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Tobias Berg – Trennbankensystem: Von den Versicherungen lernen

17. September 2012

Fünf Jahre nach Beginn der Finanzkrise ist die Diskussion um ein Trennbankensystem neu entflammt. Aus der Politik kommen entsprechende Forderungen von der SPD, aus der Wirtschaft von Nikolaus von Bomhard (Vorsitzender des Vorstandes der Münchener Rückversicherung) sowie dem ehemaligen Citigroup Chef Sandy Weill und selbst in der als eher marktgläubig bekannten University of Chicago sprach sich neulich mit Luigi Zingales ein renommierter Professor für ein Trennbankensystem aus. 

Die Argumente für oder gegen ein Trennbankensystem sind schnell aufgelistet: Auf der „Pro“-Seite stehen die relativ guten Erfahrungen, die die USA zwischen 1933 und 1999 mit dem Trennbankensystem gemacht haben. Die Zeit war zwar nicht frei von Finanzkrisen, aber keine von der Größenordnung der „Great Depression“ in den 30er-Jahren oder der durch die Subprime-Verbriefungen ausgelösten Finanzkrise in 2008. Ebenfalls auf der „Pro“-Seite wird ein höherer Schutz für die Einlagen genannt, eine Reduzierung der Komplexität und geringere Ansteckungsgefahren. Auf der „Contra“-Seite hingegen stehen eine möglicherweise geringere Effizienz (Kostenvorteile durch Universalbanken) und Kundenaspekte (Bereitstellung verschiedener Bankprodukte und Dienstleistungen aus einer Hand).

In der Versicherungsbranche gibt es seit Jahrzehnten eine so genannte „Spartentrennung“, bei denen Lebensversicherung, Krankenversicherung und Kompositversicherung (Schaden- und Unfallversicherung) nicht gemeinsam betrieben werden dürfen. Auch wenn Vergleiche naturgemäß immer hinken, so kann man hieraus auch für den Bankensektor Lehren ziehen. Im Versicherungsbereich müssen die Sparten rechtlich und bilanziell getrennt werden. Gleichzeitig dürfen aber Servicegesellschaften, Vertrieb und Marketing quer über alle Bereiche organisiert werden. Diese Lösung bietet viele Vorteile eines Trennsystems (geringere Komplexität und geringere Ansteckungsgefahren) ohne dabei jedoch Effizienz und Kundenaspekte zu ignorieren.

So besitzt zum Beispiel die Allianz Deutschland AG die Töchter „Allianz Lebensversicherungs-AG“, „Allianz Private Krankenversicherungs-AG“ und „Allianz Versicherungs-AG“. Die meisten Kunden werden es allerdings kaum mitbekommen, dass ihr Allianz-Versicherungsvertreter Produkte von drei verschiedenen Unternehmen verkauft. Wie funktioniert dieses Konstrukt in der Praxis? Im Jahre 2003 kam die Mannheimer Lebensversicherung durch Verluste bei Aktieninvestitionen in eine finanzielle Schieflage. Die Lebensversicherung musste daraufhin durch eine Industrielösung, die Protektor AG, aufgefangen werden. Im gleichen Jahr konnte allerdings die Mannheimer Sachversicherung Rekordbeiträge verbuchen und die Mehrheit an der Mannheimer Krankenversicherung konnte problemlos an einen Investor verkauft werden. Beide anderen Sparten waren profitabel. Die rechtliche Trennung hat dazu geführt, dass Kunden der Komposit- und Krankenversicherung nicht für Verluste mithaften mussten und somit für jede Sparte eine eigene Lösung gesucht werden konnte. Auch im Bankenbereich hat sich gezeigt, dass große, aber einfach verständliche Banken sehr schnell abgewickelt werden können. So wurde im September 2009 die Bank Washington Mutual mit mehr als USD 300 Mrd. Bilanzsumme innerhalb von 48 Stunden abgewickelt und in Teilen an JP Morgan weiterverkauft, wobei sowohl Aktionäre als auch Gläubiger Verluste tragen mussten. Ihr „Nachteil“: Die Bank war sehr transparent, Subprime-Darlehen wurden finanziert mit Einlagen, Fremdkapital und Eigenkapital, größtenteils ohne Verbriefungen und Derivate.

In den Jahren 2008/2009 wies das Segment Investmentbanking der Dresdner Bank und der Commerzbank ein negatives operatives Ergebnis von EUR 9,8 Mrd. aus, die Segmente Privat- und Geschäftskunden hingegen ein positives operatives Ergebnis von EUR 2,7 Mrd. Es gab für den Staat allerdings keine Möglichkeit, zielgerichtet einzugreifen, da diese Segmente zwar auf dem Papier stehen, aber keine rechtlich und bilanziell getrennten Einheiten sind. Es geht hierbei auch nicht um das „böse“ Investmentbanking und das „gute“ Kreditgeschäft. Dem Staat wurden durch das Universalbankkonstrukt schlicht und einfach die Möglichkeiten genommen, zielgerichtet zu agieren.

Und was war mit Lehman Brothers? Hat hier nicht eine reine Investmentbank eine globale Finanzkrise (mit-)ausgelöst? In der Forschung werden drei Punkte diskutiert, warum die Insolvenz einer reinen Investmentbank wie Lehman Brothers eine derartige Panik auslösen konnte: Erstens, weil den Marktteilnehmern nach der Rettung von Bear Stearns sechs Monate zuvor nun plötzlich klar wurde, dass nicht jede Großbank vom Staat gerettet wird. Zum anderen gab es einen Run auf Geldmarktfonds, die in den USA zum Buchwert, und nicht zum Marktwert, gehandelt werden. Durch Verluste im Zusammenhang mit Lehman Brothers konnte ein Geldmarktfonds (Reserve Primary Fund) das Versprechen, den Buchwert von USD 1 pro Anteil auszuzahlen, nicht mehr nachkommen. Außerdem war Lehman Brothers als „Broker-Dealer“ tätig, der Infrastrukturleistungen anbot.

Die ersten beiden Gründe können durch ein Trennbankensystem nicht gelöst werden, hierfür sind andere Maßnahmen notwendig. Der letztgenannte Punkt ist dagegen interessanter: Lehman Brothers hatte für institutionelle Anleger, z.B. für Fonds, Wertpapiere verwaltet. Diese Wertpapiere waren allerdings kein Sondervermögen, sondern wurden von Lehman Brothers als Sicherheiten für die eigene Refinanzierung benutzt. Lehman hat sich also von Dritten Geld geliehen, und dafür als Sicherheiten Wertpapiere seiner Kunden benutzt.  Durch die Insolvenz hatten viele institutionelle Anleger somit keinen Zugang mehr zu ihren Portfolios. Dadurch wiederum kam es nach der Insolvenz zu einem Run auf andere Broker-Dealer, da dort ähnliches befürchtet wurde. Diesen fiel eine wichtige Refinanzierungsquelle weg, allein Morgan Stanley zum Beispiel USD 600 Mrd.  Die Insolvenz von Lehman Brothers hat somit gezeigt, dass es wichtig ist, Infrastrukturdienstleistungen ebenfalls rechtlich und finanziell vom übrigen Bankgeschäft zu trennen.

Die Diskussion zeigt insgesamt zwei Punkte auf: Zum einen ist für die Etablierung eines Trennbankensystems eine Zerschlagung von Konzernen nicht notwendig. Durch eine rechtliche und finanzielle Trennung unterhalb der Konzernebene nach dem Vorbild der Spartentrennung im Versicherungsbereich können hierbei die Kernziele erreicht werden. Zum anderen ist aber, wie das Beispiel Lehman Brothers zeigt, eine Trennung in vier Bereiche sinnvoll: Einlagen und Kreditgeschäft, Infrastruktur (z.B. Zahlungsverkehr und Wertpapierabwicklung), Asset Management, Rest (inkl. Handelsgeschäft und Investmentbanking).

Tobias Berg – Forscher an der Humboldt Universität und der New York University

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  1. Very Serious Sam
    20. September 2012 um 08:53

    Warum soll den Banken überhaupt noch Eigenhandel mit fremden Geld erlaubt sein, ob in einer integrierterten oder einer Trennbank?

  2. Traumschau
    17. September 2012 um 23:03

    Ein Trennbankensystem ist das MINDESTE, was eingeführt werden muss. Darüber hinaus sollte man generell überlegen, welche Art von Geschäften TATSÄCHLICH, d.h. nicht über 5 Ecken MÖGLICHERWEISE, nützlich ein könnten, sondern schlicht und ergreifend ausschließlich für die Realwirtschaft förderlich sind. Alle Produkte, deren Nutzen sich nicht unmittelbar erschließen, müssen verboten werden. Anfangen muss man mit OTC-Geschäften! WEG oder endlich unter Aufsicht stellen ! Schattenbanken: deren Einrichtung unter Strafe stellen!!
    Und kümmern wir uns endlich um die Billionen von Dollar, die aus kriminellen Geschäften kommen und derweil unser Ponzi-System am Laufen halten – aufgrund der zahlreichen Steueroasen weltweit. Mitt Romney weiß genau, was ich meine!
    Und schließlich müssen wir das Lobbying des Finantkartells stark einschränken und Parteienfinanzierung durch Konzerne und Unternehmen verbieten! Das wäre ein ANFANG!
    Über das Geldsystem sprechen wir ein anderes mal …
    Keine halben Sachen mehr, bitte!

  3. Christoph Strebel
    17. September 2012 um 22:54

    Danke, sehr gute Darstellung! Für Banken wären dies also die drei Sparten Investment, Kundengeschäft und drittens Technik. Ich kenne es so, dass offene oder geschossene Fonds Sondervermögen sind, die von der Bank nur technisch betreut werden, aber bei Konkurs der Bank nicht mit haften. Vielleicht muss auch hier die Trennung noch strenger erfolgen, sodass wir also vier Säulen bekommen.

    • Tobias Berg
      21. September 2012 um 18:39

      Ja, klassichen private Fonds sind in der Regel Sondervermögen.

      Es gibt drei Gründe, warum ich hier eine Separierung vorgeschlagen habe:
      1. Anlagen von institutionellen Anlegern sind in der Regeln kein Sondervermögen. Diese Tatsache hat bei der Insolvenz von Lehman Brothers zu großer Unsicherheit geführt und zu den Turbulenzen beigetragen. Auf der Lehman-SIPA-Seite gibt es hierzu mehr Details als man sich wünscht: http://dm.epiq11.com/LBI/Project .

      2. Auch wenn Fonds RECHTLICH Sondervermögen sind, so ist es rein TECHNISCH für Banken doch möglich, das Sondervermögen zur eigenen Finanzierung einzusetzen. Dies ist zwar nicht legal, ist aber in der Realität bei der Insolvenz eines amerikanischen Brokers bereits passiert (MF Global, siehe hierzu z.B. http://en.wikipedia.org/wiki/MF_Global#cite_note-24 und die dort genannten Quellen). In diesem Falle haben Kunden auch Teile ihres Sondervermögen verloren.

      3. Ein letztes Problem könnte der Bargeldbestand von Fonds darstellen. Jeder Fonds hält einen Bargeldbestand (in der Regel bei der Mutterbank) und dieser Bargeltbestand ist meines Wissens nach nicht durch Einlagensicherungssysteme geschützt. (Sollten andere Leser hier mehr wissen als ich, freue ich mich über Feedback.) Dies könnte Tür und Tor für Manipulationen eröffnen, also z.B. eine Erhöhung des Bargeldbestandes im Fonds, damit der Mutterbank mehr Liquidität zur Verfügung steht. Eine volle bilanzielle Trennung würde dies verhindern.

  1. 18. September 2012 um 09:55
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