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[MarktWirtschaft] “Eisberg voraus” auf dem Target-Dampfer

26. März 2012

Die Schuldenkrise zwingt uns mittlerweile in die Tiefen der Zahlungsverkehrs im Euro-Raums zu schauen, wie es sich vor Jahren wohl niemand vorgestellt hat. Selbst der Steuerzahlerbund springt jetzt etwas arg wirr auf die Kampagne auf, die Hans-Werner Sinn vor mehr als einem Jahr gestartet hat. Wenn wir optimistisch wären, könnten wir jetzt hoffen, dass die Target-Debatte ihren Höhepunkt erreicht hat, wenn jetzt schon der Steuerzahlerbund sein Leid klagt…

Bleiben wir also lieber pessimistisch: Denn Sinn verbreitet mit seiner Target-Interpretation weiterhin nur noch Angst und Schrecken. Damit schürt er jedoch genau das Gegenteil dessen, was wir jetzt brauchen, damit die Target-Forderungen bei der Bundesbank sinken. Denn die Target-Forderungen (mein Tipp: sie liegen bei der Bundesbank längst irgendwo zwischen 700 und 800 Mrd. Euro) gehen nur dann zurück, wenn deutsche Banken wieder anfangen, unser Erspartes im Süden und Westen des Euro-Raums anzulegen und die Geldhäuser im Rand des Währungsraums aufhören, Fluchtgelder nach Deutschland zu überweisen. So in etwa hat es Paul De Grauwe formuliert, als er heute in Berlin mit uns gesprochen hat.

Interessanterweise hat kürzlich Ex-EZB-Banker Bini Smaghi darauf hingewiesen, dass auch die Finanzaufsicht ihren Teil an den riesigen Forderungen in der Bundesbank-Bilanz hat:

Die Angst der Banken, sich gegenseitig über die Grenzen hinweg Geld zu leihen, ist noch durch einige Finanzaufseher geschürt worden, die große Banken daran hindern, ihre Liquidität im Ausland einzusetzen. So ist es zu großen Ungleichgewichten auf dem Markt gekommen.

Und hier noch ein sehr erwähnenswerter Punkt Bini-Smaghis, wenn es darum geht, mögliche Kosten bei einem Zusammenbruch Euro-Raums abzuschätzen:

Davon abgesehen ist die Diskussion aber zu einseitig. Vor allem blendet sie die gegenseitigen Forderungen unter den Notenbanken aus, die sich aus der Ausgabe der Banknoten ergeben. In diesem Punkt ist die Bundesbank den anderen Notenbanken rund 170 Milliarden Euro schuldig, weil sie weit mehr Banknoten ausgegeben hat, als ihrem Anteil am Euro-System entspricht.

Was auch immer am Ende als Target-Forderung bei der Bundesbank im allerschlimmsten Fall hängen bleiben sollte, wir dürfen nicht vergessen, dass eine Notenbank niemals illiquide werden kann und den Staatshaushalt deswegen auch nicht belasten muss. Hans-Werner Sinn, der Steuerzahlerbund und die Finanzaufseher sollen endlich aufhören, Panik zu verbreiten. Ich möchte von Sinn lieber Vorschläge hören, wie die Euro-Zone besser gerettet werden kann.

Update (27.03.2012) @KantoosEcon weist auf Twitter darauf hin, dass die Gewinne der Bundesbank sinken dürften, was auch den Steuerzahler belasten würde. @mh120480 widerspricht, für ihn läuft die Tatsache, dass nicht skalierbare Gewinne verplant werden und den Haushalt belasten können unter politisches Versagen.

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  1. Bernd Klehn
    4. April 2012 um 17:40

    @ Rudi Czop

    Wie kann man nur bilateral denken. Warenströme und dessen Finanzierungen fallen nicht zusammen. Wir werden im Augenblick sicherlich über das Eurosystem gezwungen Einkäufe der Griechen in China zu finanzieren. Unser Leistungsbilanzüberschuss gegenüber Griechenland ist stark rückläufig, von 4Mrd auf 2Mrd. Die Finanzierung sämtlicher Nettoauslandsschulden Griechenlands, ca, 250Mrd, ist mittlerweile von Privatinvestoren in die öffentlichen Händen der Eurosystemmitglieder übergegangen, Traget2 109Mrd, EZB-Staatsanleihen 50Mrd. rest Rettungsschirme. In dem man die Zentralbanken zusammenlegt lösen sich die Nettoauslandsschulden nicht auf.

  2. Bernd Klehn
    4. April 2012 um 17:12

    “….dass eine Notenbank niemals illiquide werden kann und den Staatshaushalt deswegen auch nicht belasten muss. …..”

    ….aber dass sie das Zentralbankgeld für den internationalen Handel so entwerten kann, dass die Volkswirtschaft pleite geht. Bei Kapitalflucht, Leistungsbilanzdefiziten und Nettoauslandsschulden kann auch keine nationale Zentralbank innerhalb einer Währungsunion eine Volkswirtschaftspleite verhindern, dieses ginge nur über unbegrenzten Kapitalimport, z.B. über Target2 aus den solventen Euroländern, aber auch hier gibt es Obergrenzen siehe Griechenland und zu recht wird angemerkt, dass das Eurosystem ähnliche Vorgänge in Spanien, Italien oder gar Frankreich nicht wuppen könnte.

  3. Rudi Czop
    28. März 2012 um 09:40

    Die 550 Mrd haben die Deutschen erhalten, die sind bezahlt worden und das Geld ist real vorhanden.
    Target gibt an, in welcher Nachfrageschuld Deutschland gegenüber den anderen Ländern mit Defizit steht. Die Deutschen müssen mit den erhaltenen 550 Mrd (angesammelte Exportüberschüsse in Target dokumentiert und klar ausgewiesen) bei den Anderen einkaufen, dann verschwinden die Salden wieder.

    Noch einfacher ist, die Zentralbanken zu einer zu fusionieren, dann sind die Salden wie durch Zauberei einfach verschwunden.

    Im Klartext: Die dokumentierten Verbindlichkeiten sind Forderungen der Defizitländer auf Einkäufe durch die Länder mit Forderungen.
    Die Forderungen dokumentieren die offene Nachfrageschulden und bei wem die sind.

    Aber es ist ja so schön ,z.B. einem Sinn etwas zu glauben. Sorry, der Mann ist so etwas von dämlich, der weiß nicht was Target ist, was dort ausgewiesen ist und wie genial dieses Messinstrument ist.
    Es macht keinen Sinn einen Geschwindigkeitsmesser zu verteufeln und schon gar nicht die angezeigten 130 kmh, wenn die nächste Kurve physikalisch nur 70 verträgt. Das Problem ist die zu hohe Geschwindigkeit (bei Target: die dauerhaften Exportüberschüsse).

    Erst mal nüchtern und sachlich darüber nachdenken, was dort überhaupt ausgewiesen wird, doch dazu müsste man sich damit auseinandersetzen .
    Mit Krediten hat Target nichts zu tun, gar nichts! Die EZB vergibt keine Kredite, der Inhalt des Artikels ist korrekt. Das Targetsystem ist genial … wenn es erfasst hat.

  4. Gast
    27. März 2012 um 17:38

    Ja, Gott bewahre, dass einer der Bevölkerung sagt, was mit ihrem Geld passiert. Sollen doch gleich den Transferrubel wieder einführen.

    Dass eine Notenbank nicht illiquide werden kann, steht auch nur auf dem Papier. Denn sie ist spätestens dann illiquide, wenn keiner mehr die wertlose Währung, die sie druckt, als Zahlungsmittel akzeptiert.

  5. Olga
    27. März 2012 um 11:30

    Sinns Lösungsansatz besteht vor allem darin, die Löhne in den hoch verschuldeten Staaten zu senken und Steuern zu erhöhen, um a) den Export konkurrenzfähiger zu machen und b) die Einnahmenseite der Staaten zu stärken. Dazu bedarf es aber Voraussetzungen, die in Import/Schuldnerländern wie GR gar nicht gegeben, und von
    den großen Exportländern/Konzernen gar nicht gewollt sind.

    Kapital in die Schuldnerländer zu exportieren macht nur dann Sinn, wenn dieses Kapital so investiert wird, dass für die betreffenden Staaten ein ROI zu erwarten ist.Solange wir am Dogma; die Staaten müßten sich aus Prinzip zugunsten von Konzernen und Anteilseignern immer höher verschulden, festhalten; solange wird sich nichts zum Positiven verändern und die Target-Forderungen weiter wachsen. Wozu sonst bräuchten wir einen ESM, mit nach oben offenen Volumen ?

  1. 28. März 2012 um 07:35
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