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[MarktWirtschaft] Um wie viel Prozent verteuern sich eigentlich Bahntickets wirklich?

25. September 2012

Die Bahn behauptet, die Preise steigen ab Dezember um “durchschnittlich” 2,8 Prozent im Fernverkehr. Vermutlich fällt die Preiserhöhung in der Praxis erheblich höher aus, denn was genau “durchschnittlich” heißt, bleibt schleierhaft – ein genauer Blick auf die Verteuerung der Bahncards lässt Schlimmes erahnen

Es gibt wenige Bereiche, in denen der Spielraum für Tricksereien so groß ist wie bei der Durchschnittsbildung. Je nach dem, ob man fünf, zehn, fünfzig oder hundert Jahre heranzieht, kann man die durchschnittliche Aktienmarktrendite so biegen, wie sie einem als Journalist gerade zur These passt. Aber auch mit einem Bündel an Zahlen ist der Gestaltungsspielraum groß bei der Durchschnittsbildung: Arithmetisches Mittel, einfaches Mittel, Median, geometrisches Mittel…  welches hätten’s denn gern?

Im Falle der Deutschen Bahn ist die Frage vermutlich leicht zu beantworten: Bei den Preiserhöhungen natürlich einen möglichst geringen Durchschnittswert, den man in die Weltgeschichte pustet bei zugleich aber deutlich größerem Erlöspotenzial. Die Chancen sind bei etwa 99 Prozent, dass diese Zahl auch so nachrichtlich übernommen wird, bis in die “Tagesschau” hinein. “Bahn erhöht Preise um im Schnitt 2,8 Prozent, auf manchen Strecken mehr, auf manchen weniger.”

Und so frage ich mich Jahr für Jahr, wenn die Bahn eine “durchschnittliche” Preiserhöhung bekannt gibt, wer denn mal nachrechnet, um wie viel die Preiserhöhung tatsächlich ausgefallen ist – zumal man sich sicher sein kann, dass die Bahn in solchen Dingen von Heerscharen von Beratern umgeben ist, die ausklamüsern, wie man Fahrpreiserhöhungen so anwendet, dass die Erlöse möglichst stark steigen bei zugleich optisch niedrigem “Durchschnitt”.

Ich habe heute mal eine kleine Stichprobe gezogen – mit erstaunlichen Ergebnissen. Die Preiserhöhungen auf den Fernstrecken zu prüfen ist unmöglich ohne nähere Kenntnis der genauen Preise und vor allem der Auslastung, die Durchschnittsbildung auf Ebene der Bahncards aber machbar, da hier Preise und Zahl der Karten vorliegt.

Es gibt 10 nennenswerte Bahncard-Typen:

Bahncard 25 jeweils 1. und 2. Klasse und jeweils normal und ermäßigt;

Bahncard 50 jeweils 1. und 2. Klasse und jeweils normal und ermäßigt,

Bahncard 100 jeweils 1. und 2. Klasse.

Macht zehn Bahncard-Typen

Die Bahn teilt heute mit, Bahncards verteuerten sich um “durchschnittlich 2,4 Prozent” ab Dezember. Interessanterweise wechselt sie dann aber in ihrer Pressemitteilung von prozentualen Erhöhungen auf volle Euro-Veränderungen: Hier verteuert sich was von 240 auf 247, da von 59 auf 60….

Verdächtig. Denn wenn man die prozentualen Veränderungen errechnet, ist das Bild wie folgt:

(angegeben jeweils die prozentuale Veränderung ab Dezember)

Bahncard 25 2. Kl.                                         1,7 %

Bahncard 25  1. Kl.                                         2,5%

Bahncard 25 ermäßigt 2. Kl.                        2,5%

Bahncard 25 ermäßigt  1. Kl.                        2,5%

Bahncard  50 2. Kl.                                           2,9%

Bahncard 50 1. Kl.                                             2,9%

Bahncard 50 ermäßigt 50 2. Kl.                     2,5%

Bahncard 50 ermäßgt 1. Kl.                           2,5%

Bahncard 100 2. Kl.                                        2,5%

Bahncard 100 1. Kl.                                       3,0%

10 Bahncards. 9 Erhöhungen zwischen 2,5 und 3,0 Prozent. Eine um 1,7 Prozent. Wie kann man da auf einen “Durchschnitt” von 2,4 Prozent kommen? Selbst mit Addition und Teilen durch 10 landet man bei 2,6%.

Nun ist die Bahncard 25 2. Klasse ohne Ermäßigung – die einzige mit einer Erhöhung unterhalb des kommunizierten Durchschnitts – fraglos eine populäre Karte. Da wir die Zahl der Bahncards 25 und 50 kennen (stehen im Geschäftsbericht: 1,7 Mio BC 50 und 2,9 Mio BC 25), nicht aber die Verteilung über 1./2. Klasse und die Ermäßigung, unterstellen wir einfach, bei sämtlichen Bahncards 25 handelt es sich um Bahncards 25 2. Klasse, deren Preise “nur” um 1,7% steigen (die BC 25 1. Klasse verteuert sich ja bereits um 2,5 Prozent).

Wir können so ermitteln, ob auch die Verteilung für die angewandte Durchschnittsbildung wichtig ist. Wichtig an dem Kniff: Der tatsächliche Absatz ist ja unbekannt, aber wir wollen ja wissen, was beim Kunden am Ende “greift”,  wie sich die Erhöhung auswirkt.

Die Rechnung von potenziellen Erlösen (Kosten für Fahrgäste) sieht jetzt so aus:

Erlöse vor der Erhöhung: (1,7 Mio. Bahncards 50 x 240 Euro) + (2,9 Mio. Bahncards 25 x 59 Euro) = 579,1 Mio. Euro

Erlöse nach der Erhöhung: (1,7  Mio. Bahncards 50 x 247 Euro) + (2,9 Mio Bahncards 25 x 60 Euro) = 593,9 Mio. Euro.

Macht eine Erhöhung um 2,55 Prozent. Was statistisch daran liegt, dass die Bahncard 50 viermal so teuer ist und entsprechend dafür sorgt, dass die Erlöse (= Kosten der Bahncard-Kunden) stärker steigen, als es der Spread der Preiserhöhungen zwischen den Bahncards 25 und 50 nahelegt. Und dabei sind alle anderen Bahncard-Erhöhungen zwischen 2,5 und 3,0 Prozent noch außen vor.

Wie kommt man da auf eine “durchschnittliche Erhöhung von 2,4 Prozent” bei den Bahncards? Und wie fällt wohl die Preiserhöhung im Fernverkehr wirklich aus, wenn man keinen Durchschnitt bildet, sondern wüsste, wie sich die Preiserhöhung bei vollkommen identischer Auslastung auf die Erlöse (= Kosten der Bahnkunden) auswirken würde – weil ja jeder weiß, dass die Preise auf stark frequentierten Strecken stets stärker steigen als auch schwach genutzten Trassen?

Disclosure I: Denkfehler, Hinweis bitte gerne hier posten – vielleicht hat sich ja schon mal jemand in der Presse oder bei Fahrgastverbänden der Sache angenommen. Journalisten sind natürlich da, Antworten zu geben und keine Fragen zu stellen, aber hier hatte ich mal Lust, kurz in den Zahlensalat einzutauchen)

Disclosure II: Ich bin seit Jahren sehr zufriedener Bahnkunde und Vielfahrer

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  1. Thomas W.
    27. September 2012 um 04:05

    Abgesehen von der Tatsache, dass die Bahn die Preiserhöhung verschleiert, finde ich, dass eine Erhöhung von bis zu drei Prozent noch als angemessen bezeichnet werden kann.
    Anders sieht es bei den Ticketpreisen aus: Konnte ich die Strecke Bremen-Münster bis vor etwa einem Jahr noch für 16 EUR fahren, sind es aktuell 17 EUR (mit Bahncard 50 2. Klasse) – was einer Preissteigerung von 6,25% entspricht. Natürlich ist es für die Bahn attraktiv auf solch vielbefahrenen Strecken die Preise zu erhöhen, bei einer jährlichen Erhöhung von über drei Prozent stellt sich jedoch die Frage, wie lange man da noch Lust aufs Bahnfahren hat – insbesondere da man mit weniger als der Hälfte des Fahrpreises ausreichend Tanken kann, um diese Strecke im Auto zu absolvieren. Unter Beachtung etwaiger Kosten im Zielort (ÖPVN/Taxi) fällt dann auch der Verschleiß am Auto nicht mehr ins Gewicht.

  2. Christian Kirchner
    26. September 2012 um 11:34

    LSO/Jonathan: Danke für die Hinweise! @LSO: Auf die Idee, die tatsächlichen Umsätze zu messen und in Relation zur Leistung zu stellen bin ich auch schon gekommen. Nur (vielleicht habe ich hier einen Denkfehler) sind die ja letztlich vom Kundenverhalten beeinflusst, d.h. wenn einige Kunden aufgrund der Preiserhöhungen abspringen (weil es sich nicht immer rechnet, nutze ich mit meiner Frau bspw. auch seit einem Jahr häufiger Mietwagen), fällt die “tatsäch gezahlte” Erhöhung natürlich niedriger aus. Meiner Meinung nach wäre die “saubere” Durchschnittsrechnung, wie sich die Preise insgesamt bei unverändertem Kundenverhalten erhöhen würden. Mit “tatsächlich” zielte ich nicht auf tatsächliche Umsätze. Falls die Rechnung von @Jonathan stimmt, wäre das für die Fernverkehrspreise auch spannend, denn erhöhe ich die Preise auf schwach ausgelasteten Relationen gering und stark ausgelasteten höher und bilde den Durchschnitt, ist das natürlich methodisch sauber, unter dem Strich zahlen die Leute aber mutmaßlich doch deutlich mehr, weil 10x mehr Leute von der Erhöhung Hamburg-Berlin betroffen sind als der Erhöhung, sagen wir, Osnabrück-Emden.

    Wie man es auch dreht und wendet: Wir gehen dem natürlich auch mal redaktionell und nicht “nur” bloggenderweise nach!

    • Lso
      26. September 2012 um 12:19

      Wenn die Erlöse in Relation zur Leistung gesetzt und diese Kennziffern verglichen werden, ist das veränderte Kundenverhalten (wie z.B. Ihre vermehrte Nutzung von Mietwagen) ja bereits berücksichtigt. Den durch Sie fehlenden Einnahmen der Bahn steht dabei ja auch die von Ihnen verringert nachgefragte Verkehrsleistung gegenüber. Entsprechend gilt das für die Verkehrsleistung auf stärker / schwächer nachgefragten Strecken und den dort erzielten Umsätzen.
      Auch macht eine solche Kennziffer den Vergleich mit dem Luftverkehr möglich, denn da ist der Yield als “Revenue per Passenger Mile” definiert. Ebenso z.B. in der Hotellerie wird die Kennziffer des durchschnittlichen Übernachtungspreises (Umsatz / # Übernachtungen) benutzt. Ein verändertes Kundenverhalten bei Preisänderungen ist hier auch immer inkludiert.

      Für das, was Sie als “saubere” Durchschnittsrechnung bezeichnen, müssten Sie mit Daten, die nur die DB hat und wohl kaum herausgeben wird, ein Wägungsschema

      http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/waegungsschema.html

      für einen “Bahn-Warenkorb” definieren.

  3. Lso
    26. September 2012 um 11:21

    Sie schreiben: “Und so frage ich mich Jahr für Jahr, wenn die Bahn eine “durchschnittliche” Preiserhöhung bekannt gibt, wer denn mal nachrechnet, um wie viel die Preiserhöhung tatsächlich ausgefallen ist”.
    Das können Sie und jeder andere ganz einfach im Nachhinein tun. Für 2012 wurde die “durchschnittliche” Preiserhöhung mit 3,9% kommuniziert, vgl. http://www.wdr.de/tv/servicezeit/sendungsbeitraege/2011/kw50/1212/01_preiserhoehung_bahn.jsp
    Im Halbjahresbericht der DB 2012 http://www.deutschebahn.com/de/investor_relations/zb_online.html finden Sie Angaben zu Außenumsatz und Verkehrsleistung im Fern- und Nahverkehr sowie die Bestellerentgelte im NV für das 1. Halbjahr 2012 und den entsprechenden Vorjahreszeitraum. Wenn sie Außenumsatz durch Verkehrsleistung im FV, bzw. (Außenumsatz – Bestellerentgelte) durch Verkehrsleistung im NV teilen, erhalten sie die Kosten, die die Bahnkunden effektiv für den Personenkilometer im FV und NV im 1. Halbjahr 2012 bzw. 2011 bezahlt haben. Daraus ergibt sich eine vom Kunden erfahrene Preiserhöhung im FV um 3,0%, im NV um 1,8% und insgesamt um 2,5% (Summe Außenumsätze – Bestellerentgelte durch Summe Verkehrsleistungen) für das Jahr 2012. Das liegt deutlich unter dem kommunizierten Wert von 3,9%. Im Jahre 2011, für das die DB eine Nullrunde bei den Preisen verkündete, aber gleichwohl an der Verfügbarkeit von Sparpreisen gedreht haben könnte, ergibt sich mit dieser Berechnung übrigens ein Preisanstieg von 0,7%.
    In dieser Rechnung enthalten ist natürlich die Änderung des „Warenkorbs“, die der Bahnkunde vorgenommen hat (z.B. öfters Sparpreise statt Normalpreise benutzt oder seltener 1. Klasse gefahren, andere Bahncard als bisher gekauft, etc.). Insoweit methodisch nicht ganz sauber, aber es zeigt, wie die Preiserhöhung im Geldbeutel des Kunden ankam.

  4. Jonathan
    25. September 2012 um 19:33

    Ich nehme an, die Bahn hat die prozentualen Steigerungen der einzelnen Bahncards mit der prozentualen Häufigkeit dieser Bahncard (bezogen auf alle Bahncards) gewichtet. In dem einfachsten Fall, dass es nur die Bahncard 25 sowie 50 mit 2,9 Mio bzw. 1,7 Mio. Besitzern gibt (=4,6 Mio. gesamt), kommt man dann auf:

    Preiserhöhung BC 25 (1,7%) * Häufigkeit BC 25 (2,9 Mio / 4,6 Mio) + Preiserhöhung BC 50 (2,9%) * Häufigkeit BC 50 (1,7 Mio / 4,6 Mio.) = 2,14%

    Da in der Realität noch die anderen 8 Bahncard-Arten dazu kommen und diese allesamt höhere Preissteigerungen erhalten haben, liegt die “durchschnittliche Preiserhöhung” etwas höher als in diesem einfachen Fall; 2,4 Prozent könnten hinkommen. Insbesondere die ermäßigte Bahncard 25 dürfte es verhältnismäßig häufig geben, was obigen Schnitt noch messbar erhöht.

  5. 25. September 2012 um 19:32

    Ich habe seit einigen Jahren die Bahncard. Erst die 25 und seit 1 Jahr die 50 2.Klasse Preis 122 € ermäßigt. Vor drei Tagen bekam ich eine Mail von der Bahn mit einem Fragebogen. Sehr schön verpackt wurde nach der “Schmerzgreze” für die Erhöung der Bahncard gefragt. Wenn die Bahn das bei allen Inhabern einer Bahncard macht, wird sie sich schon im Vorfeld genau errechnen wie weit sie die Erhöhung machen darf, bevor ein Kunde oder vielleicht auch sehr viele abspringen werden. Ach ja kurz vor der Mail bekam ich einen Gutschein von 50 €. Der gilt aber nur, wenn ich von der Bahncard 50 2ter Klasse auf die Bahncard 50First Klasse umsteige. Diese kostet dann statt 480€ “nur” 240 €. Auch sehr klever. Denn wenn wirklich um “2,5 %” erhöht wird, hat die Bahn noch einen kleinen Bonus oben drauf. Mal sehen was dan die Reisen bei Fernfahrten wirklich kosten werden. Ich bin auch ein Bahnfahrer auch sehr zufrieden. Nur wenn schon alles teurer wird “gestigene Stromkosten”, warum muß die Bahn mehr nehmen, denn sie macht doch immer so schön Werbung grüne Energie. Beim Bremsen der Züge zurück von der Schiene in die Oberleitung und so weiter. So ganz nachvollziehen kann ich das nicht.

  1. 27. September 2012 um 09:55
  2. 26. September 2012 um 08:41
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