik läßt sich nicht so geschlossen beschreiben wie es nötig wäre.

    Deshalb gibt es auch gerade in der Wirtschaftwissenschaft so viel leidenschaftlichen Streit. Neoliberale Lösungen könnnen in einer bestimmten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation richtig sein. Aber schon in der nächsten Krise kann Keynes vielleicht besser helfen.

    Letzlich braucht die Wirtschaftwissenschaft mehr Prakmatik. Und weniger Dogmatiker wie sie bei bei der graumenhaften Christiansen Show so oft versammelt waren.

    Denke ich.

  1. 10. März 2012 um 13:35
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