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Die Kolumne – Dicke Bertha gegen Erderwärmung

9. März 2012

Zum Start in eine neue Energiezeit könnten wir eine Menge Geld brauchen. Pech. Das kriegen gerade die lästigen Banken hinterher gereicht. Zeit für eine energetische Rettungsabgabe.

Rasche Neuanfänge kosten Geld. Das ist bei Energiewenden nicht anders als bei Fußballclubs, die ihren Trainer vorzeitig rauswerfen. Da weiß man oft auch nicht, was der Neue bringt, muss den alten aber noch eine Weile unterhalten. Das bindet Mittel.

Wobei das im aktuellen Energiewendefall noch eine ganz besondere Note hat. Bei ausgeruhtem Blick über die derzeitigen Weltprobleme fällt ja auf, dass das, was den einen zu fehlen scheint, anderen gerade nachgeworfen wird. Wobei die betreffenden Banken nicht mal dafür bekannt sind, als Geschäft im Kern ähnlich dringende Menschheitsziele anzustreben wie, sagen wir, die Klimarettung.

Höchste Zeit, mal zu überlegen, wie das Geld wieder dahin kommt, wo wir es für die Zukunft wirklich brauchen. Vielleicht braucht es nach der Dicken Bertha für Banken, wie Euro-Chef Mario Draghi seine kürzliche Billiggeldoffensive nannte, eine (kleinere) Bertha fürs Klima. Da könnten sich die Banken zum Dank glatt mal richtig nützlich machen.

Töpfer als Bundespräsident

Jetzt kann man natürlich sagen, dass nicht alles immer Geld kosten muss. Klar, das gilt selbst, wenn man von der CO2-armen Atomenergie auf Was-auch-immer umschalten will, ohne die eigenen Ziele für den Abbau von CO2 zu torpedieren. Da ließen sich kostengünstig Standards für eine Umweltrechnungslegung einführen, um offenzulegen, wenn Unternehmen hohe Umweltrisiken in sich tragen. Manchmal hilft, sich auch mal informell über Energieeffizienzerfahrungen auszutauschen. Beim Abendessen. Oder die Regierung könnte bessere Preisziele im Emissionshandel angeben, damit langfristige Investitionen in CO2-Reduktion verlässlicher kalkulierbar werden.

Ziemlich günstig wäre auch, sagen wir, doch lieber Klaus Töpfer zum Bundespräsidenten zu wählen. Das wäre ja wenigstens mal ein Staatsoberhaupt mit klarer Agenda und zugehöriger Sachkenntnis. Da müssten nur die Bundesversammlungsdelegierten informiert werden, dass sie jetzt den wählen müssen, und ein paar Reden umgeschrieben, die Herrn Gauck loben, bei dem man nur nicht genau weiß, ob er zu so richtigen Megathemen viel sagen kann.

Ganz ohne größere Investitionen wird es aber nicht gehen, klar. Herr Töpfer kann ja nicht allein neue Stromautobahnen bauen. Oder Tankstellennetze für alternative Treibstoffe und Offshore-Windkraftanlagen. Das geht nicht. Und das kostet halt – nach Schätzungen von Carlo Jaeger vom Global Climate Forum bis 2020 allein 10 Mrd. Euro für einen vernünftigen Netzausbau und nochmal so viel für neue Kraftwerke.

Dazu kommt, dass das größte Potenzial für CO2-Abbau derzeit bei den vielen Gebäuden im Land liegt, die mal dringend energetisch saniert werden müssten. Vom gesamten Kapitalstock von rund 7000 Mrd. Euro, der in Deutschland im Laufe der Zeit aufgebaut wurde, machen private und öffentliche Gebäude laut Statistikamt immerhin fast 6000 Mrd. Euro. Und die sind zum großen Teil nach alten Standards gedämmt, pusten daher ordentlich CO2 weg. Weil es bislang zu wenig Anreize gebe, sagt Klimaökonom Jaeger. Auch das (nicht zuletzt) eine Geldfrage.

Nach Auswertungen der KfW gibt es allein 75 Mrd. Euro Bedarf für energetische Sanierung in kommunalen und sozialen Gebäuden. Alles in allem müssten die Deutschen jetzt jährlich öffentliche Investitionen in Höhe von einem Prozent der Wirtschaftsleistung mobilisieren, um aus den fossilen Brennstoffen auszusteigen, ohne dabei auf Atomenergie zu setzen. Allein staatlicherseits.

Nun käme als Geldquelle natürlich der Grieche in Frage. Wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble diese Woche mitgeteilt hat, haben die Strafzinsen auf unsere Griechenland-Kredite aus dem ersten Hilfspaket bis Ende 2011 immerhin 380 Mio. Euro vom griechischen Steuerzahler nach Deutschland gebracht. Toll. Nur kommen wir damit ja nicht weit. Und seit sich der Grieche auf unsere Empfehlung totspart, ist da auch nicht mehr so viel zu erwarten. Blöd gelaufen.

Da scheint das Potenzial bei den Banken (die komischer Weise keine Strafzinsen zahlen müssen) größer. Über Draghis Dicke Bertha sind Europas Geldhäusern seit Dezember ja mehr als 1000 Mrd. Euro zum Niedrigzins bereitgestellt worden. Das ist mal eine Nummer. Wobei man das zugegebener Weise nicht einfach so umlenken kann. Schon weil die Wahrscheinlichkeit relativ hoch ist, dass uns dann reihenweise Banken Pleite gingen, wovon wir am Ende nicht viel haben. Und die das Geld in drei Jahren ohnehin zurückzahlen müssen.

Die Idee eines Ausgleichs ist trotzdem attraktiv. Erstens sind die Billigkredite der EZB weder an Zweck noch Konditionen gebunden, anders als die Hilfe für Krisenstaaten. Was dazu führt, dass das Sondergeld entsprechend ungezielt verwendet werden kann, im Zweifel neue Rohstoffblasen nährt. Es ist nicht einmal klar, ob je bekannt wird, welche Bank sich über die Nothilfen ihre Gewinnbilanz aufgebessert hat. Umgekehrt sind viele so zappelig, dass derzeit allein 800 Mrd. Euro bei der EZB liegen, obwohl die Besitzer dafür weniger Zinsen als am Markt kriegen, also sogar eine Art Parkgebühr zahlen, statt irgendwie reale Investitionen zu finanzieren.

Einen Banken-Pakt zur Finanzierung der Energiewende fordert daher Sony Kapoor, Chef der Denkfabrik Re-Define und einer der kreativsten Kritiker der Finanzbranche – in Anlehnung an den gerade beschlossenen EU-Fiskalpakt. Darin könnte es einen Stresstest für Banken geben, bei dem gecheckt würde, wie stark diese mit ihren Krediten zu erhöhten CO2-Risiken beitragen. Mit dem Ziel, dass die Eigenkapitalforderungen bei jenen Banken zum Anreiz niedriger liegen, die besonders positiv auffallen. Zu einem Bankenpakt könne auch gehören, Quoten für Kredite zu fixieren, die grüne Investitionen finanzieren.

Ähnliches schwebt PIK-Forscher Jaeger vor: eine Sondersteuer auf jene Vermögen, die nicht für unternehmerische Investitionen eingesetzt werden. Warum nicht auch eine Art Rettungsabgabe, die nach erfolgreicher Überwindung der Krise anfällt und die Rettungskosten kompensiert. Kapoor geht noch einen Schritt weiter: „Warum sollten Euro-Rettungsfonds mit enormen Summen ausgestattet werden, wenn die Krise schon auf die Realwirtschaft im Euro-Raum übergesprungen ist?“ Da sei es womöglich besser, einen Teil der Europäischen Investitionsbank zu geben, diese in Grüne Investitionsbank umzubenennen und mit dem Geld nicht nur Kredite für klimafreundliche Investitionen zu ermöglichen, sondern so auch zu verhindern, dass Konjunktur und Aussichten auf eine Sanierung der Staatsfinanzen weiter abstürzen.

Der Neustart könnte lohnen, so Jaeger: Das Risiko der bislang eher planlosen deutschen Energiewende liege ja auch darin, in zehn Jahren dazustehen als Negativbeispiel dafür, wie ein CO2-Abbau ohne Atomenergie im Desaster endet. Die Chance ist, damit zu glänzen, nicht nur den Atomausstieg hingekriegt und CO2 abgebaut zu haben, sondern ganz nebenbei auch noch viel Geld, das bisher zwischen Banken hin- und herschuckelte, in sinnvolle Dinge umzuleiten. Und einen Finanzsektor auf das Maß zurückzuschrumpfen, das seinem gesellschaftlichen Mehrwert und Ziel entspricht: reale Investitionen in eine schönere Zukunft zu finanzieren.

Email: fricke.thomas@ftd.de

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  1. Joachim Dubrow
    10. März 2012 um 19:58

    Lieber Herr Fricke,

    herzlichen Dank für diesen kurzen aber angebrachten Ausflug aus dem Dauerthema “Finanzkrise”! Im letzten Absatz steht ein Satz, der das eigentliche Ziel der
    Politik der Bundesregierung nennt. Die Energiewende soll scheitern.
    Es ging beim großen Tamtam der Regierung zu diesem Entschluss nur darum, diese Chaostruppe bei diesem Thema aus der Schusslinie zu bekommen – 2013 lässt grüßen.
    Die tatsächliche Absicht erklärt auch die sonst unverständlichen drastischen Kürzungen im Solarbereich.

  2. Hans Prömm
    10. März 2012 um 17:38

    Herr Fricke, die Strafzinsen haben leider nicht ausgereicht, um die nun fälligen Wertberichtigungen zu kompensieren. Dieses Geld haben die Gläubiger zu recht verlangt und man sieht heute, daß es nihct grundlos war.

    Zu Ihren Vorschlägen, was mit mit dem frisch gedruckten Geld der EZB so alles machen könnte: Ich verstehe nicht, wie Ökonomen so unbedarft mit dem Geld anderer Leute hantieren können. Wir brauchen nicht mehr Planwirtschaft sondern einfach nur ein Rückkehr zum reinen Kapitalismus. Die größten Marktverzerrer sind die Regierungen und alle anderen Marktteilnehmer, die konsequenzlos mit fremdem Geld spekulieren dürfen. Wer Emissionen verhindern will, soll sie (zum wahren Wert) besteuern. Aber nicht immer neue Fünfjahrespläne aufstellen, Steuergelder (oder neu geschöpfte) dafür einsetzen und damit riesige Fehlallokations-Blasen aufpumpen.

    Warum glauben Sie und Ihresgleichen, daß Sie Gelder besser lenken/einsetzen können, als ein freier Markt?

  3. Johannes Leipold
    9. März 2012 um 13:47

    Ein guter Kommentar.
    Nur glaube ich ehrlich gesagt nicht, daß die von der Regierung praktizierte Energiewende wirklich planlos ist. Sie erscheint wohl so, ist aber in ihrem Kern darauf angelegt, den 4 Dicken (Energieversorgern) möglichst viel ihrer Latifundien zu sichern.
    Wenn man es ernst meinte mit dem Energiesystemwechsel müßte man die heutigen Gestehungskosten der Photovoltaik in den Focus stellen und sozusagen – wie seinerzeit Cortez – seine Schiffe verbrennen, um die Mannschaften zu motivieren.
    Das fossile Zeitalter ist nun mal vorbei und man täte sicher besser, sich auf die zukünftigen Aufgaben zu konzentrieren, als permanent zu versuchen ein totes Pferd (fossile Energieträger) zu satteln.

  4. 9. März 2012 um 12:47

    Fricke: “Nun käme als Geldquelle natürlich der Grieche in Frage.”

    H Fricke , you made my day.
    Der Satz hat das Zeug zum Absurdesten des Jahres gewählt zu werden.
    Weiter so.

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