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Diskussionen sind Gift

14. Juni 2012

Unter dem Titel „Alles fließt“ hat Bundesbankpräsident Jens Weidmann heute eine Rede gehalten, in der es um vieles ging, was sich bitte nicht verändern soll. Es ging um die Balance von Haftung und Kontrolle in Europa, 

um eine mögliche Fiskalunion oder eine Rückkehr zu Maastricht. Die Stimme des Bundesbankpräsidenten wird gehört, weil die Bundesbank mächtig ist und bei den Deutschen ein hohes Ansehen genießt. So ist es interessant zu hören, dass er den 500 Millionen Europäern immerhin die Freiheit lassen will, zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen, wie ihre Zukunft aussehen kann – echte Fiskalunion oder Maastricht, eben. Bitte entscheidet doch selbst!

Für welche Mannschaft in diesem Europa sein Herz schlägt ist auch klar und ist ja auch ok. Die Deutschen mag er mehr als die anderen: „Mein Eindruck ist, dass man in Deutschland wesentlich aufgeschlossener gegenüber der Abgabe nationaler Souveränität ist als in vielen Partnerländern.“ Wir sind eben die besseren Europäer. Allerdings folgt wenig später die Feststellung: „Dabei hat sich in der jüngeren Vergangenheit gezeigt, dass in der Währungsunion Deutschlands Interessen durch bestehende Verträge und ein deutsches Vetorecht geschützt sind.“ Also Abgabe nationaler Souveränität – ja bitte! Aber bitte schön nur mit deutschem Vetorecht…

Man wird doch seine Meinung sagen dürfen. Dann sagt Weidmann laut Redemanuskript aber noch diesen Satz über das Vertrauen in die Notenbank: „Diskussion über den Nutzen höherer Inflationsziele oder eines erweiterten Mandats der Geldpolitik, so fruchtlos sie auch sein mögen, sind für dieses Vertrauen Gift.“

Abgesehen von dem etwas schrägen Bild: Die Diskussion ist also „fruchtlos“, aber trotzdem „Gift“. Dann eben keine Diskussion mehr! Wir hätten nur noch sagen wollen, dass eine höhere deutsche Inflation vielleicht den Krisenländern die Anpassung erleichtern könnte. Aber wir sind ja schon still.

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  1. 14. Juni 2012 um 19:12

    Wenn es so war, dass sich laut der Rede von Herrn Weidmann, nichts ändern soll, so hat er damit gut ein deutsches Grundbedürfnis getroffen: “Bitte keine Änderungen”.
    Aber davon einmal ganz unabhängig. Das Argument Inflation wird immer wieder angeführt, ohne sich einmal näher inhaltlich mit der Inflation zu befassen. Kummuliert betrug die Inflation seit Gründung der Bundesrepublik wohl über 500%. Eine fürchterliche Zahl! Aber wie passt eine solch hohe Inflation zu unserem Wohlstand, jedenfalls wenn wir unseren aktuellen Wohlstand mit den Lebensumständen der 60-iger Jahre (frühere Jahre habe ich nicht selbst erlebt) vergleichen.Mir ist schon bewusst, dass so einfach gestrikte Vergleiche “hinken”; noch fataler erscheint es mir aber undifferenziert immer wieder das Schreckgespenst Inflation anzuführen.

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