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Die Kolumne – Angst verschießen Elfmeter

1. Juni 2012

Wirtschaft soll ja zu 50 Prozent Psychologie sein. Völliger Quatsch. Wenn das irgendwo gilt, dann bei den harten Jungs im Fußball – ein in der Branche bislang völlig unterschätztes Potenzial.

Der Mann hat im Einkauf 24 Mio. Euro gekostet, kriegt im Monat fast so viel wie unsere Kanzlerin im Jahr, hat in seiner Karriere wahrscheinlich schon 3000 Elfmeter verwandelt – und haut in zwei entscheidenden Spielen das Ding nicht rein. Wobei wir aus Pietätsgründen gegenüber dem FC Bayern hier nicht weitere Details nennen wollen – zumal so kurz vor dem EM-Start unserer Jungs. Nur so viel, der Mann heißt Arjen Robben, und Bayern hat dadurch dieses Jahr keinen einzigen Titel geholt.

Die Nerven! Ludwig Erhard hat gesagt, die Wirtschaft sei zu 50 Prozent Psychologie, was stark übertrieben ist. Der Chinese stellt ja den Kauf deutscher Präzisionsfräsmaschinen nicht gleich ein, wenn er mal Migräne hat. Das ist bei Fußballern anders. Und es könnte ein unterschätztes Phänomen sein, das Manager und Trainer im Kerlesport viel zu wenig nutzen. Da ist Potenzial für therapeutische Turniererfolge.

Mentaler Leistungsabfall

Natürlich ist wichtig, dass Fußballer einen Ball über 40 Meter an den Fuß des Mitspielers schießen, die Kugel aus fünf Metern unter (nicht über) die Latte zirkeln, die Viererkette zählen, viel rennen und im richtigen Moment zum Kopfball abheben können.

Die Frage ist nur, warum dieselben Balltalente eine Saison gegen den Abstieg – und ein paar Monate später um die Champions League spielen, wie in der abgelaufenen Saison die Angestellten von Borussia Mönchengladbach. Oder sich Hertha BSC bis Dezember konstant nahe Platz zehn hielt, um mit fast identischer Besetzung ab Januar einzubrechen und abzusteigen. Was auch nicht nur an der plötzlich fehlenden Genialität des geflüchteten Trainers liegen kann (der ja SAP Hoffenheim anschließend auch drei Plätze heruntertrainierte).

Kuriose Zyklen kennt selbst der FC Barcelona, der vor fünf Jahren plötzlich titellos kriselte: mit demselben Trainer Frank Rijkaard, der kurz davor noch Meisterschaft und Champions League geholt hatte; mit denselben Ballgöttern Messi, Iniesta und Xavi, die danach wieder jeden in den Wahnsinn kombinierten. Kopfsache?

Aus der Trefferquote von Wettabgaben lässt sich ableiten, dass nur rund 50 Prozent der Spielergebnisse im Fußball erklärbar und erwartbar scheinen. Der Rest müsse Zufall sein, vermuten die beiden Sportökonomen Jörn Quitzau von der Berenberg Bank und Henning Vöpel vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut. Gut möglich, dass ein Teil dieses Zufalls Psychologie ist. Wobei auch in den Wetten schon einiges an psychologischen Annahmen stecken dürfte: etwa „Die haben gerade einen Lauf“. Genau messbar ist das nicht, aber auch nicht unwahrscheinlich, dass in Wahrheit Fußball zu 50 Prozent Kopfsache ist.

Eine Erklärung für derart kollektiv-seelisch bedingte Leistungsschwankungen sehen die beiden Sportökonomen darin, dass Fußballer von einem Phänomen namens Verlustangst gepackt werden können, wie sie der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann erforscht hat: Danach hat der Mensch einfach mehr Angst, etwas zu verlieren, als nicht zu bekommen, was er noch nicht hat. Das könnte erklären, warum Teams im Abstiegskampf oft mental auseinanderfallen. Und warum gerade gute Spieler wie Arjen Robben beim entscheidenden Strafstoß plötzlich versagen. Oder warum der DFB-Pokal eigene Gesetze hat: Weil dort Kleine gegen Große spielen, von denen nur die Großen Angst vor Verlust haben – und die Kleinen plötzlich ungeahnte Kunst zeigen.

Das könnte auch erklären, warum angeschlagene Mannschaften wie zuletzt Hertha BSC am Ende auswärts besser spielen – wo nicht so viele eigene Fans sind – als zu Hause, wo die Erwartungshaltung einfach zu hoch ist. Wenn es gut läuft, trägt die Begeisterung der eigenen Fans zu neuen Siegen. Wenn nicht, wird der Heimvorteil schnell zum Nachteil.

Wie tief so etwas wirken kann, zeigt sich bei einem Phänomen, das erst mal etwas esoterisch wirkt: der Aura von Stadien. Wer einmal in Barcelona im Camp Nou mit seinen knapp 100000 unüberdachten Sitzplätzen war, ahnt, was das ist. Da schwingen Jahrzehnte Weltfußball in den Rängen mit. Was es bedeutet, so etwas (Ähnliches) zu verlieren, spürt gerade ein Verein mit, sagen wir, vergleichbarer Grundveranlagung. Seit Alemannia Aachen 2009 vom gefürchteten Tivoli mit all den eingeübten Ritualen und familiär vererbten Blöcken in das schöne, aber seelenlose neue Stadion gezogen ist, ist der Heimspielbonus weg. Im alten Stadion schossen die Spieler im Schnitt pro Saison zuletzt 15 Tore mehr, als sie reinbekamen; im neuen treffen plötzlich die Gegner mehr (siehe Grafik).

Ein Schock. Der auch nicht daher kommen kann, dass wegen des teuren Baus kaum mehr in gute Spieler investiert wurde – warum sollte der Leistungsabfall zu Hause dann größer sein als auswärts? Da wirken eher Heimatverlust, Verlustangst und kontraproduktiver Unmut mancher Fans.

Für übereifrige Vereinsführungen könnte die Seelenlehre sein, eher mal das alte Stadion zu sanieren, als ein neues hinzusetzen. Das hat beim FC St. Pauli und bei Union Berlin den Heimbonus erhalten. Gegen Nervenflattern beim Elfer empfehlen Neurologen derweil die Aktivierung entsprechend beruhigend wirkender Gehirnhälften durch Faustballen. Gegen verselbstständigte depressive Wellen wirke, Spieler an ihre genialen Momente zu erinnern, sagt Sportpsychologe Werner Mickler – um gegen das innere Schlechtreden und vermeintliche Serienregeln à la „Jetzt droht die x-te Niederlage in Folge“ anzugehen, die sich sonst rasch selbst erfüllen.

Ungeliebter Seelenklempner

Das spielerische Können scheint beim Fußball in relativ bescheidenem Verhältnis zu einer Menge anderer Faktoren zu stehen, von denen viele psychologisch verankert sind. Das ganz abzuschalten wäre sicher blöd, ist ja auch im richtigen Leben so. Ein bisschen weniger Psychodrama wäre im Einzelfall allerdings schön, oder?

Das Problem sei, dass es in kaum einem anderen Sport so viel Berührungsangst mit Psychologen gebe, sagt Carsten Schünemann, Konditionstrainer der Fußballakademie bei Hertha und vorher Betreuer von Golf-, Hockey- und Volleyballprofis: weil Fußballer gleich den Seelenklempner wähnen und die Trainer eine Schwächung ihrer Autorität befürchten. Nur ein paar Fußballbundesligisten leisten sich feste Psychologen. Da wird lieber dreimal in der Saison der Trainer gewechselt, obwohl solche Wechsel nach einschlägigen wissenschaftlichen Studien erschreckend selten eine Wende zum Besseren bringen.

Dass Engländer beim Elferschießen immer versagen und wir einfach eine Turniermannschaft sind, kann als gedanklich-mentale Stütze durchaus helfen. Solange es nicht zu Verlustangst führt. Da sollten wir unsere Jungs bloß nicht dran erinnern, dass der heutige Chef von Arjen Robben auch mal in einem EM-Endspiel einen Elfer ganz, na ja, leicht danebengeschossen hat. Jetzt siegt mal schön.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. R.B.
    3. Juni 2012 um 11:05

    Kompliment zu dem Artikel Hr. Fricke. Das meine ich jetzt ganz im Ernst. An Ihnen ist ja ein begnadeter Sportjournalist verloren gegangen.

    Für mich waren die Dortmunder die größte Überraschung der vergangen Saison. Nicht, dass sie das Double geholt haben, auch nicht dass sie den FC Bayern München nach Belieben besiegt haben (muss ich als Bayern Fan leider konstatieren), sondern, dass sie in der Champions-League so gnadenlos untergegangen sind. Eigentlich schwer erklärbar. Gleiche Spieler. Gleicher Trainer. Gleiche Taktik. Also doch die Psychologie, sozusagen der “Krampf” im Kopf, nicht in den Beinen.
    Die deutsche Nationalmannschaft hat zur Zeit sensationell gute Spieler – so oder so ähnlich ließ sich Phillipp Lahm vor Kurzem im Interview vernehmen. Wenn sie bei der EM nur nicht mal sensationell untergehen.
    Wir werden sehen: “Die Wahrheit liegt auf dem Platz”.

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