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Christian Schulz – Draghis „Whatever it takes“: ein Jahr danach

8. August 2013

Europas Wirtschaftskrise ist nicht vorbei. Trotz vieler positiver Zeichen: die Produktion in  meisten Krisenländern am Rande der Eurozone schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt und die Zinsen für Staatsanleihen bleiben viel höher als in Deutschland oder Frankreich. Dennoch hat der Rettungsschirm, den EZB-Präsident Mario Draghi vor ziemlich genau einem Jahr ankündigte, eine enorme Wirkung entfaltet. Das systemische Element der Krise scheint weitgehend verschwunden.

Zwei wichtige Indikatoren sprechen dafür: (1) Während die politischen Turbulenzen in Italien die dortigen Renditen auf Staatsanleihen wieder in die Höhe trieben, reagierten die Anleger in spanischen Papieren praktisch nicht. Die Zinsdifferenz zwischen 10-jährigen Staatsanleihen der beiden sank einfach von 100 Basispunkten zugunsten Italiens Ende Januar auf jetzt nur noch 20 Basispunkte. Es gab keine Ansteckung. (2) Der Einkaufsmanagerindex des Industriesektors der Eurozone lag im Juni bei 48,8. der gewichtete Durchschnitt von USA und China bei 50,7. Die Differenz beträgt nur noch 1,9 Punkte, verglichen mit durchschnittlich mehr als fünf Punkten 2012.

Die Einkaufsmanagerindizes weichen normalerweise kaum voneinander ab, weil das verarbeitende Gewerbe global stark vernetzt ist. Doch von Mitte 2011 bis Ende 2012 hatte sich die Eurozone systematisch vom Rest der Welt nach unten abgekoppelt. Dass sich die Divergenz nun wieder im normalen Schwankungsbereich befindet, ist ein weiteres Zeichen dass das systemische Element der Krise schwächer geworden ist.

Die Panik hat sich weitgehend verflüchtigt und die drastischen Sparmaßnahmen und Reformen in der Eurozone haben ihren Höhepunkt überschritten. Nun bleibt ein langer Weg zu Vollbeschäftigung und niedrigeren Staatsschulden. Und dieser Weg bleibt gesäumt von Risiken: aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und der noch immer nicht spürbaren Wende zum Besseren hören die politischen Turbulenzen in den Krisenländern nicht auf. Beispiel Portugal: der impulsive Rücktritt des Außenministers Portas, der gleichzeitig Vorsitzender des Juniorpartners in der Mitte-Rechts Koalition von Premierminister Passos Coelho ist, hat die bis dahin disziplinierte Koalition an den Rande des Zusammenbruchs geführt. Und kaum hatte der Premierminister die Wogen wieder geglättet, fiel ihm der Staatspräsident Cavaco Silva, ein Parteifreund, in den Rücken mit der Forderung nach einer nationalen Rettungsregierung.

Spätestens seit den Erfahrungen in Griechenland und Italien, in denen kurzlebige Einheitsregierungen den Weg zum Erstarken radikaler Protestparteien ebneten, reagieren die Märkte allergisch auf solche Krisen. Doch die Beispiele von Griechenland und Italien zeigen ja auch, dass letztlich die Vernunft siegt und der Druck der Märkte und der Partner die Länder auf Kurs halten.

Griechenland bleibt ein Spezialfall. Während Portugal trotz der jüngsten Turbulenzen für den Rest des Jahres bereits fast vollständig finanziert ist, steht Hellas weiter praktisch permanent am Abgrund der Zahlungsunfähigkeit. Nun ist die Mehrheit der Samaras-Regierung von 29 Parlamentssitzen bei Gründung im letzten Sommer auf nur noch 5 abgeschmolzen. Das Risiko von Neuwahlen bleibt hoch. Und sollte die derzeitige Oppositionspartei Syriza nach einem möglichen Wahlsieg bei ihren Forderungen nach einer Umkehr der Reformen und einer Zahlungsverweigerung an die europäischen und internationalen Partner bleiben, könnte eine griechische Pleite und der Euroaustritt wieder ein realistisches Szenario werden.

All diese kleinen und großen Krisen – wir könnte das Berlusconi-Risiko in Italien oder den möglichen Korruptionsskandal in Spanien hinzufügen – mögen das jeweilige Land kurzfristig teuer zu stehen kommen. Doch direkte Ansteckungseffekte drohen dank des EZB-Sicherheitsnetzes eigentlich nicht.

Trotzdem bleiben auch schwere systemische Risiken. Erstens könnte das Bundesverfassungsgericht das EZB-Sicherheitsnetz wieder fortziehen und die Krise erneut entfachen. Zweitens glauben der IWF und einige Hardliner, die Lehre aus der Krise sei die Notwendigkeit eines frühen Schuldenschnitts für die Krisenländer. Sollten solche Gedankenspiele ernst werden, könnte die Flucht aus Staatsanleihen und Finanzsystemen der Peripherie aus Angst vor dem Schuldenschnitt natürlich jederzeit wieder einsetzen. Weitere Rettungspakete oder Schuldenschnitte würden drohen.

Zum Glück und zu Recht wehrt sich Deutschland gegen solche Gedankenspiele aus Washington. Die Chancen stehen gut, dass Europa langsam aus der Krise herausfinden kann, nur so lange die Krisenländer in der Rezession stecken, bleibt es verletzlich.

Christian Schulz ist Senior Economist bei der Berenberg Bank.

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