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Straubhaar-Debatte

19. März 2012

Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar hat mit seinem Interview in der FTD vor zwei Wochen für Aufruhr gesorgt. Nun haben sich prominente Kollegen zu Wort gemeldet – teils mit vehementer Unterstützung, teils mit scharfer Kritik.

Hier die Reaktionen aus der FTD von Rüdiger Bachmann, Peter Bofinger und Clemens Fuest:

* Rüdiger Bachmann, Professor an der RWTH Aachen:

„Mich stört an Herrn Straubhaars Thesen diese Vom-Saulus-zum-Paulus-Nummer. Ich denke nicht, dass die Ökonomik einen totalen Neuanfang braucht. Sicherlich werden Forschungsparadigmen angepasst werden. Aber das war immer so in der Ökonomik, die – jedenfalls außerhalb Deutschlands – nie im luftleeren Raum agiert hat. Herr Straubhaar baut da einen Popanz auf. Mich stört auch das Fordern an andere: Warum nicht selbst machen? Wo sind die bahnbrechenden Papiere zur Krise aus dem HWWI? Auf den führenden Konferenzen gibt es viele Arbeiten zur Krise – ich habe Herrn Straubhaar da noch nie gesehen. Mich stört, dass er Ökonomik als Spezialistenforschung stigmatisiert. Ohne starke Disziplinarität ist Interdisziplinarität nur ein Kaffeekränzchen. Und zu viel Deregulierung? Woher weiß Herr Straubhaar das so genau, dass er das als ,unstrittig‘ bezeichnet? Ich wäre da bescheidener, das wird noch Jahre an Forschung brauchen.“

* Peter Bofinger, Sachverständiger:

„Straubhaar hat recht mit seiner Kritik, dass die Versuche, aus der Ökonomie eine Naturwissenschaft zu machen, dem Ansehen der Wirtschaftswissenschaft geschadet haben. Dies gilt insbesondere für die Makroökonomie, deren Modelle eine Second-Life-Welt geschaffen haben. Das ist nicht nur deshalb problematisch, weil viele talentierte Ökonomen ihre Zeit mit einer Spieltheorie im wahrsten Sinne des Wortes verschwenden. Es ist auch gefährlich, weil sie bestrebt sind, aus den Entwicklungen dieser Scheinwelt Implikationen für die wirkliche Welt abzuleiten. Der Neuanfang der Ökonomie muss darin bestehen, die Basismodelle für die Makroökonomie wie auch für den Finanzsektor von Grund auf zu überarbeiten. Es kann nicht sein, dass dort weder konjunkturelle Arbeitslosigkeit erklärt wird – noch auf die Gefahren eingegangen wird, die sich aus dem autonomen Kreditschöpfungspotenzial von Banken ergeben können.“

* Clemens Fuest, Professor an der Universität Oxford, designierter Präsident des ZEW-Instituts:

 „Alles in allem braucht es keine grundsätzliche Neuordnung der Volkswirtschaftslehre. Besonders die Mikroökonomik kann einige Erfolge vorweisen. Unter den sozialwissenschaftlichen Disziplinen geht die Volkswirtschaft am besten mit der Frage von Ursache und Wirkung um. Die Kritik an der Makroökonomik ist da schon eher berechtigt. Es braucht mehr Experten, die einzelne Teilaspekte zu einem großen Bild zusammenfügen können. Ein weiteres Problem ist, dass Ökonomen in manchen Fragen keine eindeutigen Antworten geben können. Dann müssen sie auf die Grenzen ihrer Modelle hinweisen und dürfen ihre Ergebnisse Öffentlichkeit und Politik nicht als unumstößliche Wahrheiten verkaufen. Es ist wichtig, dass Volkswirte stärker interdisziplinär arbeiten und die Ergebnisse anderer Bereiche in ihre Forschung mit einbeziehen. Die Finanzkrise hat offengelegt, dass die Deregulierung im Bankensektor zu weit gegangen ist.“

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