Startseite > Chefökonom > Ökonomenstreit – Krugman bekehrt, der Gegenaufruf hat sein Ziel erreicht

Ökonomenstreit – Krugman bekehrt, der Gegenaufruf hat sein Ziel erreicht

11. Juli 2012

In der FTD hatten wir am Dienstag bereits einige prominente ausländische Ökonomen, die sich fassungslos wegen des Aufrufs gezeigt hatten. Selbst zu Nobelpreisträger Paul Krugman ist die Debatte inzwischen durchgedrungen, der ihr in seinem Blog einen kleinen Beitrag gewidmet hat – mit der Aufforderung an die mittlerweile 219 “Sinners”, Buße zu tun und zu widerrufen.

Dass Krugman eine solche Steilvorlage aufnehmen und entsprechend einordnen würde, ist eigentlich ein No-Brainer. Trotzdem lustig. Hier ist der Blog-Eintrag. Die “Sinners”, wie Krugman die Unterzeichner nennt, sollten seiner Ansicht nach ihre Unterschriften zurückziehen. Inhaltlich stellt sich Krugman auf die Seite des Gegenaufrufs, räumt jedoch ein, dass die “Sünder” um Sinn in der öffentlichen Debatte in Deutschland freilich die Oberhand hätten.

Mit Blick auf die beiden Unterschriftenlisten ist das jedoch weit weniger eindeutig: Beide Aufrufe haben bis heute mehr als 200 Unterstützer gefunden. Wobei Frank Heinemann und die 14 Erstunterzeichner des Gegenaufrufs nun bekannt gegeben haben, die Liste schließen zu wollen. “Wir waren erfolgreich darin die Öffentlichkeit im In- und Ausland zu informieren, dass viele deutschsprachige Ökonomen eine Bankenunion mit gemeinsamer Bankenaufsicht für sinnvoll halten. Damit ist das Ziel erreicht”, heißt es im Post Skriptum der Stellungnahme.

Wie man die mindestens zehn Doppelunterzeichner da jetzt auseinander dividiert, weiß ich nicht. Ist aber wohl auch nicht so wichtig. Dank einer ganzen Reihe von Mails (ein paar waren auch sachlich) habe ich in den letzten Tagen erfahren, dass es zwischen den beiden Aufrufen eine recht große Schnittmenge geben soll. Und dass es letztlich kein großes Problem sei, wenn man da überall seine Unterschrift drunter setzt – selbst wenn die eine Stellungnahme die EU-Gipfelbeschlüsse als Weg “in die richtige Richtung” wähnt und das andere Dokument die Ergebnisse kategorisch als “falsch” bezeichnet.

Dass die zweite Stellungnahme “der ersten diametral entgegengesetzt” ist, findet in einem sehr lesenswerten Kommentar in der neuen “Zeit” übrigens auch der Bonner Ökonom Manfred Neumann, Doktorvater von Bundesbank-Häuptling Jens Weidmann. Er schreibt ebenfalls, dass der Gegenaufruf in die richtige Richtung weise – hält ihn allerdings für zu naiv. Weil er ignoriert, wie schwer es wirtschaftspolitisch ist, den Bankensektor am Ende aufzuräumen.  Das dürfte vor allem den Nerv der Sinner treffen. Schnittmenge gefunden?

About these ads
  1. Alatheia
    12. Juli 2012 um 10:04

    Ich finde bezeichnend, dass der Gegenaufruf wie seine Unterstützer/inn/en auf die zentrale Frage mit keinem Wort eingehen: Wie sollen die 12 Billionen von denen der Eurobond-Gegner Aufruf spricht gegebenfalls jemals bezahlt werden – und von wem?

    12 Bio – 3 Bio Staats- und 9 Bio Bankenschulden bei den Südländern, dies behauptet der erste Aufruf offenbar zu Recht – und dies bezieht ja nicht einmal die Schulden der Nordländer mit ein! – was ist das eigentlich pro Kopf der Sparer/Einkommenserwerberinnen etc?!? Kann sich das noch jemand nur vorstellen, geschweige denn Auflösen?

    Dass niemand auf die derart brennende und offensichtliche Frage der Rückzahlung mit überprüfbaren und probablen Argumenten eingehen, geschweige denn eine Antwort geben kann, spricht doch sehr deutlich dafür, dass wir es hier mit einer Systemkrise zu tun haben – die offenbar um jeden Preis schöngeredet werden muss.

    Es ist absolut unbestreitbar – und wird auch nirgendwo bestritten, bloß nie ausformuliert – , dass mit diesen 9 Bio plus 3 Bio plus zig Bio die Zukunft europäischer Sozial- Gesundheits- Rentensysteme absolut in Gefahr ist.

    Dazu haben amerikanische “Starökonomen” tatsächlich nichts zu sagen, zumal man in den USA Gesundheits- und Sozialsicherungen sowieso auf völlig anderem Niveau ansetzt, als hier.

    Ich habe mich mein Leben lang gegen Antiamerikanismus und nationalistische Vorurteile eingesetzt – aber dass es auch gewisse Interessen und Interessengegensätze gibt, die bestimmte Schichten in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich betreffen – so eine Banalität muss man in einer Wirtschaftszeitung ja nun wirklich nicht verteidigen. Wenn solche banalen Erkenntnisse mit dem Attribut des rassistischen oder nationalistischen belegt werden, dann fällt das vor allem auf jene zurück, die hier zur Keule greifen, weil alle anderen verbalen Instrumente vor der Größe des offensichtlichen Problems versagen.

    • Peter Noack
      12. Juli 2012 um 11:12

      Es wird wohl den deutschen Ökonomen nicht mehr begreiflich zu machen sein, dass den Schulden von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten in centgleicher Höhe Guthaben, Vermögen, Geldanlagen gegenüberstehen.
      Noch einmal zum Verständnis: Diese 12 Bio. Schulden sind bereits bezahlt durch die Gläubiger. Werden sämtliche Schulden zurückbezahlt, haben die Vermögen keine Anlagemöglichkeit und können keine Zinsen verdienen. Das wusste schon A. Smith. Heute scheinen sich die Ökonomen nicht mehr so sicher! Das Zurückzahlen der Schulden bedeutet auf der anderen Seite des T – Kontos die Auflösung von Forderungen.Dann zeigt sich, was reiner Geldbesitz tatsächlich bedeutet, eine Illusion! Dennoch leiden viele an dieser Illusion.
      Warum werden Ökonomen rund um den Erdball diesen Zusammenhang nicht mehr begreifen? Sie wissen nicht was Geld ist und wie es in der Marktwirtschaft funktioniert. Man braucht nur ein beliebiges Buch über Geld und Kredit nehmen, z. B. Borchert oder Issing.
      Den Schulden von 12 Bio. Euro stehen in Italien ca. 3.600 Mrd. Euro Geldvermögen, in Spanien, Portugla und Griechenland ebenso ca. 3.600 Mrd. Euro und in Frankreich nochmal mindestens 3.600 Mrd, Euro reines Geldvermögen gegenüber. Dazu kommen dann von Deutschland, Holland und Belgien noch einmal mindestens 6,500 Mrd. Euro Geldvermögen dazu. Die reinen Geldvermögen der Eurozone sind etwa 18.000 Mrd. Euro. Die anderen Staaten der EU haben weitere 6.000 Mrd. Euro Geldvermögen. Zusammen haben alle Europäer der EU doppelt soviel Geldvermögen wie Schulden. Wer fragt: Wohin dieses Restvermögen ist? Wer fragt: Wie der Ausgleich von Vermögen und Schulden auf die einzelnen Staaten und Institute umgelegt werden kann?
      Die entscheidende Frage ist: Wie wollen die Politiker dafür sorgen, dass die Verursacherbanken die Folgen ihrer Fehlspekulationen selbst tragen und nicht die Steuerzahler? Die Antwort darauf wird wortreich vermieden. Wer fängt damit an? Los jetzt!

    • John Doe
      12. Juli 2012 um 12:20

      Guten Morgen Alatheia.

      neben der Frage nach der Rückzahlbarkeit ist die Frage noch interessanter, wie die 9 Billionen € “sonstige” Schulden überhaupt ins System gekommen sind. Wer ist hier der Adressat und mit welchem Anteil ist wer mit welchen Geschäftsmodellen daran beteiligt. Herrr Sinn hat die Verteilung in einigen Grafiken unter dem Titel sichtbar “Staats- und Bankschulden Ende 2011″ gemacht!

      Auslöser der zum Mythos herbei geschriebenen Staatsschuldenkrise ist immer der Anteil aus der Verschuldung privater Haushalte (subprime Krise), der eigenen Verschuldung des Finanzmarktes (Eigenhandel, Derivate), und der Realwirtschaft (Enron, LTCM, Lehman). Es wird von den Verfechtern des Mythos “Staatsschuldenkrise” mit keinem Wort auf die Methode der Hebelei im Bereich der 9 Billionen € eingegangen. Heute schlägt das Produkt des gehebelten geringen Anfangskapitals, mit dem Multiplikator “Hebel” versehen, in voller Höhe in der Realität zu. Aus fiktivem Kapital, welches bisher nur im OTC Bereich zirkulierte, wird jetzt reales Kapital. Der Faktor liegt bei bis zu 500 % des von den Gläubigern an den Finanzmarkt begebenen Anfangskapitals!

      Alle hinter und im Finanzmarkt stehenden Gläubiger sind nicht daran interssiert auf die bisherige Erwartung, jetzt mit der Rückzahlungsverpflichtung versehene realisierte Kapitalakkumulation, zu verzichten. Herrr Sinn hat die Verteilung in einigen Grafiken sichtbar gemacht. Die Reaktion kam promt, denn er hat den Finger in die Wunde gelegt. Ein Verrat an seiner bisherigen Klientel, wenn er ihnen die Verschleierung ihrer Motivlage unter die Nase hält!

      Die Geschichtsklitterung wird mit der Einführung des Wettbewerbsdogmas, Austerity genannt, auf die Spitze betrieben. Ich warte immer noch auf die Antwort, was die Löhne, der Kündigungsschutz, das Rentenalter mit den schiefgegangenen Geschäften der Finanzbranche, mit den gehebelten Geldern ihrer Gläubiger getätigt, zu tun haben.

      Die Motivlage wird noch klarer und harrt der Antwort, wie die Summen ins System gelangt sind, wenn ein Blick auf die Leistungen der Realwirtschaft, das Volumen des lizenzsierten Bankbereichs und das Volumen des unlizenzsierten Finanzbereichs geworfen wird. Quelle: BIZ:

      Realwirtschaft weltweit: $ 70 Trillion
      lizenzsierter. Finanzbereich weltweit: $ 60 Trillion
      unlizenzsierter. Finanzbereich weltweit: $ 702 Trillion

      Das Argument, die Finanzwirtschaft sei der Dienstleister der Realwirtschaft, entlarvt sich als mehr als töricht. Ein mieses Geschäft: Es sind $ 762 Trillion Kredite, an Kapital nötig gewesen, um ein realwirtschaftliches Volumen von gerademal $ 70 Trillion zu erwirtschaften. Diese Thematik hat Herr Sinn ebenfalls angesprochen, wie sind diese Summen ins System gekommen sind und wozu.

      Ob Herr Ohanian Antworten parat hat?

  2. Harald Münzhardt
    11. Juli 2012 um 19:35

    „Nur durch die Zerschlagung der Verbindung zwischen der Refinanzierung der Banken und der Zahlungsfähigkeit der nationalen Regierungen wird es möglich sein, um die Kreditversorgung in der Krise zu stabilisieren.“ Zitat Krugmann

    Auch wieder nur eine Meinung von vielen.

    1) Es ist keine momentane Krise, die Krise ist systembedingt!

    a) Der Euro ist ein Kunstprodukt, aus Furcht vor einer starken DM

    b) Er verhindert Kursanpassungen über nationale Währungen, je nach Wirtschaft

    c) Herr Krugmann, nennen Sie nur EINEN ökonomisch sinnvollen Grund für den EUR!

    2)

    12 Billionen Schulden?

    Bankrott für Deutschland!

    Ausführlicher Kommentar zu ähnlicher Auffassung von Prof. Eichengreen
    „Ökonomenstreit – Eichengreen kritisiert Sinn“
    wirtschaftswunder.ftd.de/2012/07/11/okonomenstreit-eichengreen-kritisiert-sinn/#comment-1071

  1. No trackbacks yet.
Die Kommentarfunktion ist geschlossen.
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 119 Followern an