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[MarktWirtschaft] Vergesst den Wachstumspakt – es ist die Austerität, die nicht funktioniert!

26. Mai 2012

Dirk Elsner hat eine Debatte in deutschen Blogs angestoßen, weil ihn die Austeritätsdebatte so sehr nervt (hier und hier). Sein Frust ist durchaus nachvollziehbar, nur ist er grundlegend falsch. (Siehe auch Wiesaussieht und Wirtschaftsphilosoph).

Es ist nun mal ein Unterschied, ob man die Wirtschaft aus der Sicht eines Unternehmens oder eines Privathaushalts betrachtet oder den Blick auf die Gesamtwirtschaft richtet. Private Schuldverhältnisse sind nun mal was anderes als gesamtwirtschaftliche Schulden. Da reicht es eben nicht aus, zu sagen, ich komme aus der Praxis (oder in Dirks Fall, dass er näher an der Praxis dran ist, als all die ganzen „Makrofritzen“…) und finde die ganze Debatte deswegen “wenig produktiv” oder “entrückt von der Realität”.

Es sind eben zwei Seiten der Medaille und beide folgen sehr oft ihrer eigenen Logik. Eine Seite auszublenden ist weder für die Praktiker gut. Noch ist es für den Makrotheoretiker sinnvoll, betriebswirtschaftliche oder praktische Dinge auszublenden, wie es Dirk am Beispiel der Konjunkturprogramme der Bundesregierung ja durchaus richtig schildert. Genauso gefährlich ist es für Makroökonomen, die Finanzwirtschaft aus dem Denken auszublenden oder sie als primitive Spekulation zu brandmarken.

Klar, wird derzeit darüber diskutiert, ob wir in Europa einen Wachstumspakt brauchen. Das ist aber gar nicht der entscheidende Punkt. Ich bin da sogar auf der Seite von Daniel Gros, der sagt, in den vergangenen Jahren haben gerade die Randländer soviel in Infrastruktur investiert, die brauchen gar keine Konjunkturprogramme mehr…

Es geht um etwas anderes! Eigentlich dürften Regierungen in den Randstaaten jetzt eben überhaupt nicht sparen. Sie müssen es viel später tun.

Wenn es für ein Unternehmen oder einen Privathaushalt betriebswirtschaftlich richtig ist, keine Schulden zu machen, muss es nicht richtig sein, das 1:1 auf die Gesamtwirtschaft zu übertragen. Um es sehr vereinfacht zu sagen, wenn Unternehmen und Haushalte ihre Verschuldung abbauen (weil gerade eine Kreditblase geplatzt ist wie in Spanien), sie also sparen, dann muss und kann der Staat neue Schulden machen.

Das ist die einfache Arithmetik, die Stephan Ewald in seiner Antwort auf Dirk meint. Und ein Staat kann sich das sogar leisten, denn wenn Haushalte und Unternehmen in ihrer Gesamtheit sparen, wo sollen sie dann ihr Erspartes anlegen außer in Staatsanleihen ihres Staates? Das erklärt auch, weshalb in Japan die Zinsen seit Jahren so niedrig sind. Erst, wenn Unternehmen und Haushalte auf Kredit ihre Ausgaben erhöhen, ja dann muss und kann der Staat sparen.

Nun ist die Frage, weshalb erlauben die Investoren an den Kapitalmärkten es Ländern wie Deutschland, den USA, Großbritannien oder Japan, dass dort derzeit die Staatsschulden steigen und steigen, und nichts passiert. Dagegen müssen Spanien oder Italien ran, nur noch Sparen und Sparen, was die Wirtschaft in die Krise und möglicherweise sogar in die Depression drückt und schlussendlich den Vertrauensverlust nur noch mehr steigert und am Ende die Schulden noch stärker steigen lässt.

Gerade der Vergleich von Spanien und Großbritannien, den Paul de Grauwe immer wieder bringt, zeigt deutlich, dass es hier nicht unbedingt um Länder geht, die mehr oder weniger über ihre Verhältnisse gelebt haben. Beide Länder haben seit der Jahrtausendwende ähnliche Übertreibungen auf dem Immobilienmarkt erlebt.

Es geht darum, dass in Großbritannien über die eigene Währung und über die Notenbank im Rücken ein Mechanismus wirkt, der irgendwann immer eine Kapitalflucht stoppt. Im Euro-Raum hat nur Deutschland als größte Wirtschaftsmacht dieses Privileg. Auch Frankreich und die Niederlande werden davon nicht verschont bleiben, was Italien und Spanien jetzt erleben.

Was die Spanier, Italiener und Franzosen, was der Euro-Raum jetzt braucht, sind keine Wachstumspakete mit Kleckerbeträgen oder irgendwelchen Projektbonds, sondern eine Streckung der Sparziele. Dafür brauchen wir jedoch entweder Gemeinschaftsanleihen und höchstwahrscheinlich die EZB als Kreditgeberin der letzten Instanz für Staaten, um die Kapitalflucht zu stoppen.

Wie man in besseren Zeiten, die Staaten dazu kriegt, dass sie tatsächlich sparen, diese Frage wird dadurch natürlich nicht gelöst. Durch heftige Sparprogramme aber auch nicht, sie machen alles nur noch schlimmer – egal wie sehr sie sich jetzt in Frankfurt oder Berlin nach Jahrzehnten vergeblicher Müh darüber freuen, endlich Strukturreformen am Euro-Rand in Gang zu setzen.

  1. John Doe
    1. Juni 2012 um 14:23

    Sehr geehrter Herr Fritsche,

    was ist am Washington Consensus falsch? Hat er nicht schon im Zuge der Tequila-Krise und der wenig später auftretenden Asienkrise, wegen des dort auftretenden Typus der Finanzkrise, versagt? Es waren damals gesunde Staaten betroffen und wurden unter den W. C. gezwungen. In welchen EU Ländern versagt er ebenfalls, weil die Voraussetzungen nicht erfüllt sind.

    Alle diese Länder haben sich doch extrem dem Finanzkapital geöffnet, wie der W.C. es fordert. Fördert der W.C. damit nicht die Verschuldung aller Lebensbereiche, denn das viele Kapital muss doch irgendwie und irgendwo und zu irgendwas untergebracht werden?

    Wachstum sei das Ziel. Die Zeitreihe der Wachstumszahlen weist das Gegenteil aus. Sie sinken seit Jahrzehnten kontinuierlich gegen Null. Dagegen hat sich der Schuldenstand in allen Wirtschaftsbereichen, wie private Haushalte, Wirtschaft, Staat, Finanzindustrie, weltweit kontinuierlich erhöht. Mission accomlished, wohl kaum.

    Wettbewerb soll gefördert werden. Die ETH Zürich hat heraus gefunden, das nur rund 147 global agierende Unternehmen knapp 50 % der weltweiten Wirtschaftleistung kontrollieren. 9 Finanzunternehmen in den USA halten 54 % aller dortigen “assets”. Der Weg geht doch eindeutig hin zu Oligopolen, mission accomplished, wohl kaum.

    Zur Vorstellung der Segnungen des W.C. hinsichtlich der Nivellierung der Einkommensunterschiede und der Armut braucht nicht viel gesagt werden. Wer dauerhaft Einkommenssenkungen der breiten Masse fordert, der braucht sich nicht wundern, dass auch hier mission failed heraus kommt.

    Nachfragedrosselung und Kürzung der Staatsausgaben durch Fiskal-, Kredit- und Geldpolitiken. Was passiert, wenn diese Nachfrage und die Ausgaben wegfallen? Wer gleicht diese Drosselung aus?

    Was passiert wohl, wenn die Forderung des W.C. umgesetzt wird, alle öffentlichen Unternehmen und Einrichtungen zu privatisieren? Mit einem Ausgleich wäre ja Nichts gewonnen, siehe Wachstum, Höhere Renten, mehr Straßenbau, Schienen, Stromnetze? An jeder Ecke also eine Mautstelle?

    Was treibt bloß die “Eliten”, wohl auch die auf der jetzigen Bilderbergerkonferenz in den USA, dazu den W. C. auf Teufel komm raus um setzen zu wollen?

  2. Fabian Fritzsche
    30. Mai 2012 um 08:35

    R.B. :
    Ich finde, dass Sie beide gut argumentieren und bin bzw. wäre vollkommen bei Ihnen wenn Sie mir folgende Bedenken zerstreuen könnten.
    Das Ende der Sparbemühungen bedeutet keine zusätzlichen Transfers, keine neuen Risiken und keine neuen Bürgschaften für Deutschland.

    Das mit den Transfers ist leider nicht so einfach. Innerhalb einer Währungsunion können Leistungsbilanzungleichgewichte nicht mehr über Wechselkursschwankungen ausgeglichen werden. Die Anpassung muss daher entweder über Arbeitskräftewanderung oder über Transfers stattfinden – oder man verhindert von vornherein zu große Leistungsbilanzungleichgewichte. Bedingt durch Sprachbarrieren ist die Arbeitsmobilität in der Eurozone relativ gering (und wohl auch nicht gewünscht, dass nun Spanier und Griechen zu 100 Tausdenden nach Mitteleuropa kommen). Freiwillige Transfers sind ebenfalls nicht erwünscht. Bliebe also die Möglichkeit, Ungleichgewichte direkt zu verhindern, wass jedoch eine größere Koordination voraussetzt: Die Lohnstückkosten müssen dann ungefähr mit der Zielinflation steigen. Dies bedeutet übrigens nicht, dass “faule” oder “ineffiziente” Volkswirtschaften belohnt werden. Dort steigt die Produktivität nut langsam und damit dürften auch die Reallöhne nur wenig steigen, während die Reallöhne in Ländernr mit hohem Produktivitätsfortschritt entsprechend stärker steigen dürften. Davon sind wir aber auch weit entfernt. Als Konsequenz wird es dann zu Transfers kommen, aber unfreiwilligen. Der griechische Schuldenschnitt war so einer.

    Die bessere Alternative wäre es da m.E. die Länder wieder auf Wachstumskurs zu bringen und die Ungleichgewichte mittelfristig über Lohnmoderation in Südeuropa (wobei Griechenland hier eh ein Sonderfall ist) und etwas stärkere Lohnerhöhungen in Deutschland (also so wie zuletzt geschehen) abzubauen.

    Unabhängig davon geht es gar nicht um das “Ende der Sparbemühungen”, wie Sie schreiben. Vielmehr geht es ja gerade darum, die Staatsfinanzen langfristig in Ordnung zu bringen, was über kurzfristige Ausgabenkürzungen nicht funktioniert. Bei einer Wirtschaft im freien Fall, kann der Staatshaushalt nicht ausgeglichen sein und das hektische Ausgabenkürzen verringert zudem das Wachstumspotenzial (die vielen spanischen Arbeitslosen verlieren nach und nach ihre Qualifikation, es wird an nötigen Investitionen und an Bildung gespart etc.), was die langfristige Solvenz verschlechtert und nicht verbessert.

  3. Fabian Fritzsche
    30. Mai 2012 um 08:17

    R.B. :
    @Fabian Fritsche:
    Sie schreiben:
    „Der andere Punkt betrifft das “über die Verhältnisse leben”, was gerne auch von Deutschland behauptet wird.“
    Ich weiß nicht was daran falsch ist. Natürlich haben manche Nationen über Ihre Verhältnisse gelebt. Wie wäre sonst die Immobilienkrise in Spanien oder die Schuldenkrise in Griechenland entstanden? Das lag doch daran, dass der Zins zu niedrig war und die Inflation zu stark gestiegen ist. Oder versteh ich da etwas nicht?

    Ja, sage ich doch auch: Einige haben über ihre Verhältnisse gelebt, was aber nur geht, wenn andere – namentlich Deutschland – unter ihren Verhältnissen leben. Deutschland hat eben nicht, wie oft behauptet über, sondern unter den eigenen Möglichkeiten gelebt, also mehr produziert als selbst verbraucht.

    Niedrige Zinsen, da die Märkte zu der Zeit keine Risikodifferenzierung betrieben haben, mag ein Grund sein. Die Inflation aber war höher, eben weil die Wirtschaft boomte, die Arbeitslosigkeit sank und damit die Löhne kräftig stiegen. Die Inflation war also Folge und nicht Ursache.

  4. R.B.
    29. Mai 2012 um 22:30

    Ich (= Durchschnitt-Deutscher-Steuerzahler) halte den Beitrag von Dirk Elner für nicht schlecht und kann seinen Frust über die Makro-Ökonomie durchaus nachvollziehen.
    Es gibt kein Argument ohne ein oder mehrere gute Gegenargumente.
    Es gibt im Wesentlichen zwei unterschiedliche Denkschulen, die sich aufs Heftigste bekämpfen. Die Gegenüberstellung habe ich noch nirgends besser gelesen wie in dem rhetorisch und analytisch brillanten Artikel von Hrn. Uwe Jean Heuser (bei Dirk verlinkt).
    Die schillerndste/interessante Figur in der deutschen Bloggerszene (weissgarnix) hat ja bekanntlich frustriert (leider) seinen Blog geschlossen.

    Wenn ich den Artikel von Hrn. Kühnlenz und die Antwort von Hrn. Fabian Fritzsche mit meinen eigenen Worten zusammenfasse, dann würden die ungefähr so lauten:
    Sparen war gestern, Ausgeben ist heute, konsolidiert wird morgen und/oder übermorgen.
    Flankiert durch die EZB.

    Ich finde, dass Sie beide gut argumentieren und bin bzw. wäre vollkommen bei Ihnen wenn Sie mir folgende Bedenken zerstreuen könnten.

    Das Ende der Sparbemühungen bedeutet keine zusätzlichen Transfers, keine neuen Risiken und keine neuen Bürgschaften für Deutschland.

    Die von der EZB geforderten Aktionen führen nicht zu einer Erhöhung des Inflationsrisikos und nicht zu einer Blasenbildung.

    Wenn das aber der Fall ist, dann kann man sich das als Deutscher ja auch durchaus von der Seitenlinie aus anschauen. Sprich z.B. die Länder die meinen Euro-Bonds und/oder Bruegel-Bonds und/oder ESBies einführen glauben zu müssen, sollen das eben machen. Man muss ja nicht überall mit dabeisein. Ein Vorschlag auf den in Bezug auf Eurobonds übrigens die FTD das Copyright hat.

    @Fabian Fritsche:
    Sie schreiben:
    „Der andere Punkt betrifft das “über die Verhältnisse leben”, was gerne auch von Deutschland behauptet wird.“
    Ich weiß nicht was daran falsch ist. Natürlich haben manche Nationen über Ihre Verhältnisse gelebt. Wie wäre sonst die Immobilienkrise in Spanien oder die Schuldenkrise in Griechenland entstanden? Das lag doch daran, dass der Zins zu niedrig war und die Inflation zu stark gestiegen ist. Oder versteh ich da etwas nicht?

  5. Fabian Fritzsche
    29. Mai 2012 um 09:27

    Zustimmung und noch zwei Puntke Ergänzung.

    Zum einen für Leute, die gerne Formeln mögen. Das BIP kann aufgeschrieben werden als Y=C+G+I+Ex-Im oder als Y+C+S+T, kann in jedem VWL-Lehrbuch nachgelesen werden.

    Die beiden setzen wir gleich und formen etwas um und erhalten:

    (I-S)+(G-T)+(Ex-Im)=0.

    Nun gilt global Ex=Im, die Leistungsbilanz der Eurozone insgesamt ist auch ausgeglichen und da alle westlichen Länder mehr oder weniger in der Krise sind, ist Wachstum über Exporte auch kurzfristig kaum möglich und sinnvoll. Wir können den Term daher der Einfachheit streichen. Was bleibt ist dann, wenn die geplanten Ersparnisse der Haushalte größer sind als die geplanten Investitionen, muss der Staat ein Defizit aufweisen.

    Versucht der Staat, seinen Haushalt unter allen Umständen auszugleichen, kürzt also immer weiter, sinkt das BIP, bis die Ersparnis S einfach so niedrig ist, dass sie den geringen Investitionen I entspricht. Keine sehr gute Lösung.

    Der andere Punkt betrifft das “über die Verhältnisse leben”, was gerne auch von Deutschland behauptet wird. Tatsächlich kann man m.E. nur davon sprechen, wenn ein Land mehr verbraucht, als es selbst produziert, also ein Leistungsbilanzdefizit vorliegt. Dies ist jedoch logischerweise nicht für alle möglich, die Leistungsbilanz der Erde ist ausgeglichen. Es können also nur dann einige über ihren Verhältnissen leben, wenn andere darunter leben. Dies ist jedoch kaum dauerhaft möglich, da “über den Verhältnissen leben” impliziert, dass die Auslandsverbindlichkeiten der Volkswirtschaft steigen. Irgendwann ist dann eine Grenze erreicht, langfristig müssen also alle Volkswirtschaften in ihren Verhältnissen leben. Und dies gilt sowohl für die Südeuropäer, die darüber gelebt haben, als auch für Deutschland,welches unter den eigenen Verhältnissen lebt.

    Ach doch noch ein dritter Punkt. Es gibt in der Geschichte zahlreiche Beispiele für Staaten, die ihre Staatsschuldenquoten deutlich gesenkt haben (Spanien und Irland bis 2007 etwa) und es gibt per se keinen Grund anzunehmen, dass dies heute nicht mehr möglich sein sollte. Die gerne aufgestellte Behauptung, dass Staaten in schlechten Zeiten viele Schulden machen und in guten dennoch keine Schulden abbauen, ist so nicht richtig oder allenfalls bezogen auf das Nominalvolumen, was jedoch irrelevant ist.

  1. 29. Mai 2012 um 11:16
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