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Ungeklärte Haftungsfrage bei Banken – und bei Ökonomen

20. Juni 2012

Die Finanz- und Schuldenkrise hat neue Fragen aufgeworfen, darüber, wie gut die Ratschläge der Ökonomen vorher waren. Die meisten Ökonomen sehen die Krise als Bestätigung für das, was sie vorher schon wussten: Entweder dafür, dass der Kapitalismus eben immer schon zu Krisen neigt, oder dass es zu viel Regulierung und Staatsschulden gibt. Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI, fordert nach der Krise ein Umdenken. 

Einiges habe er früher offenbar falsch eingeschätzt, sagt er. Straubhaar bezeichnet sich als Liberalen, der eher weniger Sozialstaat, als mehr fordert und dem Markt grundsätzlich schon vertraut. Am Dienstag hat Straubhaar eine Veranstaltung der FTD zusammen mit dem Global Climate Forum in Berlin genutzt, seine Position zu erklären, die er vor einigen Wochen bereits in einem FTD-Interview angesprochen hatte.

„Die Krise hat gezeigt, dass es Systemrelevanz gibt“, so Straubhaar. „Banken können so groß werden, dass sie andere in Mitleidenschaft ziehen können. Ihre Handlungen haben Auswirkungen auf andere, für die sie nicht haften. Welche Ausmaße das haben kann, war vor der Krise nicht klar.“

 Nun gibt es in Deutschland eine ganze Reihe von Ökonomen, denen es um die reine Lehre geht. Sie fordern, Banken pleite gehen zu lassen, um ein Exempel zu statuieren. Oder sie fordern, Länder mit Hilfs- und Währungsentzug zu betrafen, damit ihnen klar wird, dass sie sich in Zukunft nicht mehr so sehr verschulden wie früher. Hier kommt Straubhaar nicht mehr mit: „Ich fühle mich unwohl dabei, wenn ich in gesicherter Stellung anderen, die für ihre Entscheidungen haften müssen, Ratschläge dafür gebe, was sie tun sollen. Ich bin als Wissenschaftler für meine Ratschläge und Forderungen nicht in Haftung. Das muss ich mir bewusst sein.“

Wissenschaftler sollten bescheidener werden mit Lösungen und Forderungen, für die sie keine Verantwortung tragen. „Meine Reputation hängt nicht von meinen falschen oder richtigen Ratschlägen an die Politik ab.“ Dass die Mechanismen der Wissenschaft eine wirksame Kontrolle sein können, höre Straubhaar zwar oft. Aber er kann es nicht mehr hören: „Was dort zählt, ist die Anzahl der Publikationen, nicht ihre Relevanz.“

Da hat Straubhaar einen wunden Punkt der Ökonomen getroffen: Ökonomen lieben es inzwischen nämlich, zu kritisieren, dass Haftung und Kontrolle überll auseinanderklaffen. Banker gehen Risiken ein, und haften nicht dafür. Politiker verschulden sich, und lassen die Steuerzahler die Schulden bezahlen. Das geht nicht, das sollte nicht sein. Haften aber denn Ökonomen für ihre Handlungen, nämlich ihre (mitunter falschen) Ratschläge? Nein, denn sie sind nur der Wahrheit und der Wissenschaft verpflichtet.

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  1. Marktradikaler
    20. Juni 2012 um 16:03

    John Doe,

    “Beispielhaft erzählen erzählen marktradikale Gurus gerne die Geschichte von der Marktbereinigung als Naturgesetz. Durch was wird dieses Naturgesetz in der Finanzwirtschaft zum Nullum?.”

    Na vielleicht durch die unbedeutenden staatlichen Eingriffe wie Rettungsschirme für Banken. Ein “Marktradikaler”, also jemand der möchte, dass die gesellschaftliche Ordnung auf freiwilligen Tausch und friedlicher Kooperation basiert statt auf Zwang und Gewalt ist notwendigerweise dagegen und für ihn gibt es auch keine “Systemrelevanz”. Leider gibt es unter deutschen Ökonomen keine “Martradikalen”, sondern bestenfalls Leute, die ab und zu mal “Markt ist gut” sagen aber darunter gar nicht nicht das verstehen, was ich gerade genannt habe.

    • John Doe
      20. Juni 2012 um 19:13

      Ist Ihre Auffassung nun ein Naturgesetz oder nurvon philosphischer Provience oder ist sie als gesellschaftliche Kategorie zu klassifizieren? Welche Vorbedingungen müssen Sie stellen, damit es zu dem gewünschten Ergebnis kommt? Müssen Sie nicht, damit es zum gewünschten Ergebnis kommt, zirkuläre Logik betreiben? Das Ganze klingt sehr nach der Schmonzette von Ayn Rand. Dort haben sich die Auserwählten in ein geheimes Tal irgendwo in Colorado zurück gezogen und betreiben dort untereinander Tauschhandel mit landwirtschaftlichen Gütern. Schwebt Ihnen dieser Urzustand ohne Machtunterschiede vor?

      Zu den Rettungsschirmen noch eine Bemerkung. Die Eingriffe des Staates sind nicht aus Jux und Tollerei gemacht worden. Führen Sie einfach mal die Kategorie des “wem nützt es” ein und Sie werden schnell feststellen, dass hier eigennützige Interessen und Machtverhältnisse bedient werden. Gäbe es das demokratisch verfasste Gemeinwesen nicht, dann würde einfach der verfasste Feudalismus, die Diktatur die Aufgabe genau so gut erledigen.

      Gibt es in Ihrer Welt dann ein System, welches ohne Macht über oder gegen den Anderen auskommt? Wie kann das Verhältnis ohne Macht aus sehen, wenn es Eigentum und Nichteigentum gibt? Wie viel zirkuläre Logik ist dabei nötig um zu einem “Ergebnis” zu kommen?

    • John Doe
      21. Juni 2012 um 11:17

      Guten Morgen Marktradikaler,

      heute möchte ich das Thema, die Voraussetzung einer Haftung von falschen Empfehlungen, etwas konreter zu machen.

      Ist das Paretosche Optimum nur eine „moderne Dummheit mit Methode“ wenn es von sich behauptet:

      Der individuelle Nutzen wird deshalb durch Tausch optimiert (maximiert), weil der Markt das Einkommen gerecht verteilt, und er verteilt es deshalb gerecht, weil der Tausch den Nutzen optimiert (maximiert).

  2. Nemo
    20. Juni 2012 um 14:59

    Dass Wissenschaftler lediglich der Wahrheit verpflichtet wären, erscheint mir als ein so nobler wie abwegiger Satz. Wissenschaft agiert nicht im Vakuum, sondern ereignet sich in Gesellschaften, bei denen es primär um Geld, Macht und Ruhm geht. Das macht vor keinem Institut, keiner Universität und keiner Akademie Halt, schon gar nicht im Zeitalter der Drittmittelanbetung. Geistige Unabhängigkeit ist viel leichter gesagt als gegeben.
    Straubhaar wirkt durchaus wie ein seltenes Exemplar unter den fröhlichen Wirtschaftswissenschaftlern. Er denkt, revidiert und tastet sich erneut voran. Die meisten seiner Kollegen pinseln ungerührt und plappern unentwegt, während sich die reale Welt entgegen ihren Theorien und Deutungsgrundsätzen verhält. Irrtümer können sie sich wie anderen kaum eingestehen, auch weil die Anwendung mathematischer Methoden das Trugbid von einer exakten Naturwissenschaft erzeugt hat. Zugleich verharrt man in bequemen Denkschulen, verstärkt durch ein Wissenschaftssystem, in dessen Zentrum die Peergroup, also das Treiben der Glaubensbrüder steht, und eben nicht die Freiheit und geistige Autonomie des Einzelnen und der Wissenschaft. Den Normgeist vom wissenschaftlichen Revolutionär trennt soviel wie den Politiker vom Staatsmann.

  3. John Doe
    20. Juni 2012 um 14:19

    Sehr geehrter Herr Beyerle,

    “Entweder dafür, dass der Kapitalismus eben immer schon zu Krisen neigt, oder dass es zu viel Regulierung und Staatsschulden gibt.”

    zu kurz gefasst, es geht letztlich um die Frage, wieviel “Politik” mit dem jeweiligen Ansatz transportiert werden soll. Es geht auch um die Frage, ob in den Aussagen der jeweiligen Denker wie viel zirkuläre Logik vorhanden ist, sie ihre Aussagen beweisen, indem sie die eigenen Aussagen zum Beweis ihrer Aussage heran ziehen. Es geht auch um das Selbstverständnis der Denker und wie sie ihre Denke hypertrophieren müssen um dem eigenen Selbstverständnis nach innen und aussen gerecht zu werden.

    Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich die mainstream “Denker” (Hayekaner, Randanisten) selbstkritisch fragen würden, ob sie nicht Sozialwissenschaft, eine quasi Religion, betreiben, sie nicht mit Naturgesetzen, hantieren, sondern mit Interessen von Menschen. Sie sollten sich die Frage stellen, was passiert, wenn der Mensch nicht mehr in der Natur vorkommt, die Physik weiter gilt, ihr “natürlicher” Ansatz dann noch Gültigkeit hat.

    Herr Beyerle, hat die “natürliche” Ordnung der heutigen Lehre noch allgemeine, über Zeit und Raum hinaus,wie die Plattentektonik, Gültigkeit, wenn der Mensch aus dem System Erde genommen wird? Welche Folgen ergeben sich dann für die Erkenntnisse der herrschenden Lehre?

    Beispielhaft erzählen erzählen marktradikale Gurus gerne die Geschichte von der Marktbereinigung als Naturgesetz. Durch was wird dieses Naturgesetz in der Finanzwirtschaft zum Nullum?.

    Können oder wollen die WiWi´s und ihre Apologeten in Politik, Wirtschaft, Medien, Gesellschaft sich mit diesen Fragen beschäftigen?

  4. 20. Juni 2012 um 13:11

    Ökonomen haften wie Journalisten nicht finanziell für ihre Ratschläge, verdienen aber als echte Wissenschaftler auch nicht daran (wenn sie keine Auftragsforschung betreiben, die transparent gemacht werden sollte). Reputationsverluste kann es hingegen in der Tat geben, z. B. bei Herrn Straubhaar. Bei den Bankern ist das Problem, dass sie bei gutem Ausgang sehr hohe Boni kassieren, bei schlechtem aber auch (vielleicht nicht ganz so hoch, doch zurückgezahlt wird nichts). Bankaktionäre werden auch meist gerettet und ihre Haftung ist in jedem Fall beschränkt. Politiker haften ebenfalls nicht finanziell, sondern werden meist aus ganz anderen Gründen abgewählt (z. B. weil sie weniger leere Versprechungen machen als andere).

  1. 20. Juni 2012 um 23:45
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