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Achtung, beim Verlassen der paradiesischen Zone

3. Mai 2012

Welch ein Weltenwechsel. Seit drei Tagen bin ich jetzt unterwegs jenseits unserer Landesgrenzen und Richtung Südwest. Und auch wenn wir ja fast täglich über die wirtschaftlichen Desaster in Spanien, Griechenland und anderswo lesen und schreiben: das Desaster in fast jeder Begegnung zu spüren, ist noch etwas ganz anderes, weit erschütternder. Da gibt…

… es die Bankökonomin aus Paris, die mehr als ein Jahrzehnt die großen Analysen des führenden französischen Kreditinstituts gemacht hat, und jetzt via Sozialplan aus dem Unternehmen ausscheidet. Da gibt es die Freundin, die an einer Pariser Eliteschule studiert hat, jetzt seit einem Jahr zunehmend verzweifelt eine einigermaßen vernünftige Arbeit sucht und allmählich Angst davor hat, wie sie ihre Familie mit zwei kleinen Kindern noch über Wasser halten soll. Und da ist die spanische Journalistin, die viele Jahre als Korrespondentin in Berlin gearbeitet und mit den Großen der Politik geredet hat – und jetzt erzählt, wie wenig Chancen sie noch hat, seit in ihrer Redaktion binnen weniger Monate zwanzig Prozent der Redakteure entlassen wurden.

Jetzt bin ich in Barcelona. Und die Stadt scheint im Ausnahmezustand. Nicht weil Real Madrid gestern die Meisterschaft endgültig gesichert hat (dafür hat Messi wieder einmal großartig getroffen und Gert Müller in irgendeiner Statistik überholt). Sondern weil am heutigen Donnerstag die europäischen Zentralbanker zu ihrer monatlichen Tagung nach Barcelona gekommen sind – als Teil der regelmäßigen Sitzungen außerhalb Frankfurts. So eine Art Bürgernähe. Aus Angst vor den seit Tagen schon befürchteten Ausschreitungen ist die Stadt mit Polizeieinheiten besetzt, steht rund um das Hotel, wo die Währungshüter sind, an jeder Straßenecke ein Wagen mit Blaulicht.

So etwas haben die Euro-Zentralbanker in zehn Jahren noch nicht erlebt. In Frankfurt, erreichen Ausschreitungen schlimmstenfalls ganz furchtbare Wutäußerungen von FAZ-Lesern aus dem Taunus, wenn wieder mal von den bösen Südwährungshütern im Rat geschrieben wird.

Besagten Währungshütern aus den Krisenländern wird gerade aus dem deutschen Paradies gern mal vorgeworfen, sie würden nationale Interessen vertreten, was natürlich nicht geht. Vielleicht spüren besagte Währungshüter aber einfach nur ein bisschen mehr, welche Katastrophe sich da gerade in Europa entwickelt. Und das muss ja nicht unbedingt schlecht sein. Gemessen an dem, was der Rest Europas derzeit an menschlichen Schicksalen millionenfach erlebt, wirkt das, was wir in Deutschland gerade feiern, hoch irreal. Das kann nicht gut gehen. Und dass es bei den paradiesischen Zuständen bleibt, ist relativ unwahrscheinlich, wenn es jenseits der Grenzen einer Exportnation, deren Bruttoinlandsprodukt zu fünfzig Prozent von Ausfuhren lebt, derart kriselt.

 A suivre.

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  1. 4. Mai 2012 um 08:17

    Ungleichgewichte sind instabil. Wir Deutschen sollten die Gunst der Stunde nutzen und für das Platzen unserer Exportblase vorsorgen. Statt dessen jammern wir über zu hohe Benzinpreise und psychische Belastungen auf der Arbeit. Jedes andere Land Europas wäre froh, unsere Sorgen zu haben …

  2. Rexanach
    3. Mai 2012 um 15:59

    Kleiner Hinweis: Zum Berechnen des BIP werden von den Ausfuhren des betreffenden Landes die Einfuhren subtrahiert. Somit führen wir in D zwar fast 50 % der hier produzierten Waren und Dienstleistungen aus, das trägt aber nicht zu diesem Prozentsatz zum BIP bei.

    Ein kleiner Fehler, kann ja mal vorkommen. ;-)

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