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INET 2012 – Neue Töne aus der Festung der Orthodoxie

13. April 2012

Über ein paar Jahrzehnte galt die Pariser OECD als eine der großen Instanzen, die ökonomische Orthodoxie gepredigt hat. Das scheint sich zu wandeln. Zumindest wenn man zum Maßstab nimmt, was der Chef Angel Gurría auf der Konferenz der Neuen Denker heute von sich gegeben hat.

Nach Gurrías Diagnose ist nicht die Frage, ob entschuldet werden muss, sondern was das optimale Timing ist. Und da sei es offenbar kein guter Rat, den Ratingagenturen zu folgen, die mal dazu drängen die Schulden schnell zu reduzieren, dann aber klagen, dass das betreffende Land anschließend keine Wachstumsdynamik mehr hat – was dann schnell zum Grund genommen werde, das Land dann doch herunterzustufen. “Das Ergebnis ist eher eine Katastrophe”, sagt Gurría.

Allzu harsche Austerität könne zudem dazu führen, dass die Einkommensungleichheiten in den betreffenden Ländern noch größer werden – was auch die OECD seit Kurzem als gravierendes Problem entdeckt hat. Früher galt die (vornehmer ausgedrückt) Einkommensspreizung bei der OECD noch als tolle Idee, die zu mehr Leistung antreibt.

Gurrías Folgerung: “Austerität allein hilft nicht”. Und: die Notenbanken können uns helfen. Dabei sei es wichtig, mit unkonventionellen Maßnahmen Kreditklemmen zu verhindern. Zwar habe das sogenannte Quantative Easing, die Erhöhung der Liquidität, auch negative Nebeneffekte, etwa dadurch, dass der nötige Anpassungsprozess der Banken gebremst werde (bzw der Druck dazu geringer werde). Den Nutzen schätzt Gurría aber höher ein. Was er mit der netten Anfrage an die Europäische Zentralbank verbindet: “Im Zweifel bitte lieber die laxere Geldpolitik”.

Ziemlich eindeutig wird Gurría auch, wenn es um das Handling der Rettungsstragie in Europa geht. Tenor: die Europäer haben immer zu lang gewartet, um hinreichende Brandmauern aufzustellen. Um Märkte zu beeindrucken, müssten eher zuviel als zu wenig Mittel bereit gestellt werden. Durch das Ausbleiben sei die Rettung zu “eine der denkbar teuersten Experimente” geworden.  Gurrías Empfehlung: “never say never” – sonst nehmen die Märkte die Entscheidung ab.

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  1. Peter Noack
    16. April 2012 um 09:01 | #1

    Wer erwartet von diesen Ökonomen einen Paradigmenwechsel? Was denken Die? Jedem Schuldner, ob Einzelperson, Unternehmen oder ein gesamter Staat, stehen auf den Cent genau Gläubiger gegenüber, Einzelpersonen, Unternehmen oder ganze Staaten. Man macht sich Sorgen über das Tempo des Schuldenabbaus. Keine Gedanken nmacht man sich darüber, was die Gläubiger mit ihrem Geld machen würden, wenn niemand, Einzelperson, Unternehmen oder Staaten, Schulden machen würden. Wer klärt auf, welche Funktion Geld in der Marktwitschaft hat und welche Rolle Schulden spielen. Die Argumente auf der INET sind geeignet, absichtliche Ablenkung von den wirklichen Problemen zu unterstellen. Ansätze für Eine neue Volkswirtschaftslehre ergeben sich daraus mit Sicherheit nicht. Vorher müsste klar sein, dass die Schulden des Staates die Vermögen ihrer Gläubiger sind. Wie Staatschulden von heute die Steuern von morgen sind, sind die Vermögen der Gläubiger nicht gezahlte Schulden von gestern und vorgestern. Erst aus diesem Ansatz lassen sich Lösungen für Schuldenkrisen ableiten. Überlässt man das den Marktkräften dann kommt hohe Inflation heraus. Die Reduzierung der Staatsschulden geht dann mit Vermögensverlust der Gläubiger einher. Wie denn sonst? Dieser Weg stützt Amerika, den größten Schuldner der Menschheit. Die Gläubiger wollen diese Enteignung vermeiden. Und dann kommen die Spekulanten die aus der Volatilität ihren Schnitt machen wollen. Hier kann es Politik nicht jedem recht machen. Deshalb sollte die es auch nicht erst vversuchen.

    • 16. April 2012 um 12:58 | #2

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich glaube, dass Sie mit Ihrem Gesamturteil da nicht ganz fair sind. Auf der Konferenz sind einige sehr weit reichende Paper vorgestellt worden, die sich in ähnlich radikaler Art mit der Schuldenfrage auseinandersetzen. Dazu gehören mit Sicherheit auch die Arbeiten von Dirk Bezemer, Steve Keen und anderen.

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