Startseite > Gästeblock > David Milleker – Krisenüberwindung bedeutet Strukturwandel

David Milleker – Krisenüberwindung bedeutet Strukturwandel

9. März 2012

Nach der Krise ist nicht vor der Krise. Was oberflächlich betrachtet eher hoffnungslos stimmt, sind Zeichen eines Strukturwandels, der durchaus Grund zur Hoffnung gibt. 

An der Oberfläche makroökonomischer Betrachtung sieht die Welt in den Industrieländern auch mehr als vier Jahre nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise alles andere als rosig aus. So lag die Wirtschaftsleistung für die Gesamtheit der OECD-Länder Ende 2011 gerade einmal um 0,3 Prozent oberhalb des Wertes von Anfang 2008, gegenüber dem Trend aus den zehn Jahren vor der Krise stattliche 5,8 Prozent darunter. Die Arbeitslosenquote lag mit 8,2 Prozent zum Jahreswechsel 2011/12 deutlich über dem Durchschnitt aus Vorkrisenzeiten von 6,7 Prozent.

Der Hinweis des Volkswirts darauf, dass derartige Bedingungen für Nachkrisenökonomien „normal“ sind, wird nach meiner Erfahrung häufig von den Gesprächspartnern als wenig hilfreich empfunden. Zumal, wenn dies so verstanden wird, dass es nach der Krise keinen Grund zur Zuversicht geben würde.

Das zentrale Argument besteht jedoch darin, dass Wirtschaftskrisen nicht vom Himmel fallen, sondern ihre Ursachen in fundamentalen Fehlentwicklungen haben, die dann korrigiert werden müssen. In vielen Fällen sind dies Fehlinvestitionen in bestimmten Sektoren oder, auf gesamtwirtschaftlicher Ebene, außenwirtschaftliche Defizite.

Krisenüberwindung heißt somit nicht Rückkehr zum alten Zustand vor Ausbruch der Krise, sondern dass man vieles anders macht als vorher. Im ökonomischen Fachsprech nennt man das Strukturwandel. Das ist erst einmal leicht gesagt, aber in der Praxis dann umso schwerer getan.

Um das zu veranschaulichen, kann man an einem einfachen Beispiel die komplexe Wechselbeziehung zwischen Wirtschaftsstruktur und gesamtwirtschaftlichem Wachstum verdeutlichen. Nehmen wir eine Volkswirtschaft, die zwei Güter herstellt, deren Nachfrage jährlich um 2,5 Prozent zunimmt. Also wächst auch die Gesamtwirtschaft um 2,5 Prozent. Nun fällt aber einer der beiden Sektoren in eine Stagnation, während der andere Sektor sich deutlich beschleunigt – sagen wir, sein Wachstum sich auf 6,5 Prozent erhöht.

Faktisch hat unsere Beispielökonomie jetzt ein neues Wachstumsmodell. Es wird ja mehr von dem einen Gut hergestellt, von dem anderen Gut dafür nichts mehr zusätzlich. Aber jetzt kommt der Knackpunkt: In der makroökonomischen Betrachtung kommt es eben nicht nur auf das Wachstum des einzelnen Sektors an, sondern auch auf die relative Bedeutung im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft. Ist unsere neue Stagnationsbranche groß und die Wachstumsbranche klein, führt der Strukturbruch automatisch dazu, dass das Wachstum der Gesamtwirtschaft sich erst einmal verlangsamt. Gehen wir in unserem Beispiel etwa von einem Größenverhältnis von drei zu eins aus, so geht das Wachstum zunächst von 2,5 auf 1,7 Prozent zurück. Erst mit der Zeit und fortgesetztem Wachstum des schnell expandierenden Sektors hat dieser ein ausreichendes Gewicht, um die Gesamtwirtschaft dann wieder auf einen Wachstumspfad von 2,5 Prozent zurückzuführen. Im konkreten Beispiel wäre das erst nach etwa neun Jahren der Fall.

Das wirklich Erfreuliche beim Blick auf  Industrieländer  wie die USA oder Spanien ist, dass uns die Daten einen durchaus erfreulichen Wandel zu neuen Wachstumsmodellen zeigen. So ist in den USA festzustellen, dass der Export sich deutlich schneller entwickelt als er das im Trend vor 2008 getan hat, während die Importe merklich hinter dem vorangegangenen Trend zurückbleiben. Parallel dazu erlebt die Industrie, gemessen an der Wertschöpfung, die dynamischste Erholung seit 1977(!). Ähnliches gilt auf der Exportseite auch für Spanien, das seit Anfang 2009 nicht nur eine wesentlich dynamischere Entwicklung beim realen Waren- und Dienstleistungsexport aufweist als das Mittel der anderen EWU-Länder, sondern auch dynamischer als Deutschland. Im Gegensatz zu den USA weist Spanien dabei bislang auf der Wertschöpfungsseite nur wenige Veränderungen auf. Statt neue Stärke zu entwickeln, macht Spanien mehr aus seinen bestehenden Stärken, insbesondere der starken Handelsverflechtung mit Lateinamerika.

Unter der Oberfläche tut sich also eine Menge Erfreuliches, um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen. Makroökonomisch betrachtet muss man allerdings vom Wein im Wasser sprechen, denn die Ausgangsbasis, von der sich das Positive entwickelt, ist im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft klein.

About these ads
  1. John Doe
    9. März 2012 um 14:07

    Abschnitt 7: “Faktisch hat unsere Beispielökonomie jetzt ein neues Wachstumsmodell.” Schumpeter und seine “schöpferische Zerstörung” tappst leise um die Ecke.

    In den folgenden Aschnitten ist davon Nichts mehr zu hören. Es kommt nur wieder die olle Kamelle des Exportes als Wachstumsmodell um die Ecke getorckelt.

    Wie war das nochmal mit dem Kommentar über die neuen Denker, die das Land braucht? Wer Wachstum mit Entwicklung verwechselt, weil das alte Denkmodell konzeptionell nichts Anderes zu läßt, fällt immer wieder in die alten Denkschablonen zurück. Ein Vorwärtskommen kann so einfach nicht funktionieren.

  1. No trackbacks yet.
Die Kommentarfunktion ist geschlossen.
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 116 Followern an