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Wir leiden unter der Welt – was scheren uns da die Details?

11. Juni 2012

Unsere geschätzten Kollegen vom Handelsblatt respektive ihr sendungsbewußter Chefredakteur fanden das schöne Cover vom Economist offenbar nicht so nett – und legen heute die nächste Ausgabe aus der Reihe “Wir verteidigen unsere lieben deutschen Politiker und Währungshüter” nach. Das spiegelt per se schon ein merkwürdiges Verständnis von kritischem Journalismus. Es verführt im aktuellen deutschen Ambiente - Leitmotiv: alles Welt will uns böses – aber auch zu ziemlichem Unfug.Da wird unser Bundesbankpräsident mittlerweile standardweise mit dem Adjektiv “standhaft” geführt – was ebenso vorauseilend wertend ist wie das ebenso mögliche Adjektiv “stur”.  Da wird mal eben ein “Sparen wie Merkel” postuliert – obwohl unsere werte Kanzlerin in ihrer Amtszeit kein einziges großes Sparpaket gemacht hat, sondern im Gegenteil Konjunkturpakete, als Deutschland ebenfalls in der Rezession war. Und da wird mal schnell als “Wahrheit” deklariert, dass die Euro-Krisenländer “den Nachfrageeinbruch infolge der Finanzkrise 2008/09 noch mit keynesianischen Konjunkturprogrammen bekämpft” haben – was für ein groteskes Geplapper: von den Krisenländern hat kein einziges damals ein großes Konjunkturprogramm gemacht, das waren die Deutschen, siehe oben.

Da wird auch eifrig dargelegt, die EZB habe “wie die Bundesbank” als Ziel “allein die Preisstabilität”. Erstens hat die Bundesbank laut Statut gar nicht zum Ziel gehabt, die Preise zu stabilisieren,  sondern die Währung. Zweitens ist das ohnehin falsch: die EZB soll laut Statut und Vertrag vorrangig (nicht allein) das Ziel stabiler Preise verfolgen – und wenn das erfüllt ist, ausdrücklich die allgemeine Wirtschaftspolitik unterstützen. Dazu gehört laut Vertrag ausdrücklich auch, das reibungslose Funktionieren des Finanzsystems zu fördern. Da ist es schon stark, einfach mal zu suggerieren, die EZB breche Regeln und Tabus - nur weil es ins tränenreiche Lamento über die isolierten Deutschen passt. In solchen Krisenzeiten hat übrigens auch die Bundesbank einst 1992/93 mal Prinzip Prinzip sein lassen und Garantien ausgesprochen (damals für den Franc), um eine Marktpanik zu stoppen.

Vielleicht spiegelt all das aber auch das tiefere deutsche Problem dieser Wochen und Monate: wer so schlecht und unglaubwürdig argumentiert und die Krise nur als Moralveranstaltung versteht, darf sich nicht wundern, dass er so isoliert dasteht.

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  1. wetec
    13. Juni 2012 um 18:34 | #1

    Ein Land wie Deutschland, das so mächtig ist, ohne einen einzigen schuss abgeben zu müssen, souveränen Staaten und Handelspartnern eine Politik aufzwingen zu können, die die Mehrheit der betroffenen Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut führt, hätte zweifelsohne aufgrund seiner Machtfülle auch die Möglichkeit, die “Krisen” im Sinne der Bevölkerung gegen die wenigen Profiteure zu beenden.
    Warum also folgt Merkel zielstrebig und beratungsresistent ihrer Vernichtungsideologie?

    Weil sie es will, und weil sie es kann!!!

    Das mächtige Deutschland hat nämlich eine zusätzliche Krise. Die Vereinnahmung der gebildeten Schicht durch die Finanzherrschaft, der kooperierenden Politik und deren zuträglichen, Intelektuellen Wissenschaftlern.
    Deren gekaufte Forschungen und Meinungen haben inzwischen weitestgehend Lehrer, Politiker; Schriftsteller und Journalisten marktkonform anästhesiert.

    Angesichts der überragenden Finanzmacht, der korrupten Politik und der Macht der profitierenden Medienkonzere scheint die Mehrheit der Menschen der Verarmung geweiht.
    Doch ist es letztendlich nur eine winzige Minderheit unserer Gesellschaft, die dem Spuk ein jähes Ende bereiten kann.
    Investigativer Journalismus hatte Deutschland aufgrund seiner sozialen Strukturen zu einen weltweit bewunderten Land gemacht.
    Der heutige deutsche Journalismus, befördert er fast einhellig die Merkelpolitik, schadet nicht nur dem, in Jahrzehnten aufgebauten Ansehen unserer Nation und unserer Wirtschaft, sondern ist auch mitverandwortlich für Millionen von Arbeitslosen in Europa.

    Nun ist sicherlich nicht zu erwarten, dass die Journalie in nächster Zeit Merkel und ihre Goldman Sachs- Berater in der Luft zereisst, aber Ihr Ton, Herr Fricke, hat spürbar angezogen. Das weckt Hoffnungen.

  2. Traumschau
    12. Juni 2012 um 13:32 | #2

    Sehr guter Artikel! Hätte die EZB zu Beginn der Krise – unter strengen Auflagen – für alle Anleihen garantiert bzw. die Staaten von den Finanzmärkten entkoppelt, wäre die Krise nicht eskaliert und die Staaten hätten mit AUGENMASS die notwendigen Strukturmassnahmen angehen können anstatt durch die Kamikaze-Politik der Troika kaputt gemacht zu werden.
    Die Spekulation auf Anleihen bzw. auf die Pleite von Staaten via CDS wäre SOFORT beendet gewesen und hätte die Steuerzahler wahrscheinlich nichts gekostet.
    Warum diese Politik immer noch fortgesetzt wird und zugleich immer noch keine ernstzunehmende Regulierung der Finanzmärkte erfolgt, ist entweder einer ideologisch verblendeten Vision eines geeinten neoliberalen Europas und/oder schlichter Ignoranz und Dummheit geschuldet. Wenn man wenigstens ETWAS dazu lernen würde, aber es ist ohnehin zu spät …

  3. Peter Noack
    12. Juni 2012 um 12:40 | #3

    Immer wieder werden die Wirtschaftsphänomene aus der Alltagserfahrung bewertet. Wo sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse als Grundlage von Wertugen und für Politik? Man mag ja Angebotstheoretiker und Nachfragetheoretiker gegenüberstellen und sich positionieren. Die Weltwirtschaft ist jedoch eine Ganze. Wo sind die ganzheitlichen Ansätze, die auch die Basis für Angebots- bzw. Nachfragetheorien sind? Inflationsziel oder Wachstumsziel der Notenbanken haben in der Realökonomie ihre Begründung. Hier geht es um optimierte Wirtaschaftspolitik, die beide Ziele in einen Zusammenhang bringt. Wo gibt es diese Politik? Welche Weltwirtschaftslehre begründet diese Wirtschaftspopliti? Dieser Paradigmenwechsel ist überfällig! Der übliche Streit bringt keine Lösung. Ist das endlich klar?

  4. 12. Juni 2012 um 11:45 | #4

    @ Frank Schönborn
    Offensichtlich leben Sie in einer Welt, in der der Glauben den Blick auf die Fakten trübt. Es haben weder Linke, noch Gutmenschen, noch Phantasten, noch Keynsianer oder Nachfrage Ökonomen über ihre Verhältnisse gelebt oder deren Glaubensgegner beansprucht. Es waren und sind die marktliberalen Monetaristen und konservative ordnungspolitische neoliberale Ideologen, die Europa und die Welt gemeinsam mit Bankstern vor die Wand fahren lassen. Und die Zeche zahlen alle, nur nicht die, die sie verursacht haben. Die glauben immer noch die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.

  5. Take-it-away-Jay-Emm-Kay
    11. Juni 2012 um 23:59 | #5

    Musste lauthals lachen als Ich das gelesen habe. Das Handelsblatt ist seit jeher so erbärmlich schlecht (vergleichbar mit dem Open Editorial Board des WSJ), dass Ich es selbstverständlich ignoriere.

    Deshalb ist es schön, dass Sie, Herr Fricke, die Drecksarbeit machen und diesen unerhörten Schwachsinn zu lesen, und es mit uns teilen.

    Vielleicht sollte man doch mal Handelsblatt lesen, der Entertainment Faktor ist offensichtlich ziemlich hoch – wenn man denn billigste radikal-rechte Propaganda als unterhaltsam einstufen will.

    P.S. Das Cover des Economist war natürlich ein Klassiker, fast so lustig wie die alternative Realität, die sich das Handelsblatt erschaffen hat :D

  6. alter bekannter
    11. Juni 2012 um 14:46 | #6

    Lieber Herr Fricke, ich glaube Sie haben nichts von Mehmet Scholl gelernt … Der hat letztens auch zu Recht Mario Gomez kritisiert – und dann ist er wieder zurück gerudert. Fraktionsdisziplin ist eben auch ein Wert. Allerdings ein fragwürdiger.

  7. Frank Schonborn
    11. Juni 2012 um 13:57 | #7

    Alle die erwähnten Details mögen ja richtig sein, aber sind diese auch relevant für eine nachhaltige Bekämpfung der Krisenursachen?
    Zugegeben, hier befinden wir uns in einem Wettbewerb der unterschiedlichen “Lehren”. Wenn man eher der Ordnungspolitik vertraut als Ihrem Konzept der Nachfragesteuerung, und wenn man sieht, dass ersteres in einer aufgeklärten Gesellschaft auch noch besser funktioniert, warum sollte man in das Lager derer wechseln, welche bei der Implementierung “ihres Glaubens” all zu häufig über ihre Verhältnisse leben und dann die Hilfe der “Glaubensgegner” beanspruchen müssen?

    • 12. Juni 2012 um 12:43 | #8

      Frank Schonborn :
      Alle die erwähnten Details mögen ja richtig sein, aber sind diese auch relevant für eine nachhaltige Bekämpfung der Krisenursachen?

      Welche wären das denn? Die Staatsverschuldung jedenfalls nicht, sondern die Finanzkrise und die deregulierten Märkte. Diese zu reregulieren ist eine Ordnungspolitische Aufgabe. D.h. das was hier als Ordnungspolitik verkauft wird ist doch eigentlich das genaue Gegenteil. Es werden mit den Maßnahmen Regeln und Ordnungen abgeschafft und nicht funktionierenden Märkten überlassen.
      Die versprochenen Wirkungen der jetztigen Politik sind auch ausgeblieben: Die Staatschulden steigen wegen wegbrechender Wirtschaftsleistung und damit niedrigen Steuereinnahmen. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Bevölkerung, allen voran der Mittelstand verarmt, Die Wirtschaft liegt am Boden.

      Zugegeben, hier befinden wir uns in einem Wettbewerb der unterschiedlichen “Lehren”. Wenn man eher der Ordnungspolitik vertraut als Ihrem Konzept der Nachfragesteuerung, und wenn man sieht, dass ersteres in einer aufgeklärten Gesellschaft auch noch besser funktioniert, warum sollte man in das Lager derer wechseln, welche bei der Implementierung “ihres Glaubens” all zu häufig über ihre Verhältnisse leben und dann die Hilfe der “Glaubensgegner” beanspruchen müssen?

      Das hat nichts mit Lagern zu tun, sondern dass die Erklärungen einige für diese Entwicklung keine überzeugenden Erklärungen liefern können, sondern nur ideologisch argumentieren.
      Und es hat etwas mit Mathematik zu tun, wonach die Leistungsbilanzen der Welt immer ausgeglichen sein müssen, d.h. wenn jemand zuviel exportiert muss es immer jemand geben, der zuviel importiert und sich damit verschuldet.

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