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Christian Schulz – Märkte zwingen Europa Farbe zu bekennen

17. April 2012

Europa reformiert sich. Haushaltsdefizite werden zurückgeführt und Leistungsbilanzen ausgeglichen. Wenn dieser Prozess konsequent weitergeführt wird, kann der Kontinent die Finanzkrise eines Tages wie Phönix aus der Asche hinter sich lassen und eine Renaissance als global wettbewerbsfähiger Standort mit besseren Beschäftigungsperspektiven und gesunden Staatshaushalten erleben. Doch das Misstrauen der Investoren bleibt groß. Werden die Krisenländer die notwendigen harten Reformen durchstehen und werden Deutschland und die EZB im Krisenfall immer bereit stehen und die Märkte beruhigen? Die aktuelle Unruhe rund um Spanien zeigt, wie schnell die Stimmung umschlagen kann.

Nachdem Mario Draghis EZB im Dezember mit gigantischen billigen Bankkrediten gezeigt hat, dass sie eine Marktpanik stoppen kann, und Deutschland strengere Haushaltsregeln (Fiskalpakt) durchgesetzt hat, konnte Europa einige Hürden meistern. Die Massenherabstufungen der Länderratings im Januar führten nicht zu einer neuen Panik. Nur Portugal verzeichnete einen kurze Spitze bei 17% auf seinen 10-jährigen Anleihen, während spanische und italienische Zinsen weiter fielen. Auch die zweite Hürde, das neue Rettungspaket und die Umschuldung für Griechenland, ließen die Märkte trotz der vorübergehenden Zahlungsunfähigkeit Griechenlands kalt.

Doch die jüngste Panik rund um Spanien zeigt, dass noch lange nicht an ein Ende der Sondermaßnahmen („Exit-Strategie“) oder der Reformen zu denken ist. Nachdem spanische 10-Jahres-Zinsen im Februar unter 5% gefallen waren, verärgerte die spanische Regierung ihre europäischen Partner durch ein unerwartet hohes Haushaltsdefizit 2011 (8,5% statt 6,0%) und das einseitige Ausrufen eines geringeren Abbauziels für 2012. Gleichzeitig begann die Deutsche Bundesbank, öffentlich über Risiken bei den EZB-Bankkrediten zu debattieren und eine Exit-Strategie zu fordern. Doch jeder Anschein eines nachlassenden Reformwillens in den Krisenländern gepaart mit müderem Rettungseifer bei den Geberländern sind Gift für die Stimmung der vielen Investoren, die weiter Zweifel am Willen der Europäer haben, diese Krise gemeinsam und ohne weitere Staatspleiten durchzustehen.

Die vorhersehbaren nächsten Stolpersteine sehen wir deshalb immer dann, wenn die Retter oder die (potenziell) zu Rettenden vor Richtungsentscheidungen stehen. Bleiben sie bei Reformen bzw. bei ihrer Unterstützung für die Rettungsmaßnahmen, können sich die Märkte beruhigen. Tun sie es nicht, werden die Märkte sie dazu zwingen, Farbe zu bekennen.

Die Wahlen in Frankreich sind ein solches Ereignis. Frankreich mit seinem hohen Defizit (5,2% in 2011) und seiner hohen Arbeitslosigkeit (zuletzt 10,0%) ist reformbedürftig. Gleichzeitig ist das Land wichtiger Bestandteil der Allianz der Retter mit Deutschland. Wird der Sozialist Hollande gewählt, der den Fiskalpakt neu verhandeln will und eine noch größere Rolle für den Staat propagiert, könnten die Märkte nervös werden und letztlich Frankreich wie schon Italien zuvor zu Reformen zwingen. Die Ratifizierung des Fiskalpakts könnte aber nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern (inklusive Deutschland) noch zu Problemen führen.

Griechenland bleibt ein Krisenherd. Das Land könnte durch politische Instabilität nach seinen Wahlen oder durch seine Wirtschaftskrise letztlich doch noch die Eurozone verlassen müssen und einen Präzedenzfall schaffen, der andere Länder unter Druck setzt.

Aktuell muss vor allem Spanien zeigen, dass es seine Haushalts- und Bankenprobleme in den Griff bekommen kann. Lange kann sich Spanien nicht mehr darauf verlassen, dass seine eigenen angeschlagenen Banken den Staat mit größeren Käufen von Staatsanleihen stützen können.

Letztlich werden die Märkte Europa immer wieder vor die Entscheidung stellen: Gemeinsam Reformieren und Retten oder Pleiten und Zerfall. Wir bleiben optimistisch: auf unserem kleinen Kontinent sind wir viel zu abhängig voneinander, als dass wir es uns leisten könnten, alleine unserer Wege zu gehen.

 

Dr. Christian Schulz ist Senior Economist bei der Berenberg Bank.

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  1. John Doe
    25. April 2012 um 09:33

    Lieber Herr Schulz,

    Märkte. Wer oder was sind die Märkte, die Sie so selbstverständlich nennen, und wo wohnen diese Märkte? Die ETH hat sich umgesehen und 147 global agierende Firmen gefunden, die rund 40 % der Weltwirtschaftsleistung abdecken. Davon kommen rund 60 Firmen aus dem Finanzbereich. Allen ist gemeinsam, dass sie sich untereinander kennen und miteinander verwandt sind. Sind das die Spieler auf dem Schulz´schen Marktplatz? Wenn ja, dann haben wir doch die unsichtbare Hand, die den Markt regiert, lokalisiert. Es sind die Interessen dieser 147 Firmen und ihre Geldgeber/Eigentümer, repräsentiert durch Menschen an der Spitze dieser Firmen, die ihr Geld/Vermögen, what so ever more, gesichert sehen wollen. Die Märkte sind kein mystisches, quasi gottähnliches Wesen, Gebilde, welches noch zu dem mit unsichtbarer Hand (können Sie erklären, wie etwas, was unsichtbar ist, eine Hand sein soll?) regiert. Bitte erklären sie mir, wieso diese “Hand” während der letzten 25 Jahre rund 127-mal korrigierend eingreifen musste um Schaden von sich und anderen ab zu wenden, wenn doch, so das Dogma, die Märkte immer recht haben?
    Wettbewerbsfähigkeit durch Reformen, das gesamte libertäre Paket eben, erreicht. Dann können die PIIGS, vielleicht auch noch GB und IR dazu genommen, endlich richtig durch starten und reüssieren! Sachlich können Sie nur eine Volkswirtschaft gegen eine andere Volkswirtschaft meinen. Der Dienstleistungsbereich (DLB) kommt nicht in Betracht, mein Frisör um die Ecke steht nicht im Wettbewerb mit einem Frisör in Athen. Hielte ich ihm den Athener Frisör vor, wäre seine Antwort kurz und knackig: Dann geh doch dahin zum Haare schneiden! Ach so, diese Art von DLB haben sie gar nicht gemeint. Welchen dann? Den exportnahen und den Exportbereich im Allgemeinen haben Sie gemeint. Also, dann mal D gegen GR ua.. Es soll also ein Land ohne Industrie gegen ein Industrieland in Wettbewerb treten. Dieses Land ohne Industrie soll dann durch die libertären Reformen quasi aus dem Nichts heraus im Maschinenbau, bei Automobilen etc. D das Wasser abgraben. Sprachlich müssen Sie jetzt die 3 Zukunftsform des Konditionals nutzen, um überhaut noch zu nach vollziehbaren Ergebnissen zu kommen. Chancen mutieren rhetorisch und propagandistisch zu Realitäten. D hat jetzt keine Industrie mehr, die ist jetzt in GR. D verschuldet sich jetzt, wie GR früher, um die griechischen Produkte ab zu nehmen, Der zukünftige Historiker fragt: Hatten wir das nicht schon mal, so zwischen 2000 bis 2010?
    Verschuldung. Zur Zeit Clintons explodierte das Volumen des Finanzbereichs. Heute umfasst er rund 762 Trillion $, die Realwirtschaft kommt nur auf 70 Trillion $. Wozu brauchen wir diese Trillion $?
    Saubere Staatshaushalte. Alle Reformen durch geführt, mission accomplished? Quatsch, wären die Haushalte ausgeglichen, dann braucht der Staat keine Kredite mehr um sich zu finanzieren. Das Geschäftsfeld Staatskredite ist dann unwiederbringlich futsch. Der Finanzbereich ist überflüssig geworden. Ach so, der Private, die Industrie, der Finanzbereich sei ja noch da. Herr Schulz, die haben gerade ebenso reformiert! Was nun tun?
    Kredite. Was ist eigentlich ein Kredit? Funktioniert der Kapitalismus nur mit Kredit? Wenn ja, ab wann ist die Defizit- und Kreditkultur aus dem Ruder gelaufen und was sind die Gründe? Steht die Antwort in den von Ihnen “zitierten” Lehrbüchern, den Dogmen, “Sinn”freien Weisheiten? Weiß der Markt darüber Bescheid? Haben Sie eine eigene Antwort?

  2. Alex
    18. April 2012 um 22:33

    Sozialdemokraten gegen den Fiskalpakt :
    Die Märkte werden Europa also zwingen. Die Märkte ließ das kalt. Die Märkte reagierten panisch. Wer wird die Märkte beruhigen?
    Merkt ihr was? Genau. Das ist vollkommen irre. Warum nicht gleich die Märkte wählen lassen? Francois Hollande gibt Aktien aus, und Nicolas Sarkozy ebenso. Dann schaun mer mal, wer höher bewertet wird. Wenn die Märkte eh wissen, was am besten ist, dann kann man Demokratie auch in die Tone kloppen. Die Märkte sind ja allwissend und entscheiden immer richtig. Wie damals als Schrotthypotheken mit TripleA gehypt wurden. Gut, irgendwann platzte die Blase. Gut, die Märkte kamen zum Stillstand. Gut, die Staaten mussten eingreifen. Aber hey! Jetzt sind wir doch wieder “back to normal” und das Kasino kann weiter gehen.
    Dass die Staaten zumindest was die Verschuldung angeht nicht von den Märkten abhängig sein müssen, das sagt niemand dem blöden deutschen Volk. Nein, ich spreche hier nicht von Kuba oder Nordkorea. Es genügt schon ein Blick nach Washington, London oder Tokyo. Die schauen doch mit ungläubigem Stauen auf das dümmliche Europa, das sich von den Märkten in den Exitus treiben lässt. Es gibt eine Eurokrise, ja. Aber es gibt keine Dollar-, keine Yen- und auch keine Pfund-Krise. Die haben eine Zentralbank, die die völlig panischen, selbstmörderisch-erratischen Finanzmarktspinnereien ausgleicht. Europa hat das nicht. Es leidet aus eigenem Willen. Man könnte sagen, es leidet zu recht. Das aber stimmt nicht. Denn die einfachen Menschen, die jetzt in Südeuropa auf der Straße sitzen, die können nichts für die katastrophale Politik von Merkel und Sarkozy. Irgendwann werden die sich rächen. Das ist jedenfalls zu hoffen.

    Wenn Sie bereit sind, die gesamten Ersparnisse Ihres Lebens (sofern in beachtenswerter Höhe vorhanden) in Staatsanleihen der Peripherie zu stecken, dann bekommen ihre Ausführungen eine gewisse Glaubwürdigkeit. Die Demokratie hat sich selbst in die Abhängigkeit der Märkte gegeben, die Wähler/der Souverän sind selbst schuld daran. So ist es halt, wenn man sich an Ausgaben gewöhnt, die man sich eigentlich gar nicht leisten kann.

    Darüber hinaus erscheint mir Ihre pauschale Verteufelung der Märkte (als ob diese ein monolithischer, zentral-kapitalistisch gesteuerter Block wären und sich nicht aus den Summen von ganz vielen Einzelinteressen zusammensetzen) als neo-kommunistischer Unsinn. Und warten wir doch mal ab, wer in den anderen Ländern am Ende die Zeche für die Verschuldungsorgien zahlen wird. Wenn’s in Inflation mündet, dann muss am Ende die Gemeinschaft doch bezahlen.

    Alex

    • John Doe
      27. April 2012 um 02:19

      “Darüber hinaus erscheint mir Ihre pauschale Verteufelung der Märkte (als ob diese ein monolithischer, zentral-kapitalistisch gesteuerter Block wären und sich nicht aus den Summen von ganz vielen Einzelinteressen zusammensetzen) als neo-kommunistischer Unsinn.”

      Lieber Alex,

      was sind die Märkte dann? Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass die verwendete Floskel “neo-kommunistisch” der sachlich untaugliche Versuch ist erlebte, erkannte, begründete Fehlerhinweise als nicht geschehen zu deklarieren.

      Stimmen Sie mir zu, wenn ich in “neo-kommunistischer Manier” behaupte, dass der Ausgang der heutigen Krise alleine aus dem Finanzmarkt kommt. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass der Staat eingegriffen hat, weil sonst das gesamte Finanzgebilde implodiert/explodiert wäre. In Irland hat der Staat mit den Banken auch deren Schulden in voller Höhe übernommen und haftet jetzt für diese Schulden in voller Höhe. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass die heutigen Staatsschulden in Irland nur die Folge des Rettungseingriffs sind, aber nicht deren Ursache. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass der propagandistisch aufgebauschte Buhmann, der Staat sei schuld an der ganzen Misere, nur dem Dogma zu verdanken ist, dass der Markt immer effizient sei, der Staat aber nie. Stimmen sie mir zu, wenn ich behaupte, dass das Euro-bashing ebenfalls den Grund in diesem Dogma hat, denn hinter dem Euro steht ja der Staat. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass hier der propagandistisch inszenierte Versuch gelungen ist, über Ross und Reiter zu täuschen. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass Herr Schulz an dieser Inszenierung aktiv teilnimmt. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass die Nutznießer der Rettungsaktionen, der Reformen etc. nicht die Banken, sondern ihre Eigentümer (siehe ETH Zürich und ftd v. 26.04.12), die auch gleich Zeitig Investoren woanders sind, die, neudeutsch (Orwellscher Verweis) Investors (Geldanleger) i. A. sind. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass gerade der propagandistisch inszenierte Versuch unternommen wird, uns unbeteiligte Dritte davon zu überzeugen, dass wir die misslungen Geschäfte des Finanzmarktes gefälligst aus zu gleichen haben. Würden wir es nicht tun, dann würden wir ja den Finanzteilnehmern (s.o.) ihr Freiheitsrecht Eigentum entziehen. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass es dem Finanzmarkt, seinen Spielern, dabei völlig egal ist, dass seine/ihre Forderung Ihr Eigentum(-srecht), obwohl Sie kein Spieler gewesen sind, vernichtet. Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass ein vorher/nachher Vergleich von Regulierung/Deregulierung offenbart, dass passgenau ab diesem Zeitpunkt (beginnend mit R. Reagan) der Finanzmarkt die Welt dominiert und nur seine Zwecke kennt.
      Stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass unsere Regierung mit ihren Antworten auf die Malaise genau dieses Spiel mit spielt.

  3. 17. April 2012 um 22:58

    Die Märkte werden Europa also zwingen. Die Märkte ließ das kalt. Die Märkte reagierten panisch. Wer wird die Märkte beruhigen?

    Merkt ihr was? Genau. Das ist vollkommen irre. Warum nicht gleich die Märkte wählen lassen? Francois Hollande gibt Aktien aus, und Nicolas Sarkozy ebenso. Dann schaun mer mal, wer höher bewertet wird. Wenn die Märkte eh wissen, was am besten ist, dann kann man Demokratie auch in die Tone kloppen. Die Märkte sind ja allwissend und entscheiden immer richtig. Wie damals als Schrotthypotheken mit TripleA gehypt wurden. Gut, irgendwann platzte die Blase. Gut, die Märkte kamen zum Stillstand. Gut, die Staaten mussten eingreifen. Aber hey! Jetzt sind wir doch wieder “back to normal” und das Kasino kann weiter gehen.

    Dass die Staaten zumindest was die Verschuldung angeht nicht von den Märkten abhängig sein müssen, das sagt niemand dem blöden deutschen Volk. Nein, ich spreche hier nicht von Kuba oder Nordkorea. Es genügt schon ein Blick nach Washington, London oder Tokyo. Die schauen doch mit ungläubigem Stauen auf das dümmliche Europa, das sich von den Märkten in den Exitus treiben lässt. Es gibt eine Eurokrise, ja. Aber es gibt keine Dollar-, keine Yen- und auch keine Pfund-Krise. Die haben eine Zentralbank, die die völlig panischen, selbstmörderisch-erratischen Finanzmarktspinnereien ausgleicht. Europa hat das nicht. Es leidet aus eigenem Willen. Man könnte sagen, es leidet zu recht. Das aber stimmt nicht. Denn die einfachen Menschen, die jetzt in Südeuropa auf der Straße sitzen, die können nichts für die katastrophale Politik von Merkel und Sarkozy. Irgendwann werden die sich rächen. Das ist jedenfalls zu hoffen.

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