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David Milleker – Auf dem Weg zu mehr realer Konvergenz im Euro-Raum?

6. Dezember 2012

Seit Anfang 2011 steigen die Löhne in Deutschland etwas schneller als Irland, Italien oder in Spanien. Das ist erstmals seit Beginn der Währungsunion der Fall.

Zuvor war es stets umgekehrt und hat zu den bekannten Problemen einer im Vergleich zu Deutschland verminderten Wettbewerbsfähigkeit der sogenannten Peripherie-Länder geführt. Allerdings ist im Hinblick auf die Bewertung dieser Entwicklung zu berücksichtigen, dass sich das Lohnwachstum in Deutschland trotz einer günstigen Lage am Arbeitsmarkt nicht deutlich beschleunigt hat. Die Umkehr der länderspezifischen Rangfolge ist daher hauptsächlich der Tatsache geschuldet, dass sich der Lohnanstieg in der Peripherie deutlich vermindert hat.

Eine interessante Fragestellung in diesem Zusammenhang ist, ob die Lohndämpfung in der Peripherie „nur“ auf die schlechte Konjunkturlage und die damit verbundene hohe Arbeitslosigkeit zurückzuführen ist oder ob es im Zuge der Krise zu einem Strukturbruch gekommen ist. Um diese Frage zu klären, haben wir eine statistische Untersuchung in zwei Stufen durchgeführt. Zunächst haben wir mit einem standardisierten Verfahren für alle Länder die makroökonomischen Determinanten der  Lohnfindung untersucht und in einem zweiten Schritt dann einen Test auf Strukturbrüche mit Blick auf jede der Einzeldeterminanten durchgeführt. Die betrachteten Einflussfaktoren auf die Lohnfindung waren jeweils die Arbeitslosenquote, die Inflationsrate und die Produktivitätsentwicklung.

Zunächst verwundert es kaum, dass die Intensität der jeweiligen Einflussgrößen auf die Lohnfindung in den unterschiedlichen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Als gemeinsamer Nenner der Peripherie gegenüber Deutschland fällt eine deutlich höhere Sensitivität der Lohnentwicklung gegenüber den Inflationsraten auf, ohne dass diese durch eine ähnlich höhere Sensitivität auf die Höhe der Arbeitslosenquote kompensiert wird.

Um die Bedeutung in der Praxis zu illustrieren, nehmen wir das Beispiel eines Ölpreisschocks, also eines temporären Preisanstiegs, der simultan und gleichermaßen alle Volkswirtschaften im Euro-Raum betrifft. In der Peripherie überträgt sich dieser Effekt stärker als in Deutschland auf die Lohnentwicklung oder müsste durch einen wesentlich stärkeren Anstieg der Arbeitslosenquoten aufgefangen werden. Mit anderen Worten: Die Betrachtung der Lohnfindungsfunktionen zeigt, dass das Auseinanderdriften der Lohnstückkosten und damit der preislichen Wettbewerbsfähigkeit nach Einführung der EWU nicht einfach Pech, sondern systemimmanent war. Im Rahmen der Euro-Einführungsdebatte wurde die Notwendigkeit der Teilnehmerstaaten, nach einem Schock wieder auf ein gemeinsames Niveau zurückzufinden, unter dem Begriff der „realen Konvergenz“ thematisiert.

Der Test auf Strukturbrüche zeigt allerdings relativ deutlich, dass es seit Ausbruch der Krise zu deutlichen Änderungen gekommen ist. So hat sich die Inflationssensitivität der Lohnfindung in Irland (2009), Italien und Spanien (2010) jeweils vermindert. In Irland hat sich zudem die Sensitivität auf die Arbeitslosenquote erhöht. Für Deutschland lässt sich dagegen kein Strukturbruch feststellen. Oder einfach formuliert: Die Lohnfindung in der Peripherie ist deutscher geworden, die in Deutschland dagegen nicht europäischer.

Diese spezifische Ausprägung hat eine ganze Reihe von Implikationen: Zunächst einmal ist es langfristig positiv, dass die Euro-Krise, wenn auch auf sehr unerfreuliche Art und Weise, dazu beiträgt, die Währungsunion auf realwirtschaftlicher Ebene funktionsfähiger zu machen. Das ist natürlich kein Ersatz dafür, dass ein gemeinsamer Währungsraum darüber hinaus mehr institutionelle, regionale Ausgleichsfaktoren braucht, um langfristig funktionsfähig zu sein.

Eine weitere, nicht zwingend positiv zu beurteilende Implikation, lässt sich bereits jetzt an der Entwicklung der Leistungsbilanzen im Euro-Raum erkennen. Bis 2008 wies der Euro-Raum als Ganzes gegenüber dem Rest der Welt eine weitgehend ausgeglichene Leistungsbilanz aus. Innerhalb des Währungsgebiets hatte Deutschland hohe Überschüsse und die Peripherie deutliche Defizite. Seit Beginn der Krise ist es bei den deutschen Überschüssen geblieben, während sich die Defizite der Peripherieländer deutlich zurückgebildet haben. Die Konsequenz sind rein aus der Saldenmechanik deutliche und stark steigende Überschüsse des Währungsgebietes gegenüber dem Rest der Welt.

Die Erzielung von Leistungsbilanzüberschüssen hört sich zunächst einmal gut an – aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es das allerdings nicht unbedingt. Denn zum einen gehört zu einem Überschuss auch eine Gegenseite, die das entsprechende Defizit aufbaut. Zum anderen muss es für das entsprechend gegenüber dem Ausland aufgebaute Sparvermögen auch sinnvolle Investitionsmöglichkeiten geben. Die Erfahrung mit den Anlagen aus dem deutschen Leistungsbilanzüberschuss in US-Hypothekenpapieren oder in den Peripherie-Ländern kann als Illustration dafür dienen, dass dies gar nicht so einfach ist.  Frei nach Helmut Schmidt ist ein Leistungsbilanzüberschuss die Lieferung von Autos gegen künftige Zahlungsversprechen, die der Käufer erst einmal vernünftig einlösen können muss.

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  1. Daniel Petters
    10. Dezember 2012 um 18:32

    Insgesamt – ich schließe mich dem Vorkommentator an – eine sehr gelungene Analyse. Besonders gut gefiel mir der letzte Abschnitt, und gerne würde ich das Originalzitat von Helmut Schmidt kennen. Denn es ist nicht leicht, überzeugende Argumente für eine halbwegs ausgeglichene Leistungsbilanz zu finden, wenn sich unsere aktuelle Ministerriege bei der Bekanntgabe der Zahlen grinsend hinstellt und feixt wie toll Deutschland ist.

    Nach Zahlen der Bundesbank hatte Deutschland zwischen 2001 und 2011 einen Leistungsbilanzüberschuss von 1,15 Billionen Euro. Im gleichen Zeitraum ist aber das deutsche Nettoauslandsvermöge nur um 0,66 Billionen Euro angestiegen – inklusive Target-2.

    Es wirkt auf den ersten Blick zumindest so, als sei das kein gutes Geschäft.

  2. Jotak
    7. Dezember 2012 um 00:10

    aufklärend und knapp, gelungene Analyse

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