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David Milleker – Der Trend zur Renationalisierung und seine Konsequenzen

4. Juli 2012

Die Rückkehr des Protektionismus in die Weltwirtschaft ist mit nicht zu unterschätzenden Gefahren verbunden.

Seit 2008 beinhaltet jede Abschlusserklärung der G20-Treffen die deutliche Absage an (Handels-)Protektionismus. Die Erklärung des jüngsten Treffens von 18./19. Juni 2012 bildet da keine Ausnahme. Doch wie bei so vielem anderen auch sagen Taten häufig mehr als Worte: Sowohl die Daten der Welthandelsorganisation (WTO) wie auch der vom Center for Economic Policy Research (CEPR) koordinierte Global Trade Alert (GTA) zeigen eine deutliche Zunahme von Maßnahmen, die ausländische Geschäftsinteressen gegenüber heimischen benachteiligen. Die im Juni 2012 veröffentlichte Ausgabe des GTA zeigt 1082 solcher diskriminierender Maßnahmen, die seit November 2008 implementiert wurden und gegenwärtig noch in Kraft sind. Das Gros und mit steigender Tendenz übrigens von Mitgliedern der G20.

Ebenfalls auffällig, wenn auch nicht ausschließlich auf die eingangs genannten Maßnahmen zurückzuführen, ist ein merkliches Nachlassen des globalen Integrationstempos auf real- wie auf finanzwirtschaftlicher Ebene. Wuchs der reale Welthandel vor 2008 etwa doppelt so schnell wie die reale Wirtschaftsleistung der Welt, bewegen sich seit 2009 beide parallel zueinander. Noch wesentlich extremer ist die Entwicklung auf der finanzwirtschaftlichen Ebene. Zwischen 1992 und 2008 nahm der Bestand an grenzüberschreitenden Krediten relativ zur Wirtschaftsleistung unter den G20-Staaten von 16,5 auf 43,6 Prozent zu, um dann bis Ende 2011 wieder auf 32,9 Prozent zurückzugehen.

Gerade weil er so stark ausgeprägt ist (übrigens zwischen den Mitgliedsstaaten des Euro-Raums weit stärker als sonst auf der Welt) sollte man letzteren Effekt nicht aus dem Auge verlieren. Eine Reihe von uns durchgeführter statistischer Tests kommt etwa zu dem Ergebnis, dass die starke Ausweitung des grenzüberschreitenden Kreditverkehrs mit demEntstehen der weltweiten (Leistungsbilanz-)Ungleichgewichte vor 2008 nicht bloß im Zusammenhang stand, sondern sogar ursächlich dafür gewesen ist. Der deutliche Rückgang des grenzüberschreitenden Kreditverkehrs seither dürfte somit perspektivisch eine deutlich abgesenkte Toleranzschwelle für die Tragfähigkeit derartiger Ungleichgewichtszustände mit sich bringen.

Es gibt wenige Punkte, über die sich Ökonomen so einig sind wie darüber, dass freier Warenverkehr zwischen Volkswirtschaften für alle beteiligten Länder wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt, auch wenn es innerhalb von Volkswirtschaften dabei immer Gewinner und Verlierer geben wird.

Was bei dieser Betrachtung jedoch (zu) häufig unter den Tisch fällt, ist ein Aspekt, auf den etwa der Harvard-Ökonom Dani Rodrik mehrfach deutlich hingewiesen hat: Je tiefer die Integration zwischen Volkswirtschaften ist, desto weitreichender ist auch der Abstimmungsbedarf zwischen ihnen, um keine großen Schieflagen entstehen zu lassen.

Die Euro-Krise ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Mit Binnenmarkt und gemeinsamer Währung sind die Mitgliedsstaaten der Europäischen Währungsunion (EWU) wirtschaftlich viel tiefer integriert als sonst ein Wirtschaftsraum jenseits eines Nationalstaats, politisch jedoch weit weniger integriert als ein Nationalstaat. Damit fehlen allerdings auch jegliche Instanzen, die einem Ausufern von Schieflagen Grenzen setzen wie auch die Stabilisatoren, die einmal notwendig gewordene Korrekturen in der Schärfe ihrer Konsequenzen abmildern. Wie schwer man sich damit tut, den notwendigen Abstimmungsbedarf innerhalb eines Währungsraums ohne entsprechende Konfliktbewältigungsinstitutionen und Automatismen zu organisieren, kann man gegenwärtig jeden Monat in den Hauptnachrichten bewundern, wenn sich die europäischen Staats- und Regierungschefs wieder zum Gipfeltreffen einfinden.

Die primäre Konsequenz eines anhaltenden Trends zu einer stärkeren Renationalisierung der Weltwirtschaft wäre ohne Frage zunächst einmal der langfristige Verlust an Effizienz ebenso wie die Friktionsverluste, die dadurch entstehen, dass etwa Lieferketten zerbrechen oder umgestellt werden müssten. Dem stehen dann freilich ein reduzierter Komplexitätsgrad und ein verminderter wirtschaftspolitischer Abstimmungsaufwand gegenüber.

Wie bei so vielem in der Ökonomie geht es letztlich auch hier um eine Abwägungsfrage zwischen Alternativen. Freilich sollte man sich dessen bewusst sein, dass die Welt gegenwärtig Stück für Stück dabei ist, eine gänzlich andere Marschroute einzuschlagen, als dies in den vergangenen Jahrzehnten seit dem zweiten Weltkrieg bis 2008 der Fall war.

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  1. Peter Noack
    6. Juli 2012 um 10:31

    Es mag Herrn Milleker so scheinen, dass Renationalisierung der gegenwärtige Wirtschaftstrend sei. Worin liegen denn dann die ökonomischen Ursachen? In der Erscheinungswelt der Wirtschaft, Realwirtschaft und Finanzwirtschaft, sind derartige Tendenzen vorhanden. Trotz aller Globalisierung waren diese jedoch niemals völlig verschwunden. Schwingt das Pendel des letzten Jahrzehnts nur zeitweilig in die andere Richtung?
    Was ist also des Pudels Kern? Die Staatsschuldenkrise im Euroraum hat es für jeden Interessierten deutlich sichtbar gemacht: Jedes kleinere oder größere ökonomische Problem betrifft über die vielfältigen Wirtschaftsverflechtungen immer gleich die ganze Welt. Auch Asien oder Amerika fühlen sich von der Krise in Europa bedroht. Aus Angst folgt Renationalisierung, was denn sonst? Was sagen die Ökonomen dazu? Sie halten an ihren tradierten Volkswirtschaftslehren fest. Auch das ist völlig normal, so lange keine neuen Lehren verfügbar sind. Damit ist jedoch auch klar und einsichtig, dass neue Lehren nötig sind! Worin muss der Paradigmenwechsel bestehen? Es muss eine ganzheitliche Weltwirtschaftslehre begründet werden, die Realwirtschaft und Finazwirtschaft als zwei Seiten der selben Wirtschaft zusammenführt. In dieser ganzheitlichen Weltwirtschaftslehre gibt es keine externen Schocks mehr, weil diese Bestandteil der Märkte, Güter und Dienstleistungsmärkte bzw. der Finanzmärkte der Welt sind. Damit ist auch gesagt, dass heutige ökonomische Wissenschaft nicht auf der Höhe der Aufgaben steht. Daran ändern sämtliche Nobelpreisträger für Ökonomie nichts mehr.
    Welche ökonomische Theorie besteht für den Hochfrequenzhandel an Finanzmärkten? Dieser Handel verläuft mit fast Lichtgeschwindigkeit. Was war denn die Konsequenz des Lichtdualismus für die klassische Physik? Wer arbeitet an einer relativistischen Ökonomie? Das ist die Aufgabe. Werden Ökonomen verstehen, was gerade gefordert wurde? Das kann eher nicht der Fall sein, weil dazu sämtliche erkenntnistheoretischen Grundlagen in der ökonomischen Forschung und Lehre fehlen. Wer arbeitet daran? Die dazu erforderlichen Erkenntnisse kann man nicht sehen oder durch Umfragen ableiten. Das ist reine Abstraktion, reine Gedankenarbeit. Wer kann das noch? Wer hat soetwas auf der Uni noch studiert? Die Lösung wird unausbleiblich sein. Bis dahin werden alle Irrtümer vollzogen und sämtliche Irrwege und Sackgassen durchschritten.
    Leute macht euch Gedanken! Fangt an!!!

  2. Thomas Reis
    5. Juli 2012 um 18:56

    Eigentlich ist es doch kein Wunder, dass der Begrif “Freihandel” in ein trübes Licht gerät, denn jeder versteht darunter eigentlich nur die Freiheit für die eigenen Handelsvorteile und vergisst allzu gern die Freiheit für die Handelsvorteile anderer. Auf den Abbau von Handelshemmnissen für den Import möglichst billiger Rohstoffe zu drängen, ist dann durchaus opportun, wenn es um den Import fertiger Waren geht, sieht die Sache bereits sehr viel anders aus, was sich erneut grundlegend wandelt, wenn die heimische Wirtschaft selbst von Exporten abhängig ist. Im Grunde genommen sind wir doch alle die gleichen Nationalisten geblieben, die wir bereits vor 100 Jahren gewesen sind, nur mit dem Unterschied, dass wir alle gleichzeitig versuchen, die Globalisierung zu unserem einseitigen Vorteil zu nutzen. Den Begriff “Re”-nationalisierung finde ich daher reichlich schräg.

  3. Sebastian Gechert
    4. Juli 2012 um 17:00

    Sehr geehrter Herr Milleker,

    gibt es zu dem Zusammenhang zwischen Kreditverflechtung und LB-Ungleichgewichten im Euroraum eine zitierbare Studie?

    Beste Grüße
    Sebastian Gechert

    • David F. Milleker
      6. Juli 2012 um 09:49

      Ich werde die Untersuchung im Oktober auf der FMM-Konferenz vorstellen.

      http://www.boeckler.de/4990_39284.htm

      Natürlich gibt’s dann dazu auch ein zitierfähiges Konferenzpapier.

  4. 4. Juli 2012 um 13:26

    Interessante Aussage, die zunächst auch sehr logisch nachvollziehbar klingt: “Eine Reihe von uns durchgeführter statistischer Tests kommt etwa zu dem Ergebnis, dass die starke Ausweitung des grenzüberschreitenden Kreditverkehrs mit demEntstehen der weltweiten (Leistungsbilanz-)Ungleichgewichte vor 2008 nicht bloß im Zusammenhang stand, sondern sogar ursächlich dafür gewesen ist.”
    Kredite ermöglichen ja auch c.p. mehr einseitigen Handel. Wenn man daraus Folgerungen ableiten möchte, müsste man dann nicht zwischen den Verwendungszweck der Kredite unterscheiden: konsumtiv, investiv, Umschuldung? Des weiteren: Würden Kredite investiv verwendet, müsste man dann nicht einen anderen Time-Lag bei der Feststellung eine Zusammenhangs von Kreditausweitung, Leistungsbilanzungleichgewichte betrachten? Sind diese Aspekte in den Untersuchungen berücksichtigt? Würde mich sehr interessieren. Dank im voraus.

    • David F. Milleker
      6. Juli 2012 um 09:59

      Ich hatte mich hier zur Thematik der Leistungsbilanzanpassung geäußert.

      http://wirtschaftswunder.ftd.de/2012/06/07/der-uberschatzte-wechselkurs/

      Wenn man “investive Verwendung” jetzt mal mit “gute Leistungsbilanzanpassung” übersetzt, käme man bei Betrachtung der Daten zu dem Schluss, dass es eigentlich nie “gute Leistungsanpassungen” gibt oder nie “investive Verwendungen”. Ich würde allerdings eher der These zuneigen, dass zwar viele Leistungsbilanzdefizite zwar aufgrund von “investiven Verwendungen” zustande kommen, nur leider die entsprechenden Investitionen nicht in dem Sinne produktiv sind, dass sie sich auch tragen können, vulgo Überinvestitionen darstellen (zumindest im Falle extrem hoher Leistungsbilanzdefizite).

      Was die angesprochene Untersuchung angeht, ist die Antwort auf Ihre Frage aber klar zu verneinen. Wir haben uns ausschließlich den Zusammenhang Leistungsbilanzen und Cross-Border-Krediten angeschaut. Wie die Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite zustande kamen, war nicht Teil der Untersuchung.

      • 11. Juli 2012 um 10:20

        Etwas verspätet, aber danke für die Beantwortung, Herr Milleker. Ihre These zu den Überinvestitionen ist interessant. Diese sollte meiner Meinung nach bei künftigen Interpretation mit berücksichtigt werden. Ihrem Artikel zur Leistungsbilanzanpassung kann ich zustimmen. Wichtig ist insbesondere, dass er darauf hinweist bei Interpretationen zukünftig nicht immer “alte” monokausale Argumentationsketten zu verwenden.

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