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Alarm in Deutschland – oder: Wie ich versehentlich den Euro erledigte

14. Mai 2012
 
In den Erzählungen wird es vermutlich einmal heißen: zu Beginn dieser Woche, in deren Folge die Europäische Währungsunion ähnlich wie einst die Mauer nach einer Falschmeldung zerfiel, deutete eigentlich alles auf ein paar ganz gewöhnliche Krisentage. Also: Angefangen hat es so…. und das ist nicht erfunden: Vergangenen Dienstag wurde ich zu einem sehr gewöhnlich klingenden Gespräch mit der Delegation des Internationalen Währungsfonds zur Berliner Zweigstelle der Bundesbank eingeladen. Es ging um die routinemäßigen Artikel-IV-Konsultationen, bei denen der IWF halt mal so hinguckt, was im Land gut und nicht so gut läuft. Da ist dann von Wachstumspotenzialen die Rede, von einer Konjunktur, die im zweiten Halbjahr an Fahrt aufnehmen solle oder von den Fortschritten, die Banken zu regulieren.
 
Als es irgendwann keine Fragen mehr von den Kollegen gab, die ganzen schönen Häppchen aber noch vor uns lagen, habe ich mir gedacht, dann doch noch eine Frage zu stellen – allein um zu sehen, wie die anwesenden Vertreter der Bundesbank da wohl reagieren würden. Im Text des IWF-Teams stand ziemlich weit hinten ein bisschen unscheinbar ein Satz, der besagte, dass es, selbst wenn die EZB ihren Job voll und ganz erfüllt, in nächster Zeit durchaus mal sein könne, dass die Inflation in Deutschland “ein bisschen höher” ausfalle als in der Euro-Zone. Was im Grunde ziemlich banale Logik und Arithmetik ist.
 
Gerade die Deutschen machen derzeit ja gern Druck, dass die Krisenländer ihre Preise senken müssen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Das wiederum hieße im erfolgreichen Fall, dass die Inflation in diesen Ländern sehr niedrig sein wird, es einen – wünschenswerten – “desinflationären Druck” (IWF) gibt. Wenn die EZB dann aber ebenso wünschenswerter Weise bei ihrem Ziel bleibt und eine Inflation von durchschnittlich knapp zwei Prozent in der Euro-Zone anstrebt, muss es nach Adam Riese auch ein paar Länder geben, die etwas über eben diesem Schnitt liegen. Und es spricht angesichts brummender Konjunktur und anziehenden Löhnen ja nicht viel dagegen, dass zu denen auch Deutschland zählt. Wobei allein das große Gewicht Deutschlands dafür spricht, dass dieses Drüber-liegen eher in den Zehnteln liegen wird als in halben oder ganzen Prozentpunkten.
 
Alles kein Drama, alles ziemlich banale Mathematik. Und vor allem prima: wenn es solche Preisanpassungen nicht geben könnte, wäre schleierhaft, wie sich die Ungleichgewichte in der Euro-Zone abbauen sollen. Sollte man meinen. Selbst die Bundesbanker winden sich auf meine Nachfrage hin eher der Form halber, erklären, dass es ja sein könne, dass die Euro-Inflation mal bei 1,5 und die deutschen dann über dem Schnitt und trotzdem noch unter zwei Prozent liege. An sich sei das aber so, ja. Ich insistiere nicht und verkneife mir einzuwenden, dass 1,5 Prozent dann aber auch nicht “knapp zwei Prozent” seien, wie es die EZB ja anstrebt.
 
Abends erzähle ich unserem Notenbank-Korrespondenten von der lustigen Begebenheit. Was ihn immerhin dazu zu animieren scheint, die kleine Passage am nächsten Tage zu thematisiern – als er ganz versteckt in einer Bundesbank-Stellungnahme just ein paar Worte zum genau dieser Frage findet. Kleine Bestätigung. Auch die Bundesbank kann rechnen, respektiert die Regeln der Arithmetik. Was, ok, nicht selbstverständlich ist in unserem Land, wo beim Thema Inflation gern mal der nüchterne mathematische Verstand aussetzt.
 
Der Kollege schlägt vor, das  auf Seite eins zu berichten. Ich zweifle angesichts der Banalität der Sache, lasse mich aber überzeugen, dass so etwas für deutsche Verhältnisse trotzdem bemerkenswert ist. Beim bekannten Eifer der Bundesbanker hätte es ja durchaus schlimmer kommen können: hätte auch sein können, dass Jens Weidmann darauf besteht, das Inflationsziel der EZB senken zu lassen – weil es ja außergewöhnliche strukturelle Anpassungen im Süden gibt. So trägt die Bundesbank jetzt dazu bei, dass es den Südländern nicht dadurch noch schwerer gemacht wird, dass in Deutschland die Preise auch nicht steigen dürfen. Gut so.
 
Wir machen die Geschichte, dazu noch einen Kommentar, der schön einordnet, wie gut und harmlos das Ganze eigentlich ist.
 
Am übernächsten Morgen, ich ahne nichts böses, es ist der Tag nachdem wir mit der Geschichte aufgemacht haben, sehe ich auf der Schlagzeilenübersicht auf meinem Blackberry, dass eine Zeitung in unserem Land offenbar mit der Überschrift “Inflationsalarm!” aufgemacht hat. Jetzt ahne ich Böses. Am Kiosk sehe ich: die Zeitung heißt “Bild”. Unterzeile: “Bundesbank weicht den Euro auf”. Ups. Von simpler Arithmetik keine Rede. Kein Wort von banal. Natürlich nicht. Sonst stünde es ja nicht in Übergröße für Halbblinde auf Seite Eins unseres Intellektuellenfachblatts. Dort steht jetzt in geübtem Wir-sind-das-Volk-Gehabe, dass in Deutschland “die Inflationsangst umgeht” – huch, gar nicht gemerkt. Naja, mit diesem Moment stimmt es wahrscheinlich schon. Und dass “die Euro-Krise” die Preise “nach oben schnellen” lasse. Was es weder in Ursache noch Ergebnis ganz auf den Punkt trifft, um es vorsichtig auszudrücken. Dafür weinen die “Bild”-Jungs schonmal für uns vor: “Unsere Ersparnisse werden immer weniger wert”. Auf Seite 2 erklärt der kuriose Steuerrechts-Professor Stefan Homburg – der immer gefragt wird, wenn es weitgehend kompetenzfrei krachen muss – dann auch warum: “weil die EZB die Märkte seit Ausbruch der Eurokrise mit billigem Geld flutet”. Wow, da war nun eigentlich überhaupt nicht die Rede von. Ist auch völliger Blödsinn, wenn der Kern der Feststellung ja ist, dass die Euro-Inflation im Schnitt sehr wohl noch bei knapp zwei Prozent bleibt – und die deutsche im Zweifel ein paar Zehntel darüber. Was wiederum dann mehr mit der brummenden Konjunktur zu tun hat als mit irgendwelchen angeblichen Geldflutungen (die Geldmenge M3 ist im Euro-Raum übrigens kaum gestiegen).
 
Was kümmert das die Homburgs und “Bild”-Schreckredakteure. Damit es richtig kracht, kommt dazu bei “Bild” noch eine “Billion-Mark-Note” von 1923. Fertig. Aus. Euro kaputt. Alle arm. Jetzt komme “das dicke Ende der Finanz- und Eurokrise”, orakelt Bild-Großökonom Nikolaus Blome in angemessen schwachsinnigem Kommentar.
 
Was aus so einer kleinen schlichten Feststellung alles werden kann! Im Land der Denker.
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  1. 19. Mai 2012 um 22:04

    Gute Story, super verfasst, sehr unterhaltsam ; )

  2. 17. Mai 2012 um 14:26

    Sehr unterhaltsam. Erinnert irgendwie an den Wirbelsturm, ausgelöst durch Schmetterlingsflügel. Beängstigend auch, oder? :)

  3. Gast
    16. Mai 2012 um 11:21

    Angesichts der seit 20 Jahren als sehr gering ausgewiesenen Inflation finde ich es doch erstaunlich, dass ich vor ca. 20 Jahrein einen neuen Kleinwagen für ca. 10000 DM erstanden habe und kürzlich ist mir dasselbe noch einmal gelungen, jetzt für ca. 10000 Euro.

    • EuroGast
      22. Mai 2012 um 00:19

      Sorry, aber das ist ja genau die Denkweise die im Artikel enttarnt wird. Den Euro gibt es übrigens erst seit zehn Jahren.

      Rechnen wir doch mal kurz durch. Seit der Euroeinführung beträgt die Inflationsrate meines Wissens im Schnitt ca. 2 Prozent pro Jahr. Davor waren es mehr. Also nehmen wir einfachheitshalber an, dass die Inflationsrate in den letzten 20 Jahren im Schnitt bei 3 Prozent pro Jahr lag. Wenn wir das auf 20 Jahre hochrechnen (Zinseszinsrechnung), kommen wir auf eine Teuerung von 80,6 Prozent für den gesamten Zeitraum von 20 Jahren. Es kommt also ungefähr hin.

      Nichtsdestotrotz sind Autos ein denkbar ungünstiges Beispiel, weil dabei auch der technische Fortschritt eine erhebliche Rolle spielt. Ihr Kleinwagen hatte vor 20 Jahren mit Sicherheit keine Klimaanlage, kein Airbag und kein ESP. Nach der gleichen Logik kann man ja auch die Preise von Computern und Laptops nehmen. Dann würde man sogar eine starke Deflation in den letzten 20 Jahren feststellen. Was natürlich genauso falsch wäre.

  4. 15. Mai 2012 um 15:31

    sehr treffend beschrieben. Danke

  5. 15. Mai 2012 um 14:25

    Klar, wer rechenen konnte, hat es auch ohne Bundesbank gewusst. Es muss aber auch klar sein, dass bei immer größerer Heterogenität in der Eurozone (siehe http://www.wirtschaftswurm.net/2012/die-eurozone-waechst-auseinander/ ) es nicht bei 2,5% bleiben kann. Selbst in der Vergangenheit hatten wir in einzelnen Euroländern schon 4% Inflation und mehr.

  6. Kreuzkopf
    15. Mai 2012 um 14:04

    Gute Güte! In den 1970ern hatten wir jahrelang Inflationsraten zwischen 6 und 8 Prozent (und Lohrunden von bis zu 11%), und die Welt ist auch nicht untergegangen.

    • Sparer
      18. Mai 2012 um 08:37

      bei einer durchschnittlichen Inflation von 3,5% würde sich der Realwert eines Sparguthabens binnen 20 Jahren halbieren; ferner sollte jedem klar sein, dass eine in Gang gekommene Inflationsspirale nur schwer zu stoppen ist!

  7. 15. Mai 2012 um 09:42

    Sehr gute Idee, die vernünftigen Worte zur Inflation hier mit ein wenig (übrigens völlig berechtigtem) Bild-Bashing zu verbinden. Die Belohnung: eine Verlinkung im Bildblog und hoffentlich viele Leser für diesen Beitrag. Wäre ihm jedenfalls zu wünschen!

  8. Peter B.
    15. Mai 2012 um 07:46

    Es ist aber leider so, dass das POTENTIAL für eine hohe Inflation geschaffen wurde. Diese kann natürlich durch Erwartungsänderungen (wie von der Bild provoziert) ausgelöst werden. Dazu ist dieser Kommentar Pflichtlektüre: http://www.voxeu.org/index.php?q=node/7789 und die untere Grafik hier http://www.iew.uni-osnabrueck.de/9351.htm lässt ebenfalls nichts gutes Verheißen.

    Es fehlt nur noch, dass jemand den Abzug betätigt…

    Und für alle Leute, die meinen “Dann haben wir halt mal 5% Inflation, so schlimm ist das auch nicht”, dem lass gesagt sein, dass Homburgs Ketchupflaschen-Analogie durchaus richtig ist.

  9. Rexanach
    15. Mai 2012 um 03:27

    Definitionshilfe: Unter “brummender” Konjunktur im volkswirtschaftlichen Sinne versteht man ein Wirtschaftswachstum von 0,1 % im vorherigen und 0,4 % im laufenden Quartal. ;-)

  10. 14. Mai 2012 um 18:22

    Unsere Ersparnisse, dass ich nicht lache. Danke Thomas Fricke, leider wird es im jounalistischen Mainstream wieder einmal untergehen.

  11. chefökonom blome
    14. Mai 2012 um 16:13

    lieber herr fricke, sehr treffend beschrieben – und bild-großökonom blome weiß durchaus auch zu amüsieren. allerdings fällt bei ihrer darstellung etwas hinten runter, dass der ftd-titel auch nicht eben in den vordergrund gestellt hatte, dass es lediglich um banale arithmetik ging, und deshalb in informierteren kreisen auch durchaus sehr befremdet zur kenntnis genommen wurde…

    aber nichts für ungut!

  1. 22. Mai 2012 um 17:19
  2. 18. Mai 2012 um 08:31
  3. 15. Mai 2012 um 08:56
  4. 15. Mai 2012 um 07:48
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