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[MarktWirtschaft] Absurdes Sommertheater um EZB-Zinsziele: Viel Lärm um nichts!

21. August 2012

So einige haben sich am Montag verwundert die Augen gerieben. Könnte die EZB tatsächlich Zinsschwellen einführen, wie es immer wieder von einigen klugen Ökonomen gefordert wird. So berichtet es der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe – ohne dafür auch nur eine Quelle zu nennen. Doch war das alles so neu, was die Kollegen da geschrieben haben? Nein, natürlich war es das nicht.


Denn EZB-Chef Mario Draghi war es, der auf der Pressekonferenz am 2. August genau das bereits angekündigt hatte, dass die EZB darüber nachdenkt und auch Zinsschwellen erwägt. Da wurde Draghi nämlich gefragt: “(Y)ou said that you would buy as much as needed to reach an objective. Would you actually publish that objective? Would you announce a cap?”

Draghi antwortet darauf, nachdem er die Grundzüge des neuen Programms erläutert: „With respect to the rest of the issues you have raised, the Monetary Policy Committee, the Market Operations Committee and the Risk Management Committee will all work together and produce the details necessary for us to take an explicit formal decision.“

Es ist genau das, was der Spiegel am Montag geschrieben hat und worüber wir und andere bereits am 2. August berichtet hatten. Bis Ende nächster Woche erarbeiten die EZB-Committees die entsprechenden Details für das neue Aufkaufprogramm, damit es mit dem Mandat der Notenbank vereinbar ist. Die ganze Aufregung an den Märkten und den Medien scheint hochgradig absurd und kommt wohl von der heißen Sonne da draußen.

Nur in einem Punkt wurde der Spiegel etwas konkreter, wenn er schreibt, dass die Schwellen auf die Spreads, also die Zinsabstände zu Bundesanleihen, eingeführt werden könnten – auch wieder ohne eine Quelle zu nennen. Brauchen die Kollegen ja auch nicht, immerhin hat es ja Draghi bereits Anfang August angekündigt. Dass die Währungshüter dabei auch überlegen könnten, Schwellenwerte auf Spreads oder Zinsen einzuführen, das kann sich jeder selber zusammenreimen. Das Wort „cap“ lässt vieles offen.

Spannender als die Frage, ob es Ziele bei den Zinsen oder den Spreads gibt, ist jedoch die, wie und ob die Bundesbank mitzieht. Die deutsche Notenbank hat die Käufe immer abgelehnt, weil sie das Mandat (Preisstabilität) zu stark dehnen würden. Das heißt aber nicht, dass die Bundesbank der Mehrheit im EZB-Rat einen Verstoß gegen das Mandat vorwirft. Das ist ein wichtiger Punkt!

Auf einer Rede Anfang Juli hat Bundesbankchef Jens Weidmann klar gemacht, wo seine roten Linien verlaufen, die auf keinen Fall überschritten werden dürfen: „Unbegrenzte Staatsanleihekäufe oder eine Zentralbankfinanzierung der Rettungsschirme (‚Banklizenz’), wie sie immer wieder gefordert werden, dehnen nicht bloß das Mandat der Notenbanken, sie sind mit ihm unvereinbar. Denn sie würden mit dem Verbot der monetären Staatsfinanzierung kollidieren.“ Damit meint Weidmann, dass die EZB laut EU-Verträgen die Staatshaushalte nicht über die elektronische Notenpresse finanzieren darf.

Klar ist, dass die Bundesbank auch im September höchstwahrscheinlich gegen mögliche Käufe stimmen wird. Doch es geht noch um mehr! Es geht darum, worauf sich die Mehrheit im EZB-Rat einigen wird. Schaffen es die Euro-Notenbanker eine Kompromiss zu schließen, wonach es Zinsschwellen oder andere Regeln gibt, die in den Augen der Deutschen nicht das Verbot der monetären Staatsfinanzierung verletzen. Unbegrenzte Käufe können wir nach dem obigen Weidmann-Zitat schon einmal ausschließen – auch wenn Draghi auf der Presskonferenz sagte: „(R)egarding whether it’s unlimited or limited – we don’t know!“

Explizite Zinsschwellen dürften wohl auch gegen das Mandat verstoßen, auch wenn die Bundesbank sich im Moment mit einer öffentlichen Meinung dazu mit Respekt auf den Abstimmungsprozess noch zurückhält. Allein die Gefahr von juristischen Klagen aus Deutschland könnte die Notenbanker aber davon abhalten. Wer weiß, vielleicht läuft es am Ende auf implizite Zinsschwellen hinaus, bei denen die Märkte selber raten müssen, wo die Schwellen liegen. Denkbar wären auch gewisse Bandbreiten wie früher bei den Währungen des Europäischen Währungssystems.

Wir dürfen uns auf jeden Fall überraschen lassen. Am Ende dürfte einen Rahmenwerk herauskommen, das künftige Käufe effektiver machen könnte. Dass die Bundesbank, als Gralshüter der harten geldpolitischen Lehre am Ende dagegen stimmt, sollte auch keinen mehr überraschen. Draghis und Weidmanns deutliches Bekenntnis, den Euro als stabile Währung zu erhalten, („whatever it takes to preserve the euro as a stable currency has been unanimous“), sollten auch bei Investoren die letzten Zweifel vertreiben.

Anleger sollten ganz gelassen reagieren, wenn es im September auf der Pressekonferenz wieder heißt, Weidmann habe gegen Anleihekäufe gestimmt. Noch immer jammern zwar Kommentatoren in Deutschland gerne darüber, wie heute etwa in der Zeitung „Die Welt“, Weidmann sei Anfang August von Draghi der Lächerlichkeit preisgegeben worden, als er die Einwände der Bundesbank erwähnte. Sie vergessen dabei aber, dass dies genauso zwischen den beiden einflussreichsten Euro-Notenbankern auf Wunsch Weidmanns verabredet worden war und es könnte auch im September wieder so passieren.

Wir sollten es nicht als Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke der EZB interpretieren, dass sie Widersprüche aushalten kann. Was zählt is’ auf’m Platz! Die Notenbanker werden alles tun, was sie können. Eher haben die Regierungschefs noch eine Mammutaufgabe vor sich. Bis Ende des Jahres sollte die Roadmap mindestens zu einer Fiskal- und Bankenunion stehen, sonst können wir den Euro eh vergessen.

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  1. Harald Rooosen
    21. August 2012 um 19:14

    Ja , genau ohne die Roadmap können wir sowiso einpacken und wenn wir das nicht schaffen haben wirs auch nicht Verdient .

  2. dr. seltsam
    21. August 2012 um 19:02

    hallo andre, der spannende teil in der spiegel-meldung ist doch der hier, oder findest du nicht?:

    “Fest steht schon jetzt,
    dass die EZB bei ihren Anleihekäufen
    künftig mehr Transparenz üben wird.
    In Zukunft wird sie für jedes Land bekannt
    geben, in welchem Volumen sie
    dessen Anleihen vom Markt genommen
    hat. Diese Angaben sollen unmittelbar
    nach den Ankäufen veröffentlicht
    werden.”

    btw ganz frisch von jefferies:

    “And, anecdotally we still
    meet surprise when we suggest there is nothing to stop the ECB pursing outright
    QE at the zero interest rate bound, when faced with a heightened risk of deflation
    on a 2-3 year time horizon. Much comes down to communication.”

    die richtung stimmt doch schonmal ;)

    • André Kühnlenz
      21. August 2012 um 20:15

      Ja, das ist spannend. Aber auch die neue Transparenz hat Draghi bereits am 2. August verkündet. Interessant finde ich, wie die Märkte sich derzeit an jeden Strohhalm klammern, der sie näher in Richtung Anleihekäufe bringt. Die Spiegel-Meldung wirkt auf mich, als wären die Kollegen einfach das Transkribt der PK noch mal durchgegangen. Falls es ihnen jemand aus der EZB “gesteckt” haben sollte, könnte es auch ein Test sein, um die Bundesbank aus der Reserve zu locken. Die bleibt allerdings vorerst ganz ruhig. Aber vielleicht gibt Weidmann bis zum Wochenende noch ein Interview… Ich bin gespannt.

      Und wenn sich tatsächlich einmal Deflationsgefahren abzeichnen, dann können wir sicher sein, dass die Bundesbank nicht rumzuckt. Denn QE ist auch in den Augen der Bundesbank keine monetäre Staatsfinanzierung. Dann müsste die EZB aber auch Bundesanleihen aufkaufen. So weit sind wir aber noch nicht!

      • Peter Noack
        22. August 2012 um 07:23

        Also doch Herr Kühznlenz! Die EZB kauft nach und nach sämtliche Staatsanleihen. Erst die der Eurozone, dann die von GB oder Ungarn, später auch die von den USA und Japan. Das alles nur um die Finanzmärkte zu beruhigen? Wohl kaum! Die Spekulationsbanken, die mit dem Geld ihrer Kunden spekuliueren, sollen vor Verlusten geschützt werden. Das können jedoch die Steuerzahler nicht mehr ausgleichen. Schon in einigen Monaten werden die Konsequenzen deutlich. Wie das Fed verschiebt auch die EZB die Lösung der Finanzmarktkrise auf der Zeitschiene. Es werden nicht einmal Signale ausgesendet, dass oder wie die Finanzmärkte ihre Krise lösen sollen.
        Wird es denn nicht allmählich klar, dass die Finanzmärkte aus erklärlichem Eigennutz die gesamte reale Weltwirtschaft ruiniren können und wollen. Bisher hat die Politik keine Kontrolle über die Finanzmärkte zurück gewonnen. Hat die Politik das überhaupt gewollt?

      • dr. seltsam
        22. August 2012 um 09:06

        hab das q&a-transkript grad auch noch mal überflogen und ich glaube, du hast völlig recht mit deiner einschätzung – das ganze hat unterm strich wahrscheinlich überhaupt gar keinen news-gehalt. das wäre echt krass, aber auch mal wieder typisch… so ein affentheater um nichts.

        zuerst hatte ich mich an dem wort “unmittelbar” im letzten satz der spiegel-meldung aufgehängt. wenn sie wirklich unmittelbar nach den anleihekäufen reporten würden, wäre das schon bemerkenswert und auch eine neuigkeit.

        dann würde im intraday-handel quasi völlige transparenz herrschen und die interventionsschwellen wären auch ohne explizites yield-cap für jeden sofort ersichtlich.

        aber wahrscheinlich haben die beim spiegel einfach diese aussage aus der pk genommen, “unmittelbar” dazugedichtet und dabei noch ignoriert, dass zwischen kauf und settlement tage liegen: “With regard to buying bonds, when everything is settled, there will be full disclosure.”

  3. Peter Noack
    21. August 2012 um 18:47

    Sehr geehrter Herr Kühnlenz!
    Wie viele Staatsanleihen soll die EZB aufkaufen? Alle Staatsanleihen der Eurozone, auch die Deutschen? Das wären dann 10 Tausend Mrd. Euro Sollte die EZB ungbegrenzt Anleihen kaufen? Was heißt denn das? Kauft die EZB auch Staaatsanleihen von den USA, GB oder Japan? Werden auch Firmenanleihen oder Immobilienkredite bzw. Kreditportfolios von Banken gekauft? Sollte die EZB die Märkte mit 100 Tausend Mrd. Euro fluten? Der Geldtheorie nach kann die Zentralbank unendlich viel Geld schöpfen. Das würde bedeuten, dass auch 100 Milliarden Milliarden Euro in Umlauf gesetzt werden könnten. Würde damit auch nur ein einzigel Problem der Finanzmärkte gelöst? Natürlich nicht! Wann will man damit beginnen? Wer macht den Anfang? Die Bankbilanzenmüssen so oder so vom “Wertpapierschrott” bereinigt werden. Erst dann findet die produktive Zerstörung der Finanzmärkte statt. Vieleicht wird die Finanz Klippe zum 1. Januar den Startschuss geben.

  1. 22. August 2012 um 17:01
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