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Fabian Fritzsche – Danke Bundesbank

21. Mai 2012

Als ich vergangenen Donnerstag die Schlagzeile der FTD „Bundesbank duldet höhere Inflation“ gelesen habe, konnte ich meinen Augen zunächst nicht trauen. Die Meldung löste in den einschlägigen Internetforen sowie bei der Zeitung mit den großen Buchstaben direkt einen Proteststurm los. Man habe es ja immer gewusst, dass Euro und EZB die deutsche Stabilitätskultur gefährden und es irgendwann zu dramatischer Geldentwertung kommen musste.

 Nun haben weder Bundesbank noch EZB das Inflationsziel von knapp unter 2% aufgegeben. Letztlich folgt die Bundesbank einfacher Arithmetik. Sollen die südeuropäischen Volkswirtschaften eine Inflationsrate unterhalb der deutschen aufweisen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden, während die durchschnittliche Preisniveausteigerung bei knapp unter 2% liegen soll, muss Deutschland entsprechend über 2% liegen. Dennoch ist die Aussage von Jens Weidmann überraschend, galt doch bisher der Grundsatz, die anderen sollen wettbewerbsfähig werden, Deutschland aber soll bei maximal 2% Inflation bleiben – was zwangsläufig eine Verletzung des EZB-Ziels nach unten zur Folge gehabt hätte. Die Einsicht der deutschen Notenbank in zwangsläufige Sachverhalte ist absolut zu begrüßen und alles andere als ein Drama oder gar das Ende der Stabilität.

 Seit Beginn der Währungsunion sind die Lohnstückkosten und damit letztlich die Verbraucherpreise in den anderen Mitgliedsländern sind stärker gestiegen als in Deutschland. Die durchschnittliche Inflation der Eurozone lag bei 2,0%, in Deutschland hingegen nur bei 1,5%. So hat sich die Wettbewerbsfähigkeit über Jahre auseinander entwickelt, die daraus entstandenen Leistungsbilanzungleichgewichte wurden schon längst als ein Kernproblem der Eurokrise identifiziert. Eine Umkehrung des Trends könnte beim Abbau der Ungleichgewichte mithelfen und gerade die deutschen Arbeitnehmer und Rentner müssen sich davor nicht fürchten, sondern können eine etwas höhere Inflation begrüßen, denn diese muss durch höhere Lohnabschlüsse erreicht werden. Mehr Inflation über steigende Rohstoffpreise ist selbstverständlich kontraproduktiv. Denn höhere Preise etwa für Benzin beträfe alle Länder der Eurozone und würde somit nicht zu einer Inflationsdifferenz zwischen Deutschland und Südeuropa führen. Zudem würde der Abfluß von Kaufkraft die europäische Wirtschaft weiter schwächen. Nur stärkere Lohnsteigerungen in Deutschland und Lohnmoderation in der Peripherie können zum Abbau der Ungleichgewichte beitragen.

Und genau da liegt der Knackpunkt. Bundesbank, EZB oder auch der Finanzminister können betonen, dass sie eine etwas höhere Preissteigerung akzeptieren und höhere Lohnabschlüsse begrüßen, mehr aber auch nicht. Das ist also allenfalls eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für tatsächlich höhere Abschlüsse. Allerdings handelt es sich auch um mehr als um bloße verbale Unterstützung. Die Gewissheit, dass die Geldpolitik bei leicht überdurchschnittlicher Inflation nicht  restriktiv wird, sollte sich in den Tarifergebnissen bemerkbar machen. Dabei muß kein Sparer wirklich hohe Inflationsraten befürchten. Im günstigsten Fall steigen die Löhne nun einige Jahre etwas kräftiger als vor der Krise, wodurch die Inflation möglicherweise auf Werte um 3% steigt, was bis Mitte der 1990er Jahre normal war. Die deutschen Arbeitnehmer und Rentner könnten sich über steigende Kaufkraft und Europa über Wachstum freuen. Damit ist die Aussage der Bundesbank, etwas höhere Inflation zu akzeptieren ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Eurozone.

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  1. 25. Mai 2012 um 12:17
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