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Die Kolumne – Selbsterfahrungsgruppe Troika

23. März 2012

Demokratie ist Quatsch, jetzt sollen Technokraten Europa kurieren – dabei wissen diese erschreckend wenig darüber, ob ihre Rezepte überhaupt was bewirken.

Die Finanzwelt ist begeistert. In Italien regiert seit Monaten eine Regierung aus parteifreien Politikern um Mario Monti. Die Griechen wurden erfolgreich abgehalten, das Volk zum Reformdesaster mal zu fragen. Wobei jetzt die Sorge kursiert, dass die Griechen in Kürze doch noch wählen sollen – furchtbar. Oder dass Frankreichs Wähler einen Sozialisten gewinnen lassen könnten, wovor Analysten gerade in Phantomschmerz erstarren.

Die Botschaft ist klar: Demokratie ist gerade etwas blöd. Die Krisenländer brauchen jetzt alternativlos harte Reformer und gnadenlose Konsolidierung. Da stört der Bürger nur. Die Sache muss jetzt einfach mal durchgezogen werden und fertig. Von so viel Expertenfreigang kann unser Hans-Werner Sinn nur träumen.

Nun mag man das Parteiengezänk lästig finden, klar. Das Groteske liegt nur darin, dass das gefeierte Auftreten der Glücksdespoten bei näherer Betrachtung in ziemlich krassem Kontrast dazu steht, wie wenig sie über die Wirkung ihrer Rezepte wissen – zumal sich so manches Ökonomenrezept gerade erst als zweifelhaft erwiesen hat. Demokratie, hilf!

Dynamisches Griechenland

Jetzt muss man nicht fragen, was eigentlich Mario Monti zum Retter in der Finanzkrise macht, der als langjähriger EU-Wettbewerbskommissar glatt übersehen hat, was Wettbewerb zwischen Banken anrichten kann. Man kann aber. Oder was den griechischen Professorenpremier Lucas Papademos auszeichnet, der ein angesehener Notenbanker ist, zu seiner Zeit als langjähriger Euro-Zentralbank-Vize aber keine so großen Probleme aufziehen gesehen hat (ebenso wenig wie der deutsche EZB-Chefvolkswirt, um dem Verdacht nationaler Exklusivität gleich zu begegnen).

Ähnliches gilt für Beamte der EU-Kommission, die jetzt als Teil der Troika (aus EU, EZB und IWF) so tun, als hätten sie immer gewusst, wie schlimm es um Griechenland steht – wo dieselbe Behörde zum Euro-Jubiläum 2008 noch darüber schwärmte, dass die „erfolgreichen“ Griechen ihr „Potenzialwachstum seit Euro-Start verdoppelt haben“. Entweder waren die damals betrunken, oder das heutige Griechen-Bashing ist vielleicht auch Selbstverteidigung – um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass die Lage so eskaliert ist, weil man selbst die falschen Rezepte verschrieben hat.

Als die Troika 2010 Austerität verschrieb, gab es Ökonomen, die warnten, dass das im Abschwung zu Depression führt, die Schulden erhöht. Weil das die Geschichte lehrt. Die Austerität kam, die Depression auch. Grotesk: Nun heißt es, die Griechen hätten halt nicht genug gemacht.

De facto hat selbst die Troika eingeräumt, dass sie ein Jahr lang Unsinn empfohlen hat – indem sie 2011 plötzlich deklarierte, es müsse jetzt doch mehr um Wachstum gehen. Wobei sie darunter allerdings Reformen versteht wie die Lockerung des Kündigungsschutzes, die selbst nach orthodoxer Lehre erst Jahre später positiv wirken, die Depressionsspirale also auch nicht stoppen, in der Rezession aber die Arbeitslosigkeit hochtreiben. Na ja, mal probieren.

Im Ernst: Das gleicht eher so einer Art Selbsterfahrungstruppe – mit dem unschönen Begleiteffekt, dass das Herumexperimentieren ziemlich vielen Leuten den Job kostet.

Es gibt eine Menge empirischer Studien, die darauf hindeuten, dass allzu rabiates Konsolidieren wenig bringt. Bestenfalls dann, wenn man etwa die Währung stark abwertet – was im Euro-Raum nicht geht; und die Notenbank mit enorm niedrigen Zinsen hilft – was für die Euro-Krisenländer angesichts von Strafzinsen und hohen Risikoaufschlägen am Markt nicht gilt. Da hilft auch der bemühte Verweis nichts, dass das in irgendeinem Miniland im Baltikum oder in Irland funktioniert habe. Erstens sind die Iren gerade wieder in die Rezession zurückgerutscht. Zweitens klingt das immer ein bisschen so wie der Arzt, der Patienten mit dem Holzhammer betäubt – und zur Verteidigung darauf hinweist, dass es durchaus jemanden gibt, der davon nicht gestorben ist, zumindest nicht sofort.

Bundeskeynesianerin Merkel

Selbst die großspurig gestartete britische Regierung von David Cameron hat diese Woche offiziell den Rückzug angetreten. Nach zwei Jahren rabiater Konsolidierungsversuche ist das Staatsdefizit immer noch bei neun Prozent der Wirtschaftsleistung – weil der Radikalkurs das Wachstum so stark gebremst hat, dass das den Etat wieder belastet. Jetzt kündigte der Schatzkanzler etliche Steuersenkungen zur Konjunkturstützung an. Kein Wunder, dass die den EU-Fiskalpakt nicht wollen.

Umgekehrt fahren Länder gar nicht so schlecht, die auf allzu viel Herumpoltern verzichtet haben. In den USA zieht die Konjunktur an, die Entschuldung macht auch dank Wachstum Fortschritte. In Deutschland ist mittlerweile sogar ein ausgeglichener Saldo möglich: nicht weil so rabiat gekürzt wird – das Strukturdefizit sank nach OECD-Rechnung seit 2010 nur um 1,4 Prozentpunkte –, sondern weil die Konjunktur prima läuft. Das liegt auch daran, dass Bundeskeynesianerin Angela Merkel 2009 Konjunkturpakete auflegen ließ.

Entsprechend absurd ist, mit welcher Vehemenz Troika wie Merkel jetzt von Spaniern wie Italienern das Gegenteil verlangen. Nun wundern sie sich, dass die Aufträge für die eigene Industrie aus dem Euro-Raum um 15 Prozent eingebrochen sind.

Bei so viel schlechter Erfahrung mit alten Rezepten sollte man einräumen, dass man nicht so sicher ist, ob man die beste Lösung hat. Was auch für jene Reformen am Arbeitsmarkt gilt, die erstaunlich unkritisch empfohlen werden. Es gibt zwar Länder wie die Niederlande, die einen relativ lockereren Kündigungsschutz haben, dafür aber zahlen sie ziemlich großzügig Arbeitslosengeld und legen die Löhne staatlich fest – und trotzdem haben sie kaum Arbeitslose. Ähnlich wie in Dänemark, wo es noch weniger Kündigungsschutz gibt, dafür starke Gewerkschaften.

Umgekehrt hat die jahrelang gelobte Flexibilität weder in den USA noch in Großbritannien und Irland verhindert, dass die Arbeitslosigkeit hochgeschnellt ist – und die Rate fällt jetzt auch nicht so schnell wieder, wie es im Orthodoxielehrbuch bei stark flexiblen Arbeitsmärkten vorgesehen ist.

All das lässt vermuten, dass die Wahrheit beim Krisenlösen erstens nicht so einfach ist – und zweitens noch gesucht werden muss. Das ist dann aber kein Fall, den man alten Technokraten mit überholter Ausbildung überlassen sollte.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. 25. März 2012 um 17:03

    Herzlich Danke Herr Fricke, lassen Sie weiter Hirn regnen….es wird Zeit, am Ende geht es bei diesen Fragen um den Frieden in Europa.

  2. Chrisperator
    23. März 2012 um 13:50

    Besten Dank fuer diese wirklich unterhaltsame Kolumne.

    Wir werden uns aus der Krise sparen, weiter mit Stolz geschwellter Brust unsere Exportueberschuesse feiern, nebenbei den Euro retten und die Krisenlaender aus ihrer vermeintlichen Staatsschuldenkrise fuehren.

    Die deutsche Politik versucht also etwas Unmoegliches, da hier ganz offensichtlich Zielkonflikte vorliegen. Die Beseitigung der Schuldenkrise und das Festhalten an Exportueberschuessen bspw.
    Aber das macht ja nix, hoert sich ja schliesslich gut an. Formal koennen wir die Schuld an der Misere auf Suedeuropa abwaelzen und schon die Oma hat gewusst, dass nur Sparen bis an den Rand des Hungertodes zu gesunden Finanzen fuehren kann. Die logische Konsequenz hieraus ist nun, dass die “Suenderlaender” auf Gedeih und Verderb Oma nacheifern muessen. Die negativen Folgen fuer die Oekonomie und den europaeischen Integrationsprozess sind absehbar.

    Wenn diese politisch initierte Abwaertsspirale dann die gelobten deutschen Exporte erreicht haben wird, Deutschland seine exportueberschussbedingten Forderungen aufgrund voellig kaputtgesparter Peripherieoekonomien abschreiben muss und daraufhin die Ersparnisse und die Anzahl der Jobs des Normalos stark geschmaelert sein werden, wird auch der letzte Griechenland-Basher kapiert haben, dass seine geliebte Kanzlerin nur Murks verzapft.

    Wenn es soweit ist wird wohl der voellig unangebrachte Popularitaetshoehenflug der Kanzlerin ein Ende haben. Es wird einen Aufschrei geben und man kann nur hoffen, dass dies keine politischen Kraefte in verantwortliche Positionen spuelen wird, die noch demagogischer agieren, als wir dies momentan schon erleben muessen.

    Mithin sind Politiker gut beraten nicht die einfachste, sondern eine effektive Krisenbewaeltigung anzustreben, auch wenn dies, aufgrund groesseren Erklaerungsbedarfs, unbequem scheint.

  3. Frankie Bernankie
    23. März 2012 um 12:08

    Was einen irre macht: alle sehnen den Fiskalpakt herbei, der staatliche Konjunkturprogramme verunmöglichen wird – vorneweg wir Deutschen, denn wir fühlen uns im Recht mit dieser Forderung, weil wir uns stark fühlen.
    Wir haben eine starke Ökonomie, weil wir die 2009er-Kontraktion mit Konjunkturprogrammen, Sozialausgleichsmassnahmen ( Kurzarbeitergeld ) und, ja, auch Bankenrettungsmassnahmen bekämpft haben – lauter Massnahmen , die nach Einführung des Fiskalpakts ( und der Schuldenbremse! ) nicht mehr möglich sind.

    Wir lehnen also künftig genau die Medikamente ab, die uns durch die Krankheit gebracht haben, weil wir uns so stark fühlen, daß wir meinen, wir brauchen sie nie wieder.

    O mei, Minsky hilf!

  1. 25. März 2012 um 08:45
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