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[MarktWirtschaft] Adiós, Exporteuropameister Spanien!

22. August 2012

Geht es um die Ursachen der Schuldenkrise im Euro-Raum behaupten viele, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit sei eine wichtige Ursache für die Krise. Daran mag zwar einiges stimmen, gerade wenn man sich die Entwicklung der Lohnstückkosten in den Ländern anschaut. Spannender ist jedoch, wie sich die Lohndifferenzen in den tatsächlichen Exporten niederschlagen. Hier warten so einige Überraschungen!

Erstaunlicherweise hat ein Land wie Spanien, das gerade unter einer heftiger Kapitalflucht leidet, noch bis Ende 2011 eine bessere Entwicklung hingelegt als „Reformweltmeister“ Deutschland. Hier das Exportwachstum im Vergleich zum Durchschnitt des Jahres 2009 – dem Tiefpunkt nach der Lehman-Pleite:

Die robuste Nachfrage nach spanischen Gütern und Dienstleistungen im Ausland hat mit Sicherheit geholfen, dass die Einsparungen und höheren Abgaben nicht so krass auf die Volkswirtschaft durchgeschlagen haben wie in Griechenland. Diese mildernden Umstände sind jedoch längst verflogen, spart sich doch gerade das Euroland noch schärfer in die Krise.

Allein Spaniens Regierung hat gerade sein Sparpaket auf rund 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis Ende 2014 erhöht. Bereits im ersten Quartal 2012 musste Spanien den Titel des Exporteuropameisters an Deutschland abgeben: Spanien lag nur noch 23,7 Prozent über dem 2009er Niveau. In Deutschland waren es 25,9 Prozent.

Und wer glaubt, dass die ambitionierten Sparprogramme im Euroland keine Wirkung auf die Weltwirtschaft haben, muss sich nur die heute veröffentlichen Exportzahlen aus Japan anschauen: Die Ausfuhren in die EU lagen zuletzt 25 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Guten Morgen, globaler Deflationsschock!

Euroland sollte sich endlich vom illusorischen Ziel verabschieden in (fast) allen Ländern bis 2013 (in Spanien bis 2014) die öffentlichen Budgetdefizite gleichzeitig unter die Maastrichtgrenze von 3 Prozent zu drücken. Wir brauchen mehr Zeit zum Sparen! Und: Ob die Spanier überhaupt Strukturreformen nötig haben, darüber sollen sie am besten immer noch schön alleine entscheiden!

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  1. regnar
    24. August 2012 um 12:08

    Hr Kuehlenz,

    A. prozentuale Aenderungen bei unbekanntem Ausgangswert und unbekannter Vorgeschichte (siehe Kommentar vor meinem) sind wenig aussagekraeftig (Stichworte: Praevalenzfehler, cum hoc ergo propter hoc etc pp)

    B. in Anbetracht von 20 + % Arbeitslosigkeit, mangelnder Wertschoepfung die den Anstieg der Exporte auch quantitativ ordentlich zurecht ruecken und fast 100% Auslandsverschuldung sowie einem insolventen Bankensektor von keinem Wettbewerbsproblem auszugehen halte ich fuer ziemlich schraeg

    C. wenn Spanien in toto tatsaechlich Exportueberschuesse erwirtschaften sollte (um zB Forderungen gegenueber der BRD zu begleichen) muessten bei der FTD doch sofort die Alarmglocken angehen. Wegen ruecksichtslosem Lohndumping, Exportfixierung und Sie wissen schon…

    Nur zu Hr Kuehnlenz, klaeren Sie Ihre Leser auf!

    • André Kühnlenz
      25. August 2012 um 10:02

      In Punkt B gebe ich Ihnen ja recht, ich habe nie behauptet, dass Spanien keine Probleme hat. A und C verstehe ich nicht ganz. Ich wollte nur auf eine Sache aufmerksam machen, dass der Ausgleich der Ungleichgewichte, der in der Finanzkrise eingesetzt hat, in Spanien bislang stark von einem Anstieg der Exporte getragen und gestützt wurde – trotz der viel zitierten mangelnden Wettbewerbsfähigkeit – und das finde ich beachtlich. Dass dieser Exportanstieg bislang nicht geholfen hat, die Arbeitslosigkeit zu senken, hat auch mit strukturellen Gründen zu tun, ganz klar.

      Nur: Die Exportstütze wird jetzt wegfallen, weil in ganz Europa gleichzeitig gespart wird. Was wird die Folge sein? Die Anpassungen in der Leistungsbilanz werden ab jetzt vor allem über die Binnennachfrage erfolgen. Die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen, die Budgetvorgaben des Staatshaushalts werden jedes Jahr gerissen und die öffentlichen Schulden steigen und steigen – nicht trotz der Austeritätsprogramme sondern genau wegen ihnen.

      Die Euro-Länder sind dabei, die selben Fehler wie in Griechenland zu machen, wo die Exportstütze in Osteuropa schon von Anfang an weggefallen ist und die Griechen deswegen auch keine Chance hatten, ihre Sparvorgaben zu erfüllen – dabei hat es der “failed state” der Hellenen immerhin geschafft, das strukturelle Budgetdefizit um 10 Prozentpunkte zu senken.

  2. Christoph Strebel
    23. August 2012 um 22:26

    Das Problem der Spanier scheint vor allem Kapitalflucht zu sein.

  3. Lesefuchs
    23. August 2012 um 14:10

    Irgendwie fühle ich mich in die letzten Monate der DDR zurückversetzt. Jeder wusste das es an allen Ecken und Enden knarrt und knirscht, nur die Medien schreien wie immer Hurraaaaa – alles ist toll. Man hat aber das Gefühl das bald irgendetwas passiert. Nur so richtig wahr haben will es keiner und wirklich wünschen…. Damals hatte man eine vage Vorstellung was kommen könnte, aber heute….

  4. Dom
    23. August 2012 um 11:09

    Bisher hat meine Generation und die zwei früheren noch lebenden Generationen keine Große Depression erlebt. Schätze, dass sich das bald ändern wird. Bin gespannt, wie damit umgegangen wird…

  5. R.B.
    23. August 2012 um 09:37

    Sg Hr.Kühlenz,
    Ist die Zeitreihe nicht etwas (zu) kurz?
    Vor allem vor dem Hintergrund der US-Hypothekenkrise, in der die spanischen Banken ganz im Gegensatz zu den deutschen ja kaum involviert waren mit all den bekannten Implikationen auf die Realwirtschaft.

    Wie sähen denn die Zahlen bei einer Zeitreihe von z.B. 2000 an aus?

    Sie schreiben:
    „Und: Ob die Spanier überhaupt Strukturreformen nötig haben, darüber sollen sie am besten immer noch schön alleine entscheiden!„

    Volle Zustimmung.
    Sofern das no-bailout-Prinzip eingehalten wird!

    Ich finde Ihren Schlusssatz aber noch aus einem anderen Grund bemerkenswert – auch wenn er vermutlich nicht so gemeint war ;-).
    Das Pendel schwingt in letzter Zeit ja sehr stark Richtung Zentralisierung bzw. zentraler Problemlösung von Allem. So stark, dass man Angst hat es überschlägt sich.
    Vielleicht sollten wir auch mal zur Abwechslung wieder mehr in die andere Richtung denken, nämlich Dezentralisierung und Subsidiarität, was die kulturelle, mentale, wirtschaftlich-gesellschaftliche Vielschichtigkeit Europas besser abbilden würde.

    • André Kühnlenz
      25. August 2012 um 10:17

      Gut, eine gewisse Koordinierung der Wirtschaftspolitik der Länder wäre in meinen Augen durchaus sinnvoll. Dabei muss aber nicht jedes Detail von der Troika vorgegeben und kontrolliert werden, da bin ich ganz bei Ihnen.

      Was die Zeitreihen angeht, dazu hab ich bei regnar bereits was zu gesagt.

  6. 22. August 2012 um 19:03

    Gefällt mir, dass Sie darauf hinweisen eine Krise nicht durch eine Ursache – hier die angeblich mangelnde Wettbewerbsfähigkeit -zu erklären. Und Ihren Appell kann man sicherlich unterstützen. Nur müsste dazu insgesamt ( in den Medien, in der Poilitik,etc) nüchterner, rationaler und nicht auf Basis von Heuristiken und ideologisch argumentiert werden. Habe da wenig Hoffnung. Um mit Kahnemann (Schnelles Denken, langsames Denken) zu sprechen: “Das System 2 ist faul.” Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. Ich mich auch nicht. Ihr Wolfgang Gierls

  1. 22. August 2012 um 19:29
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