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Die Kolumne – Vom Fuß an die Gurgel

7. Dezember 2012

In zwölf Jahren FTD sind Deutschlands Großdenker von neurotischer Selbstpeinigung in neunationalen Hochmut gewechselt. Dabei bräuchte das Land dringend den Mittelweg.

Winston Churchill soll ja mal gesagt haben, dass man die Deutschen entweder zu Füßen hat – oder an der Gurgel. Das ist natürlich unerhört übertrieben, böse britisch und überhaupt, na ja, so falsch wahrscheinlich nicht.

Als die FTD vor zwölf Jahren startete, war es im Land der Hans-Olaf Henkels jedenfalls Mode, das deutsche Ende zu prophezeien, den Niedergang des Standorts, den Abstieg des Superstars, die Krätze der Basarökonomie. Und als heilige Vorbilder Amerikaner, Briten und Iren zu preisen, manchmal sogar Spanier (kein Scherz). Partymotto: Zu Boden, Deutschland. Sie erinnern sich.

Böses ausländisches Kapital

Zwölf Jahre später ist alles anders. Jetzt preisen Deutschlands Großdenker niemanden mehr – außer unser Exportreich. Da deklassieren wir selbstlobend die anderen, zeigen den Schluderern, wie es geht. Und schimpfen über unsolide Amis, Briten, ach, das böse angloamerikanische Kapitalistenreich, das nur unser Geld will. Erst recht die Südländer. Bonjour Neurose. Da reicht mittlerweile die falsche Nationalität des EZB-Chefs, um Schuldenländer-Komplotts zu vermuten. Oder südliche Erpressung, wenn eine Regierung nicht sofort macht, was wir ihr verschreiben. Zu Boden, Widerborste. Der Rest der Welt wird grad das Gefühl nicht los, als tendiere mancher hier doch zur Gurgellösung.

Dabei ist der neue Hochmut so deplatziert, wie es die Selbstpeinigung war. Deutschland ist ja nicht über Nacht ein anderes Land geworden, wie es das Agenda-Märchen weismacht. Das Land war nie so schlecht, wie es geredet wurde. Wir waren schon wieder Exportweltmeister, als Ifo-Chef Sinn 2003 über den Untergang orakelte. Da gab es die Reformagenda 2010 noch gar nicht. Nie hat der Export so stark gezogen. Von wegen Basarökonomie.

Umgekehrt waren auch die Amis und Briten nie so heilig, wie sie gesprochen wurden. Selbst hochflexible Arbeitsmärkte helfen nicht, wenn Immobilienmärkte und Finanzbranche verrückt spielen und es dann crasht, was, Zufall oder nicht, gerade die ehemaligen Lieblinge traf. So was.

Daraus heute eine deutsche Lehrmeisterbefähigung abzuleiten ist genauso absurd. Eine Immobilienblase? Hatten wir vor 20 Jahren nach der Einheit. Lohnexzesse? Ebenfalls. Staatsdefizite? Wir waren die Ersten, die über Jahre gegen den Stabilitätspakt verstießen. Damals hatten Spanier wie Iren Überschüsse. Und: Wenn’s kritisch wurde, war die Bundesbank immer höchst pragmatisch. Anders als in der Predigt. Gut so.

Allerdings dürfte die Bundesbank selten so viel internationales Ansehen in so kurzer Zeit verspielt haben wie in jüngster Vergangenheit: indem Bundesbankchefs über Monate gegen die Krisenpolitik poltern, dann aber flüchten. Was bleibt, ist der Eindruck, dass man weder argumentativ überzeugen kann – noch weiß, wie die Krise anders zu lösen wäre.

Zumal wenn die Praxis dann die Worte Lügen zu strafen scheint. Seit der EZB-Chef im Sommer als letzte Instanz intervenierte, wie es jede andere Notenbank der Welt tut, hat die Krise an Dramatik verloren – ohne dass massig Staatsanleihen gekauft werden mussten, wie deutsche Mahner prophezeit hatten. Nun fließt Kapital wieder in die Südländer. Erst mal Schluss mit Target-2-Alarm.

Die Erfahrungen der vergangenen zwölf Jahre lehren, dass Amerikaner und Briten durchaus Grund haben, sich etwas von deutscher Stabilitätskultur, Exportspezialisierung, ausgeprägten Sozialsystemen und geringeren Einkommensgefällen abzugucken. Mindestens ebenso weise wäre aber, wir würden auch von anderen lernen. Stabilität ist weder eine deutsche Eigenart noch als Mittel gegen alle Übel der Welt tauglich. In Krisen wie der jetzigen muss eine Notenbank auch mal intervenieren, um Abwärtsspiralen zu stoppen. Da hilft das Beten von Prinzipien gar nichts, im Gegenteil. Da braucht es auch einmal Konjunkturpakete, was anno 2000 noch verpönt war. Die Bundesregierung hat das offenbar verstanden, wenn sie jetzt präventiv das Kurzarbeitergeld verlängert. Wenn sich die Konjunktur nicht bald zum Besseren wendet, muss mehr her.

Das Jammern der ersten 2000er-Jahre hat stark dazu beigetragen, die damalige Stagnation zu verstärken und die Arbeitslosigkeit auf fünf Millionen steigen zu lassen. Wie fahrlässig. Genauso fahrlässig ist es jetzt, die deutsche Wirtschaft zur Übermacht zu stilisieren. Der nächste Abschwung kommt bestimmt. Und dann wäre es gut, die Sache mit Maß anzugehen, statt uns gleich wieder das deutsche Ende einzureden und uns der Welt zu Füßen zu werfen.

Wie wäre es mit gesundem Stolz und Demut? Dann wären blöde Sprüche von Churchill verzichtbar.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. Tobias Bettkober
    10. Dezember 2012 um 12:07 | #1

    Ihr Beitrag gefällt mir auch ohne Facebook und Co. Ich hoffe Ihre kritische Analyse verstummt nicht in Zukunft, und auch ein paar Charts bleiben als Untermalung. Danke für die Aufklärung bisher.

  2. Hans Prömm
    9. Dezember 2012 um 14:07 | #2

    Ja, auch ich werde Ihre Beiträge vermissen, denn – obwohl ihr Weltbild von einer seltsamen Mischung aus deutscher Nachkriegsmoral und europäischem Bruderstaatsozialismus geprägt ist – haben Sie einen schönen Schreibstil und sehr zutreffende Partialanalysen geboten. Mit deutschem (Steuerzahler)Geld einen einheitlichen europäischen Zentralstaat zu finanzieren, das ist eine monströse Idee, der sich nicht nur Deutsche (wer sind diese Deutschen? In 100 Jahren auf jeden Fall mehrheitlich muslimisch…) sondern die Mehrheit der Europäer widersetzen werden. Freihandelszone ja, Zentralstaat nein! Ich hoffe, dass Ihre Schreibe bald woanders zu lesen sein wird, denn Sie (und auch Herr Münchau) dienten mir immer als eine Art Kompass, der mir zeigte, wie “die anderen” denken. Alles Gute und bis dann, Herr Fricke!

  3. prestele
    7. Dezember 2012 um 21:21 | #3

    Wahrlich ich werde Ihre Kommentare vermissen. Immer right to the point und gegen den trivialen Mainstream des Neoliberalismus.
    Herzlichen Dank

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