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[MarktWirtschaft] Die Hermès-Aktie und das Geschenk der Zeit

22. März 2012

Luxusgüteraktien sind seit Jahren “The place to be” am Aktienmarkt. Aktien von LVMH, Hermès und Co. gelten als wenig konjunktursensitiv, weil es die Superreichen auch selten sind. Obendrein gelten Luxusaktien als clevere Möglichkeit, auf die Konsumlust in Schwellenländern zu setzen, schließlich kaufen die Asiaten Louis-Vuitton-Handtaschen, Glashütte Original-Uhren und Moët & Chandon-Schampus, als wenn es kein Morgen und auch keine Rezession gäbe. Das dumme ist nur: Bei manchen Luxusaktien sind die Bewertungen schlichtweg absurd, die Börsenkurse eher Liebhaberpreise denn auch nur annähernd fundamental gerechtfertigt – auf Jahre. Der Hermès-Konzern, der heute Zahlen vorgelegt hat, ist ein solches Beispiel.

Schlau sind sie ja, die Marketingstrategen von Hermès. Auf der einen Seite ist der Konzern ein Luxusgüterhersteller im obersten Ende im Bekleidungssektor, in dem Taschen und Jacken zwar “schon” für 5000 Euro zu haben sind, je nach Individualität aber gerne sechsstellige Preise erreichen. Auf der anderen Seite verramschen die Franzosen aber auch nichts und ruinieren sich so ihren Markennamen, sondern bieten aber mit ihren Seidentüchern und Krawatten auch schon im niedrigen bis mittleren dreistelligen Euro-Bereich Prestigesachen, die auch für Vice-Presidents-Irgendebbes erschwinglich sind. Nicht immer zum Vorteil der Käufer – “Wenn ich den schon sehe mit seiner Hermeskrawatte!” ist jedenfalls eine abfällige Schmähung, die  häufiger fällt, wenn sich die Frankfurter Finanzcommunity mal den Mund über Protagonisten mit Geltungsdrang zerreißt.

Und womöglich haben sich die Strategen auch etwas dabei gedacht, als sie die diesjährige Kollektionen der Franzosen unter das Motto “Das Geschenk der Zeit” gestellt haben. Wer brauch die nicht? Der Vice-President-Irgendebbes brauch sie genauso wie der chinesische Milliardär.

Vor allem aber brauch der Hermès-Aktionär Zeit. Denn das Kaufargument für Luxusgüterkonzerne generell ist zwar unverändert gültig: Profitieren vom Hang zum Luxus der Menschen in aufstrebenden Schwellenländern, ein bisschen etwas mitnehmen in den Industrieländern. Die Hermès-Aktie ist aber ein Beispiel dafür, wie eine Mischung aus dem Modethema Luxusgüter-Investments, einem (inzwischen beendeten) Übernahmegefecht und einem geringen Streubesitz zu einer unter dem Strich grotesken Überbewertung führen können. Entsprechend viel Zeit brauchen Investoren, bis das Unternehmen in die Bewertung hineinwächst.

Laut bereits vor Wochen vorgelegten Umsatzzahlen setzte Hermès im Vorjahr 2,8 Mrd. Euro um, heute  früh präzisierte Hermès dann den Gewinn auf 594 Mio. Euro. Dem gegenüber steht ein inzwischen nach einer annähernden Kursverfünffachung binnen fünf Jahren (die Krise 2008/2009 ist im Chart nur mit viel Phantasie zu erkennen) aufgeblasener Börsenwert von 26 Mrd. Euro. Hermès ist also an der Börse mit dem gut neunfachen des Umsatzes und dem gut 44-fachen des Jahresgewinns bewertet.

Eine operative Marge von 31,3 Prozent ist zwar ein Wort, und auch die Finanzsituation des Konzerns ist mit einer knappen Mrd. Euro liquiden Mitteln bequem, auch beeindrucken Wachstumsraten von rund 30 Prozent beim Umsatz in China. Dennoch: Unterstellt man, dass sich die jährlichen Gewinnsteigerungen in den kommenden Jahren auf halber Strecke zwischen den Analystenerwartungen (15 Prozent p.a.) und den in den letzten fünf Jahren erzielten 25 Prozent p.a. einpendeln, könnte sich die Aktie nunmehr halbieren und wäre selbst bei unverändertem Jahresgewinn kein Schnäppchen – wenn man der Faustregel folgt, dass das Gewinnmultiple nicht höher sein sollte als die  jährliche Gewinndynamik.

Und lässt man die Sonderausschüttung von aktuell 5 Euro je Aktie (aktueller Kurs: 246 Euro) als Einmalzahlung außen vor, braucht es bei einer Dividendenrendite von 0,8 Prozent schon ein Aktienpaket im Wert von schlappen 39.000 Euro, damit ein Frankfurter Vice-President-Irgendebbes oder ein chinesischer Millionär “gehedgt” sind, um der Geliebten einmal pro Jahr einen Hermès-Schal zuzuschieben. Natürlich nur, falls die Freibeträge der Abgeltungsteuer noch nicht ausgeschöpft sind, andernfalls sind rund 60.000 Euro vonnöten. (Vermögende Frauen sind hier übrigens weit besser dran: Um die jährliche Seidenkrawatte für den Gspusi  zu “hedgen”, bräuchte es nur rund 25.000 Euro in Hermès-Aktien.)

Ein Grund für die Überbewertung ist schlicht die Knappheit der Aktien: 63 Prozent sind im Familienbesitz, gut 20 Prozent gehören dem Rivalen LVMH, der sich aggressiv bei Hermès eingekauft hat – aber keine Chance auf eine Mehrheitsübernahme hat, da die Hermès-Familie 2011 50,2 Prozent der Aktien für 20 Jahre über eine Familienholding als unverkäuflich verriegelt hat. Der Rest kloppt sich um die übrigen gut 15-20 Prozent an frei handelbaren Aktien. Interessanterweise hat das an der Börse aber an der Popularität des Titels nichts geändert – obwohl, vermutlich einzigartig, selbst 14 der 19 Hermès-Analysten zum Verkauf der Aktie raten. Investoren dürften in den kommenden ein, zwei Jahren jedenfalls mit den anderen Luxusgüterkonzernen weit besser fahren als mit Hermès.

Es gibt übrigens einen Fondsmanager, der sich von der Debatte um eine mögliche Überbewertung schon eine Weile nicht irritieren lässt: Edouard Carmignac. 2010 baute er – obwohl die Aktie schon damals luftig bewertet war – ausweislich des damaligen Jahresberichts in seinem Flaggschiff-Aktienfonds Carmignac Investissement eine spekulative Position in Hermès auf. Die meiste Zeit des Jahres 2010 notierte die Aktie zwischen 100 und 150 Euro. Auch für den Mischfonds Patrimoine kaufte er zu.

Bis Mitte 2011 kaufte er ausweislich des Halbjahresberichts im Investissement jedenfalls weiter zu und behielt auch auf dem Weg der Aktie nach oben die Nerven – das ist mutig für einen globalen Aktienfonds. Noch vor einem Monat tauchte Hermès in den zehn größten Positionen des Fonds auf, ist aber inzwischen aus selbigen verschwunden; ob aufgrund eines Positionsabbaus oder aufgrund der in den letzten Wochen leicht unterdurchschnittlichen Kursentwicklung von Hermès gegenüber anderen Aktien wird sich in den kommenden Tagen zeigen, wenn die entsprechenden Berichte erscheinen.

In jedem Fall hat Carmignac für die in der Branche üblichen “One on One”-Treffen mit dem Management der Firmen, in die man investiert, einen für einen Weltaktienfonds unschlagbar kurzen Weg: Von Carmignacs Sitz am Place Vendôme einfach in die Rue du Faubourg Saint-Honoré, 300 Meter die Straße runter, und schon ist man am Hauptsitz von Hermès.

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  1. 22. März 2012 um 12:19
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