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[MarktWirtschaft] Stoppt den Euro der Lemminge, wir brauchen Eurobonds!

24. Mai 2012

Für viele Deutsche und ihre Regierung sind sie Teufelszeug schlechthin. Mit Eurobonds würden Deutschland, Finnland und die Niederlande für immer einspringen müssen, wenn Griechen, Italiener oder Spanier wieder einmal über ihre Verhältnisse gelebt haben, so fürchten die Kritiker der Gemeinschaftsanleihen. Nicht nur ein Rechtsbruch, sondern eine gewaltige Schuldenlawine drohe, sagen sie. Bis Europa im Inflationssumpf versinkt.

Denn wenn schon alle gemeinsam Geld von Investoren borgen, dann haften eben auch alle für alle. Doch die Zeiten der einfachen Antworten sind für diejenigen, die den Euro noch retten wollen, längst vorbei. Befürworter und Gegner sollten sich eins klar machen: Es gibt nur einen einzigen Grund, der für Eurobonds spricht.

Die Geschichte hat es oft genug gezeigt: Leihen sich Regierungen, Unternehmen und Haushalte frisches Geld nur noch in einer Währung, die von einem fremden und mächtigen Staat kontrolliert wird, dann ist das Land bereits dem Untergang geweiht. Die Argentinier haben es vor mehr als zehn Jahren schmerzvoll erlebt, diese Erfahrung haben auch die vormals als Tigerstaaten Asiens bekannten Länder zuvor durchgemacht.

Wie die Schwellenländer damals gestürzt sind, so versinken heute die südlichen und westlichen Euro-Länder in der Krise. Es passiert immer auf die gleiche Art: Erst fallen ausländische Banken, Fondsgesellschaften oder eher zweifelhafte Investoren in die Länder ein und überschütten sie mit billigen Darlehen. Wenn die Blase platzt, fliehen sie in Panik. Nach uns die Sintflut, so endete bisher noch jeder überschäumende Kreditboom.

Nur sind die Übertreibungen keine Frage der Moral, sind doch Herdentrieb und Konkurrenz das Lebenselixier einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Selbst dann nicht, wenn wir uns erinnern, dass es gerade deutsche Banken waren, die den Süden und Westen des Eurolands bis zur Krise mit dem Ersparten der Deutschen nur so überhäuft haben. Genau die Länder, die daraufhin wie die Lemminge in Richtung Klippe losmarschierten.

Jetzt müssen wir verhindern, dass die Krisenstaaten von der Klippe springen, jetzt, da auch noch das Hinterland in Flammen steht. Ein Griechenland ist mehr als genug!

Eurobonds helfen dabei den Absturz, die Kapitalflucht zu stoppen, die in Spanien und Italien derzeit wieder eskaliert. Erleben wir nicht gerade, dass Banken und Investoren ihre Gelder am liebsten nur noch nach Deutschland scheffeln, wo die Bundesregierung kaum noch Zinsen für neue Schulden zahlt? Derweil steigen die Zinsen für Rom und Madrid – und kein Ende ist in Sicht.

Geht es nach der Bundesbank brauchen wir jedoch erst eine Fiskalunion, bevor wir Eurobonds einführen sollten. Nur wenn die größten Schuldenstaaten immer unter demokratische Kontrolle aller Euro-Länder gestellt werden können, sei an Eurobonds zu denken.

Eigentlich ein feiner Plan der Stabilitätswächter. Er verhindert, dass am Ende immer nur die Deutschen die Rechnung zahlen müssen. Möglich, dass das Kalkül sogar aufgeht, das sie in Berlin und Frankfurt im Kopf haben. Nur leider wird die Zeit dafür nicht mehr reichen. Eine Lösung muss bis zum Sommer her, sonst überlebt der Euro den Herbst nicht mehr.

Dabei können Eurobonds schneller kommen als gedacht. Ökonomen wie Markus Brunnermeier (ESBies und Video dazu) oder Yanis Varoufakis (Paper, Blogeintrag mit Video) haben Varianten entworfen, die zügig und sogar ohne Vertragsänderungen eingeführt werden können. Der Clou dabei: Die Deutschen müssen nicht einmal für andere haften. Der Volkswirt Paul de Grauwe hat zudem ein Gebührenmodell entwickelt. Es verhindert, dass alle Staaten den gleichen Zins zahlen müssen – egal ob sie zuvor hohe oder niedrige Schulden angesammelt haben.

Klar ist, ohne Eurobonds wird Euroland nicht zur Ruhe kommen. Wenn Europa in Zukunft noch eine Rolle in der Welt spielen will, dann sollten alle über ihre Schatten springen. Es könnte sich lohnen.

Dieser Beitrag ist Teil eines Pro und Contra aus der FTD. Die Gegenposiiton vertritt mein Kollege Matthias Pindter, der täglich einen Teil der Kapital-Kolumne schreibt.

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  1. peter noack
    25. Mai 2012 um 06:17 | #1

    Sehr geehrter Herr Kühnlenz!
    Kapitalflucht wohin? Derzeit kann Deutschland gegen Nullzins seine Refinanzierung erlangen. Wieviele Milliarden können das maximal sein? Was ist wenn aus Spanien oder Italien mehrere Hundert Milliarden fliehen wollen? Das kann bzw. will Deutschland nicht aufnehmen. Wohin dann? Nach Japan bei über 200 Prozent Staatsverschuldung. Besser nach den USA, die haben immer dafür Verwendung. Sollen die doch auch bald 200 Prozent erreichen. Welches wirtschaftliche Problem wird dadaurch gelöst? Ist es völlig unverständlich, dass die Erde zu klein ist, als sicherer Hafen für zig Billionen Euro oder Trillionen Dollar zu dienen! Das virtuelle Geld sprengt jeden Rahmen und kann nicht mehr in Sachwerte algelegt werden, weil es die Realwirtschaft um den Faktor Zehn übertrifft. Ganz zu schweigen davon, wer die Zinsen dafür erwirtschaften soll! Werden die Ökonomen eine sachgerechte Lösung vorschlagen können? Die Erfahrung der letzten Jahre lässt mich zweifeln. Hier braucht man nur auf JP Morgan Chase verweisen.Wann begründen unsere Weltökonomen mit oder ohne Nobelpreis die ganzheitliche Weltwirtschaftsdlehre? Wenn es so weitetgeht wie bisher, erlebe ich das nicht mehr oder ich muss das selbst versuchen.

    • André Kühnlenz
      26. Mai 2012 um 15:58 | #2

      Sehr geehrter Herr Noack, die Renditen der Bundesanleihen sind sicherlich nur die Spitze des Eisbergs, ein Symptom gewissermaßen. Deutschlands Banken ertrinken bereits in Liquidität, sie wissen längst nicht mehr wohin mit dem vielen Geld. Eine Zahl macht dies besonders deutlich: Ende April 2012 parkten die Banken in Deutschland bei der Bundesbank 400 Mrd. Euro (257 Mrd. Euro in der Einlagefazilität und 142 Mrd. Euro über liquiditätsabschöpfende Geschäfte im Zusammenhang mit den Anleiheaufkaufprogramm des Eurosystems; Quelle Bundesbank-Monatsbericht Mai 2012). Zum Vergleich: Ende Juni 2011 waren es nur 42 Mrd. Euro – eine Verzehnfachung innerhalb eines Dreivierteljahres…

      Eine andere Zahl sind die Target-Forderungen der Bundesbank an die EZB in Höhe von 644 Mrd. Euro Stand Ende April, die immer weniger durch Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands erklärt werden können. Alles fließt nach Deutschland und nichts fließt zurück in die Randstaaten. Über eine Art von Eurobonds würde zumindest ein Teil in die Papiere fließen und die Länder wären nicht mehr plötzlichen Panikverkäufen ausgesetzt… Wie gesagt, bin ich ganz auf der Linie der Bundesbank und Bundesregierung, Gemeinschaftshaftung erst in einer Fiskalunion. Jedoch gibt es Möglichkeiten für den Übergang, siehe ESBies, wie sie Brunnermeier vorgeschlagen hat…

  2. 25. Mai 2012 um 03:33 | #3

    Mag sein, dass die Märkte übertreiben – aber so war es schon immer. Jetzt sind die schlafenden Hunde aufgewacht und niemand würde etwa Eurobonds noch eine ähnliche Bonität zumessen wie Bundesanleihen. Ich kenne das Model von Brunnermeier nicht, zugegeben. Aber wie immer es auch sei, es wird von den Märkten auch nicht gekannt werden, weil es vermutlich ziemlich kompliziert ist. Der Markt übertreibt nicht nur, sondern vereinfacht auch. Die Sorge besteht – da man auf EU-Ebene bereits mehrfach eigenes Recht und gute Vorsätze gebrochen hat, dass eine gleichartige Aushebelung der Vereinbarungen auch die Brunnermeier-Eurobonds betreffen könnte und D dann eben doch einen höheren Zinssatz zahlen müßte als für Bundesanleihen.
    Hollande spricht ja schon davon, dass ungleiche Zinssätze ungerecht seien.

    Die Geschichte mit der Solidarunion – Solidarität hat noch nie funktioniert. Wie naiv sind doch noch viele. Sind Sie sicher, dass die Italiener ein ethisches Problem damit haben, Transferzahlungen aus D zu erhalten?? Vielmehr lacht man sich dort hinter vorgehaltener Hand in Fäust’chen. Solidarität funktioniert doch nur dann, wenn der Empfänger einer Solidaritätsleistung ohne eigenes Verschulden (oder Unterlassen) in eine mißliche Situation gekommen ist. Wollen Sie das ernstlich für GR, I, E und P reklamieren? I und GR haben doch schon immer ökonomische Probleme gehabt. Erinnern Sie sich doch an die 70er Jahre!! Das ist dort in Korruption, organisierter Kriminalität und chronischer Blasiertheit angelegt.

    Also das mit den Eurobonds wird nichts.

    • André Kühnlenz
      26. Mai 2012 um 16:06 | #4

      Solange die EZB sich nicht als Lender of Last Resort begreift, gibt es keine andere Möglichkeit die Kapitalflucht aufzuhalten, denke ich. Klar kann man darauf hoffen, dass Sparprogramme irgendwann dazu führen, dass die Investoren wieder soweit vertrauen, dass sie ihre Gelder in den Randstaaten anlegen, das wird nur so schnell nicht passieren… Und so lange bleibt die Konstruktion der Euro-Zone fragil, immer wieder wird es zu Panikverkäufen kommen…

  3. R.B.
    24. Mai 2012 um 22:00 | #5

    Peter Sloterdijk im mMn Interview des Jahrzehnts:
    http://www.handelsblatt.com/politik/international/peter-sloterdijk-die-staaten-verpfaenden-die-luft-und-banken-atmen-tief-durch-seite-all/5968680-all.html

    „Sie hat auf jeden Fall durch ihren Widerstand gegen die Euro-Bonds jetzt schon den Wirtschaftsnobelpreis verdient. Und das, obwohl sie europaweit umzingelt ist von Sozialpopulisten, die das tödliche Spiel gerne noch weitergetrieben hätten.“

    Damit ist eigentlich alles gesagt.

    Wenn man die Pro und Contra Euro-Bonds-Diskussion zwischen Ihnen und Matthias Pindter mit dem Ausgang eines Fußballspiels werten wollte, dann würde ich sagen:
    Ungefähr 3:0 für M. Pindter.

    Nicht weil Sie Hr. Kühnlenz in Wirtschaftsfragen weniger versiert sind, sondern weil die Eurobonds-Gegner schlicht und einfach die besseren Argumente haben. Dass die Eurobonds zudem vor dem BverfG kaum Bestand haben dürften, schwant mittlerweile auch der SPD. Daher die Rückzugsgefechte. Vielleicht spielen dabei auch Aspekte der Gesichtswahrung, wahlstrategisches Geplänkel oder gar bessere Einsicht eine Rolle.

    Den Befürworten bleibt jedenfalls kaum etwas anderes übrig, als einen verbrämten Europa-Pathos zu beschwören oder sich in Polemik zu flüchten.

    Noch eine kurze Anmerkung zu einem oft zitierten scheinbar unerklärlichen Phänomen, das als Beweis der Irrationalität der Märkte herhalten muss:
    Sie schreiben in einer Antwort auf den Leserkommentar von Peter Noack:
    „Während die Märkte es bis 2007/2008 nicht geschafft haben, zwischen der Bonität der Staaten hinreichend zu differenzieren, gibt es aktuell kein Halt mehr, der die Kapitalflucht stoppt. Die Märkte übertrieben vorher und sie übertreiben heute… „

    Dafür gibt es eine schöne Analogie: Das Ketchup-Modell.
    Das Problem ist weniger der Markt, sondern der misslingende Versuch ihn auszuschalten bzw. zu übertölpeln. Das wird von Tag zu Tag deutlicher.

    • André Kühnlenz
      25. Mai 2012 um 00:00 | #6

      Gegen die plumpen Vorschläge, die nur darauf abzielen, die Zinsen für die Peripherie zu senken und die Haftung auf Deutschland zu übertragen, dagegen hat Kollege Pindter durchaus gute Argumente. Keine Frage. Wenn Sie aber genau lesen, liegen wir gar nicht so weit auseinander, wir sind beide auf Bundesbank-Linie: Eurobonds mit Gemeinschaftshaftung nur in einer echten Fiskalunion (meinetwegen sogar auch in einer, in der die Deutschen alles kontrollieren mit Veto wie die USA im IWF).

      Deswegen habe ich so große Sympathien für die ESBies, die Brunnermeier vorgeschlagen hat, als Zwischenlösung gewissermaßen. Keine Gemeinschaftshaftung, keine Vertragsänderungen…. Was halten sie denn davon?

      Wir brauchen Gemeinschaftsanleihen, die jede interne Kapitalflucht unterbinden, darum geht es mir. Um nichts mehr und um nichts weniger. Und wenn es einmal zu einer Gemeinschaftshaftung kommen sollte (in ferner Zukunft), dann nur mit differenzierten Zinssätzen, je nach Höhe des Schuldenstandes, so wie es De Grauwe vorgeschlagen hat…

      • R.B.
        26. Mai 2012 um 12:31 | #7

        Lieber Hr. Kühnlenz,
        Zur Terminologie der Einfachheit halber:
        Eurobonds = Eurobonds im herkömmlicher Verständnis, die Sie sehr zu Recht als „plumpen Vorschlag“ bezeichnen.
        Br-Bonds = Eurobonds nach Prof. Markus Brunnermeiner (Schuldenverwaltung und einer Aufteilung in Senior- und Junior-Anleihen.

        MeinFazit gleich zu Beginn:
        Die Br-Bonds sind ein Vorschlag, der an Professorenschreibtischen entwickelt wurde, nur in der idealisierten simplifizierten Wirtschaftswelt dort funktioniert , den Praxistest aber nicht bestehen dürfte und deshalb die Professorenschreibtische auch nicht verlassen sollte.

        Den Vorteilen, die Sie unten ansprechen wie
        - keine Gesamthaftung und
        -Austrocknung der innereuropäischen Kapitalflucht
        stehen gravierende Nachteile gegenüber.

        Die Ausformulierung des Vertragstextes ist ein teures Beschäftigungsprogramm für Juristen. Der Vertragstext wird wohl kaum auf einen Bierdeckel passen und dürfte am Ende viele hundert Seiten umfassen, mit allen sich auch daraus zwangsläufig ergebenden Grauzonen , Interpretationsspielräumen und dem daraus resultierendem Hickhack der Staaten untereinander.

        Des Weiteren dürfte die Anzahl der (vermutlich nicht ehrenamtlich tätigen) Mitarbeiter in der neu zu schaffenden Behörde in die Hunderte gehen mit Kosten in dreistelliger Millionen-Höhe pro Jahr.
        Also ich persönlich bin nicht so der Behörden-Fan.

        Die Einführung von Br-Bonds wird als Zwischenschritt zu Eurobonds (miß-) verstanden werden Man ist dann zwar von der Konstruktion her immer noch meilenweit von Eurobonds entfernt aber eben nicht mehr Lichtjahre.
        Eurobonds wollen wir doch erst am Ende einer Entwicklung. Die Gefahr ist die unterschiedliche Geschwindigkeit, also dass die Eurobonds lange vor dem Eintreffen der gewünschten wirtschaftlichen Entwicklung eingeführt werden, nicht im Gleichschritt/Gleichklang.

        Die Begrenzung auf 60% Prozent der Wirtschaftsleistung eines Landes für den Aufkauf von Staatsschulden wird der gelebten politischen Praxis nur sehr kurz standhalten. Wenn der Druck im Kessel (zu) groß wird, wohin wird die Luft dann wohl entweichen?
        Es ist ungleich leichter, Prozentsätze nach oben zu hieven was mMn sehr schnell passieren würde, als etwas qualitativ Neues einzuführen.

        Wir wissen ja alle aus den Erfahrungen der letzten Jahre:
        Sobald es opportun ist, werden rote Linien überschritten, Verträge/Vereinbarungen gebrochen.

        Die Artikel in der FTD kann ich mir dann schon vorstellen:
        „Man kann doch nicht den Euro wegen lächerlichen 10 Prozentpunkten scheitern lassen“.

      • André Kühnlenz
        26. Mai 2012 um 16:22 | #8

        @R.B. Die Banken haben doch schon genug Erfahrung damit gesammelt, sie haben doch die Bewertungsmodelle mit den sie Kreditverbriefungen bewerten. Für so theoretisch halte ich den Vorschlag von Brunnermeier gar nicht…Auch das Juristische halte ich für machbar… Praktisch braucht man dafür auch keine Mammutbehörde. Bestimmte Aufgaben kann man operativ an die dt. Finanzagentur oder die EZB/Bundesbank übertragen. So wie es jetzt auch schon bei der EFSF der Fall ist…

        Auch wenn der Druck steigt, also die Zinsen auf neue Schulden steigen, es bleibt jedoch ein extrem liquides Asset, das zumindest die Banken des entsprechenden Landes nicht in den Abgrund reißt, die ESBies oder Br-Bonds, wie Sie sie nennen, werden zur bevorzugten Refinanzierungssicherheit bei der EZB. Damit wäre zumindest eine Spirale durchbrochen, dass immer die Banken auch mit hineingezogen werden.

  4. Stefan Walter
    24. Mai 2012 um 13:48 | #9

    Ich finde auch, dass wir am Scheideweg angelangt sind. Geben wir nun unser Stärke voll in das Paket Europa ein, oder nicht ? Ein bisschen schwanger gibt es nicht – ein bisschen Europa ebensowenig. Dafür sind die Konsequenzen zu erheblich. Wiegen also die Vorteile stärker als die Nachteile? Ein emotionales Thema! Die Griechen (Portugiesen, Italiener) sind im Einzelnen so klug oder dumm, so sparsam oder verschwenderisch wie wir. Allein die Mentalität ist anders, ebenso wie die Voraussetzungen des Landes. Da sollten wir Austausch betreiben und nicht ständig das “Deutsche” (Schaffe, schaffe…) über die Anderen stellen. Letztendlich ist die Frage, ob wir doch lieber Deutsch bleiben wollen oder eben in Europa aufgehen. Umgekehrt müssen sich die “Peripherieländer” (welch diskriminierender Begriff !) dazu bekennen, was sie bereit sind einzubringen. Das muss handfest und kontrollierbar sein. Möglioch und nötig ist das. Die oft gehörte Frage, ob sie das überhaupt können, finde ich anmaßend. Wenn es auch mit Eurobonds nicht funktioniert, muss es eben ein echtes Europa geben, mit gemeinsamen Wahlen. Da haben wir dann immerhin verdammt viele Stimmen. Aber allein selig machend sind wir Deutschen aber sicher nicht ! Und das ist auch gut so, weil wir nämlich u.a.die Welt und Europa brauchen – schon allein für den Export. Wenn wir es noch ernst meinen mit Europa, dann können wir nicht gegen Eurobonds sein. Und wenn es Europa mit uns ernst meint, wird es uns entgegenkommen und wirksame Mittel zur Bekämpfung unserer Bedenken einräumen. Modelle dazu sind ja bereits vorgeschlagen.

  5. 24. Mai 2012 um 12:55 | #10

    Einer der wenigen durchdachten Kommentare dieser Tage. Die EU ist nach 50 Jahren an ihrer Kernfrage angelangt. Ist sie eine Solidargemeinschaft oder nicht. Die Antwort auf diese Frage wird in Griechenland gegeben – und sie kann nur in einem gemeinsamen Kraftakt der Belebung der Realwirtschaft liegen und einem viel ausgedehnteren Schuldenschnitt der Gläubiger als bisher verhandelt.
    Mehr dazu auch auf meinem blog. http://tanzersequilibrium.blogspot.com/

  6. chefökonom blome
    24. Mai 2012 um 11:44 | #11

    obwohl ich eurobonds durchaus etwas abgewinnen kann, ist das konzept hier finde ich nicht wirklich gut verkauft. du hättest imo mehr auf die langfristige perspektive abstellen sollen (bond-investoren wollen große, liquide märkte – wenn das konzept der währungsunion weiter verfolgt werden soll, geht es im prinzip garnicht anders). kurzfristig wäre es aber plausibler, die ezb als backstop in die pflicht zu nehmen.

    • André Kühnlenz
      24. Mai 2012 um 16:51 | #12

      Das stimmt, wäre schön, wenn die EZB als Backstopp stärker und effektiver aktiv werden könnte. Die “liquiden Märkte” werden gerne von Befürwortern als Begründung angeführt. Auch für mich gehören sie zu den positiven Effekten von Euro-Bonds. Aber als Argument taugt es doch eher wenig… Italien hat auch einen großen liquiden Bond-Markt, größer als der für Bundesanleihen. Und trotzdem flüchten die Anleger… Zudem ist das Argument, die größere Liquiditiät der Euro-Bonds würde am Ende eventuell auch die Zinsen für Deutschland sinken lassen, eben extrem strittig…

      Wie gesagt, ich finde viele Argumente der Befürworter gar nicht so stark. Es geht mir nicht um Einheitszins, sondern um Gemeinschaft auch bei der Schuldenaufnahme – und zwar alles demokratisch kontrolliert…

      • dr. seltsam
        25. Mai 2012 um 02:34 | #13

        also mit italien hast du zwar ein argument, aber das greift imo zu kurz. was seit letztem jahr (mit kurzer dicke-bertha-unterbrechung) abgeht, ist doch einfach panik wg default-risiken – privatgläubigerbeteiligung/schuldenschnitt lassen grüßen. deshalb würde ich das liquiditätsargument nicht einfach beiseite wischen.

        mit schneller eurobonds-einführung die aktuelle marktpanik/kapitalfluchtgefahr ausschalten zu wollen… ich weiß nicht so recht. einheitliche einlagensicherung und ezb-troubleshooting würde ich vielleicht erstmal für sinnvoller halten. auf jeden fall hast du aber glaub ich recht, dass kapitalflucht sich sehr schnell zum endgegner in der schuldenkrise entwickeln könnte und deshalb zügig was passieren muss.

        bei eurobonds wär ich trotzdem eher beim ursprünglichen plan, der ja eigentlich noch von vor den zeiten der schuldenkrise rührt. also alternative reservewährung zum dollar mit entsprechendem anleihemarkt, um sich langfristig als safe haven positionieren zu können (politische bzw. fiskalunion wäre idealerweise voraussetzung).

        das entscheidende dürfte aber auch da wieder die zentralbank dahinter sein. solange die ezb nicht entschlossen als letzte instanz handelt, sehen investoren im zweifelsfall immer nur das default-risiko und dann ist größe/liquidität wie aktuell im fall von italien kein entscheidender faktor mehr.

        zur frage nach dem einheitszins und ob der dann gut oder schlecht wäre: was soll man dazu groß sagen? der ganze “wieso sollten WIR für DIE zahlen/haften?”-ansatz steht dem gedanken der währungsunion ja ohnehin grundsätzlich entgegen… muss aber natürlich extrem ernst genommen werden. wenn die mehrheit der leute in europa im wir-gegen-die-schema tickt, hat es natürlich eh alles irgendwie keinen sinn…

        letztlich – du schreibst es ja selbst – gibt es aber sogar verschiedene eurobonds-modelle, bei denen die disziplinierungskräfte der märkte nicht ausgeschaltet würden, sodass diese einwände der kritiker auch nur begrenzt ziehen.

      • André Kühnlenz
        26. Mai 2012 um 16:40 | #14

        Klar, am besten wäre es, wenn die EZB sich auch als Lender of Last Ressort begreift, es eine europaweiter Einlagensicherung gibt… Zumindest im letzten Punkt scheint es ja endlich Bewegung zu geben… Das Liquiditätsargument würde ich auch nicht beiseite wischen, nur ergibt sich daraus kein zwingender Grund, Gemeinschaftsanleihen einzuführen, dass wollte ich nur sagen…

  7. Peter Noack
    24. Mai 2012 um 10:30 | #15

    Wieder so ein Beitrag bei dem man nicht weiß, ob er ernst gemeint ist. Welches Problem der Krisenstaaten wird durch Gemeinschaftsanleihen gelöst? Welche Folgen für das Ratimg ergeben sich für die starken Bondmitglieder?
    Die Gesamtverschuldung von Griechenland, Portugal, Spanien und Italien beträgt 3.100 Mrd. Euro. Wenn Frankreich und Deutschland bei den Eurobonds bürgen, dann kommen noch ca. 2.000 Mrd. Euro Staatsschulden in Frankreich und 2.000 Mrd. Euro Staatsschulden in Deutschland dazu. Diese Staaten haften dann gemeinschaftlich für 7.100 Mrd. Euro bei einer Gesamtverschuldung von ca. 8.000 Mrd. Euro in der Eurozone. Akzeptieren die Finanzmärkte Eurobonds, wenn diese Gesamthaftung nicht vollzogen wird?Sollten nun Investitionsbonds eingeführt werden, dann sind die Beträge klein gegen die gesamte Wirtschaftsleistung der Eurozone. Projektbezogen sind das Hundertstel Prozent. Insgesamt über mehrere Jahre auch kaum ein Prozent. Was soll das bringen? Dabei ist völlig offen wie schnell Infrastrukturprojekte wirksam werden. Reichen die Erfahrungen aus den Konjunkturpaketen seit 2010 nicht?
    Welchen Sinn sollen Eurobonds haben, wenn die Kapitalanleger, die reichen Griechen, Spanier, Italiener, Deutsche usw., ihre Geldvermögen rentierlich anlegen wollen? Die Geldvermögen übersteigen die Staatsschulden in der Eurozone um mehr als das Doppelte. Sie können also gar nicht ihr ganzes Kapital in die Staatsschulden ihrer Staaten investieren. Noch weniger könnte die Kapitalflucht in die vermeintlich sicheren Häfen gelingen. Wohin sollten die Italiener, die Franzosen oder die Deutschen ihr Kapital hintragen? Etwa nach Luxemburg, die Schweiz oder wohin?
    Wann denken die Politiker, die Banker oder /und die Wirtschaftsredakteure darüber nach, dass Schulden und Vermögen sich auf den Cent ausgleichen. Was wird aus den Vermögen, wenn es keine Schulden mehr geben sollte? Dann gibt es auch keine Bonds mehr. Wer findet die erste praktikable Lösung?
    Der Mainstream wird das nicht bringen. Haben wir bald eine Zwangsbewirtschaftung der Kapitalflüsse? Scheinbar läuft es darauf hinaus. Haben die Finanzmarkteilnehmer gar keine Angst vor den Folgen ihrer wüsten Spekulationen? Die mit Gewinnabsichten herbeigeführte Eurokrise hat das Potential, das Weltfinanzsystem aus den Angeln zu heben. Wer beschreibt als erster die Folgen oder wollen dann wieder alle überrascht sein und von nichts gewusst haben?

    • André Kühnlenz
      24. Mai 2012 um 16:40 | #16

      Ja, ist ernst gemeint. Welches Problem fragen Sie, das Problem der Kapitalflucht. Während die Märkte es bis 2007/2008 nicht geschafft haben, zwischen der Bonität der Staaten hinreichend zu differenzieren, gibt es aktuell kein Halt mehr, der die Kapitalflucht stoppt. Die Märkte übertrieben vorher und sie übertreiben heute…

      • Alex
        25. Mai 2012 um 07:16 | #17

        Wer legt fest, was Übertreibung ist und was angemessen? Ich würde meine Altervorsorge jedenfalls nicht in Griechenland oder auch Spanien anlegen.

        Was wir hier haben, das ist eine Vertrauenskrise. Und das Kapital flieht nach Deutschland, weil Deutschland relativ(!) vertrauenswürdiger erscheint. Die Krisenländer erscheinen auch deshalb als nicht vertrauenswürdig, weil Ihnen eine all zu laxe Einstellung zu Abmachungen/Regelungen unterstellt wird. Im Fall von Griechenland völlig zu Recht. Wie vertrauenswürdig ist eigentlich die Euro-Zone insgesamt langfristig, wenn der Club Med diese dominiert?

        Sarrazin hat recht: Entweder die Krisenländer werden wie Deutschland (oder wir werden wie sie) oder alles bricht auseinander. Ob mit oder ohne Euro-Bonds. Mit Euro-Bonds wird es nur teurer für uns.

        Alex

      • André Kühnlenz
        26. Mai 2012 um 16:26 | #18

        Natürlich kann man Übertreibungen nicht objektiv messen, aber wenn die Zinsen innerhalb eines Monats um ein, zwei Prozentpunkte steigen, dann würde ich schon von Panikverkäufen der Anleger sprechen. Das gilt es zu unterbinden… Gemeinschaftsanleihen sind nicht die Lösung der Krise, doch sie helfen dabei, einen Schritt voran zu kommen….

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