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Fabian Fritzsche – One size doesn’t fit all

23. April 2012

Eine Lösung für alle? Ob der rigide Sparkurs, der mit dem Fiskalpakt beschlossen wurde, tatsächlich die erhoffte wirtschaftliche Stabilisierung bringt, ist fraglich.

Hinsichtlich der Geldpolitik der EZB ist die Ansicht mittlerweile weit verbreitet, dass ein einheitlicher Zinssatz für alle zumindest problematisch sein kann. Vor der Krise hätten die Zinsen in Spanien und Irland vermutlich höher sein müssen, um den dortigen Immobilienboom zu bremsen und in Deutschland niedriger, um angesichts von einer damals deutlich zweistelligen Arbeitslosenquote die Konjunktur zu beleben. Nun kann man sicherlich anderer Meinung sein und eine einheitliche Geldpolitik ohne weitere Anpassungen für die verschiedenen Volkswirtschaften weiterhin befürworten. Wer jedoch der Meinung ist, eine Orientierung der Geldpolitik alleine am Durchschnitt der Eurozone sei problematisch, sollte auch die Transferleistung erbringen und dies ebenso für die Fiskalpolitik sehen. In dem Politikbereich dominiert jedoch eine Forderung für alle und insbesondere für die gesamte Peripherie: Die Kosten müssen runter, die Staatsausgaben müssen gekürzt werden, die Länder müssen wettbewerbsfähiger werden. Volkswirtschaften mit völlig anderen Voraussetzungen werden also über einen Kamm geschoren, so als würden niedrigere Staatsausgaben und mehr Wettbewerbsfähigkeit automatisch Hand in Hand gehen und jedes Problem lösen.

Selbst ausgewiesene Keynesianer wie Mark Schieritz im Herdentrieb-Blog verkürzen das Problem offenbar auf relative Preissenkungen im Süden Europas im Vergleich zu Nordeuropa. Die Peripherie muss einfach durch die Rezession, die Löhne sinken durch die hohe Arbeitslosigkeit und die Wirtschaft wird wieder wettbewerbsfähig. Tatsächlich jedoch weisen die fünf Peripheriestaaten ganz unterschiedliche Probleme auf, die daher auch nach differenzierten Lösungen verlangen. Irland und Italien erwirtschafteten noch zu Beginn der Euroeinführung leichte Leistungsbilanzüberschüsse auf, die spanische Leistungsbilanz war fast ausgeglichen. Ganz anders hingegen Portugal und Griechenland, die auch vor der Euroeinführung ein chronisches Leistungsbilanzdefizit aufwiesen. Die ersten drei Volkswirtschaften verfügen bzw. verfügten also offenbar durchaus auf dem Weltmarkt nachgefragte Produkte an, sind im Laufe des vergangenen Jahrzehnts lediglich zu teuer geworden. Spanien und Irland sind jedoch belastet durch einen überschuldeten Privatsektor, sinkende Löhne verschlimmern die Situation noch weiter. Bei Griechenland und Portugal dagegen fehlen weltmarktgängige Produkte, nur billiger zu werden reicht dann nicht.

Insgesamt kämpfen die fünf Peripheriestaaten mit bis zu vier Problemen, deren Lösung zum Teil einen Zielkonflikt darstellt:

  Wettbewerbsfähigkeit Staatsschulden Private Schulden Bankensektor
Griechenland Nicht alleine über Preissenkungen wiederherstellbar Sehr hoch, laufendes Primärdefizit, sehr hohe Marktzinsen hoch Stark angeschlagen, Volkswirtschaftliche Bedeutung aber nicht sehr hoch
Italien Wiederherstellbar über Preissenkungen Sehr hoch, aber ausgeglichener bis leicht positiver Primärsaldo, Zinsniveau möglicherweise dauerhaft tragbar gering Relativ stabil
Spanien Wiederherstellbar über Preissenkungen Relativ gering, hohes Primärdefizit, Zinsniveau möglicherweise dauerhaft tragbar Sehr hoch Schwierig durch Lage auf dem Häusermarkt
Portugal Nicht alleine über Preissenkungen wiederherstellbar Relativ hoch, stark ansteigend, Zinsniveau nicht tragbar Sehr hoch Stark angeschlagen, Volkswirtschaftliche Bedeutung aber nicht sehr hoch
Irland Wiederherstellbar über Preissenkungen Hoch durch Bankenrettung, Zinsniveau aktuell nicht dauerhaft tragbar, aber positive Entwicklung seit Sommer 2011 Sehr hoch Stabilisiert nur durch staatliche Rettungsprogramme, sehr hohe Bedeutung für die irische Volkswirtschaft.

Eine einfache, für alle passende Lösung gibt es in keinem Fall, doch ist die einseitige Fokussierung auf Kostensenkungen bei Staat und Unternehmen sicherlich der falsche Weg, da so die sehr angespannte Lage der privaten Haushalte sowie des Bankensektors ignoriert wird.

Die Zukunft der Eurozone wird vermutlich letztlich in Spanien entschieden. Portugal und Griechenland sind in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für Europa zu klein, Italien ist am wenigsten kritisch. In Spanien jedoch wird derzeit versucht, die Situation wie beschrieben über zu stabilisieren, obwohl das dringendere Problem die Verschuldung des privaten Sektors sowie die Situation der Banken darstellt. Spanien begibt sich damit in eine Abwärtsspirale, die gerade keine wirtschaftliche Stabilisierung bringt. Scheitert Spanien, ist auch die Eurozone am Ende. Es ist daher dringend Zeit, umzudenken und maßgeschneiderte Lösung zu suchen.

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  1. 5. Mai 2012 um 11:51

    Eine beachtenswerte Darstellung, im Gegensatz zu manchen anderen Kommentaren, die lediglich pauschal vor einem “Kaputtsparen” oder “einseitigen Sparen” warnen, und damit meinen, dass die (insbesondere deutschen) Steuerzahler und/oder die EZB den Problemstaaten ein nicht nachhaltiges Konjunkturniveau finanzieren sollen. Mit dem Versprechen der jeweiligen Staaten, dass sie selbstverständlich später sparen und reformieren werden.

  1. 28. April 2012 um 07:47
  2. 26. April 2012 um 16:49
  3. 25. April 2012 um 07:48
  4. 24. April 2012 um 08:55
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