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Posts Tagged ‘Lindau-Konferenz’

Lindau: Nobelpreisträger tendenziell ratlos

29. August 2011 Kommentare aus

In Lindau trafen sich einige der ausgewiesener Maßen klügsten Ökonomen. Auch sie sind sich nicht einig darüber, wer oder was Schuld an der Finanzkrise war. Das Vertrauen in “den Markt” schwindet. Doch was folgt statt dessen?
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Lindau: Aktuelle Eindrücke aus der Verhaltensökonomie

26. August 2011 Kommentare aus

Der Homo Öconomicus war lange Zeit die wirtschaftswissenschaftliche Antwort auf die Frage nach der Natur des Menschen. Empirische Daten zeigen jedoch, dass unser Verhalten oft nicht zur Annahme der absoluten Rationalität passt. In einer Diskussionsrunde zum Thema Verhaltensökonomie sprachen in Lindau sechs Nobelpreisträger darüber, wie ökonomisches Verhalten tatsächlich funktioniert und wie sich diese Ansichten auf die Forschung auswirken.

Auch wenn keiner der Diskutanten an vollständig rationales Verhalten glaubt, gehen die Meinungen auseinander. Nachdem alle ihre Ansichten umrissen haben, kommt es zu einer hitzigen Diskussion zwischen Aumann und Selten. Dabei wirken ihre Standpunkte auf den ersten Blick gar nicht so verschieden. Beide finden, dass man nicht nur die letztendlichen Handlungen bewerten sollte, sondern auch die Art und Weise, wie ein Individuum zu seinen Entscheidungen gelangt.

Aumann hängt der Theorie der rationalen Entscheidungsregeln an. Demnach verhielten sich Menschen zwar nicht immer rational, würden ihr Verhalten aber an optimierten und somit rationalen Regeln ausrichten. “In bekannten Situationen führt dies zu optimalen Entscheidungen – auf dem Weg zur Arbeit zum Beispiel verhalten sich Menschen rational und wählen den Weg, der üblicherweise der schnellste ist.” In ungewohnten Situationen, für die noch keine Verhaltensregeln existieren, käme es hingegen zu Fehlern. Deswegen seien auch Laborexperimente kaum geeignet, um menschliches Verhalten zu untersuchen.

Im Gegensatz zu seinem Vorredner glaubt Selten, dass unser Verhalten, selbst in alltäglichen Situationen, nicht optimal sei. Er vertritt die Theorie der beschränkten Rationalität. So hätten Menschen nicht, wie in den Wirtschaftswissenschaften verbreitet angenommen, eine persönliche Nutzenfunktion, die es zu optimieren gilt – schon deswegen könne von Optimalität gar nicht die Rede sein. Stattdessen würde jeder eine Reihe verschiedener Ziele verfolgen und diese ihrer Bedeutung nach abarbeiten.

Gerade die unterschiedlichen Positionen der Preisträger machen deutlich, wie schwierig es ist, ein Raster zu finden, das menschliches Verhalten zu fassen vermag. Die Nobels appelieren an die jungen Forscher, diesen Fragen weiter nachzugehen. Sie seien nicht nur mikroökonomisch von Bedeutung sondern würden auch makroökonomischer Zusammenhänge beeinflussen.

Von Sandra Kaselow

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Lindau: Durch Umverteilung Armut reduzieren

26. August 2011 Kommentare aus

Noch vor etwa 30 Jahren lebten in China mehr als 90 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 Dollar am Tag. Vor der Finanzkrise im Jahr 2008 waren es weniger als 20 Prozent. Wie China seine Armut so schnell reduzieren konnte und wo die Unterschiede zur Armut in Afrika liegen, erklärte der Nobelpreisträger Sir James A. Mirrless in seinem Beitrag zum Thema “Poverty, Inequality, and Food”.Wie noch heute in Afrika, lebte auch im China der 80er Jahre der größte Teil der Armen in ländlichen Gebieten. Einige konnten ihren Lebensstandard verbessern indem sie in städtische Gebiete zogen, wo die Einkommen höher sind. Der wichtigste Aspekt in der Bekämpfung der Armut sei aber das landwirtschaftliche Wachstum gewesen, sagte Mirrless. Im Zuge der grünen Revolution kamen chemische Düngemittel auf den Markt, die Erträge auf den Feldern stiegen deutlich. Und mit ihnen, unterstützt von steigenden Nahrungsmittelpreisen, auch die Einkommen der Bauern.

Wachstum in der Landwirtschaft sei für Afrika aber nicht der richtige Weg, glaubt Mirrless und verweist auf eine Besonderheit in der Agrarkultur Chinas: die Landverteilung. Nach dem Sieg der Kommunisten kam es im Jahr 1950 zu einer gravierenden Umverteilung des Landes. Reiche Großgrundbesitzer wurden enteignet und ihr Land unter den armen Bauern aufgeteilt, die plötzlich keine Pacht mehr bezahlen mussten.

“In Afrika könnten Umverteilungen eine Alternative zum Wachstum in der Landwirtschaft bilden.”, sagte Mirrless. Er denkt dabei aber nicht daran, jemanden gewaltsam zu enteignen. Anstelle von Land schlägt er vor, Geld umzuverteilen. In Brasilien und Indien bekämen bereits Millionen von Haushalten regelmäßig kleine Mengen an Geld überwiesen. So können sie in lokale Produkte investieren oder ihre Kinder zur Schule schicken. Die Armut wird reduziert.

Allerdings müsse bei solchen Maßnahmen der “Umverteilungseffekt” berücksichtigt werden. Nähme man zum Beispiel, ganz im Sinne von Robin Hood, Geld von den Reichen, um es den Armen zu geben, würde die Nachfrage der Reichen sinken. “Im Zuge dessen steigen die Nahrungsmittelpreise, was vor allem der mittleren Einkommensschicht schadet. Deswegen muss auch sie bei der Umverteilung berücksichtigt werden.” So könne man beispielsweise Steuern von den Grundbesitzern verlangen, die ja an den höheren Nahrungsmittelpreisen verdienen. “Wird der Umverteilungseffekt nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr, dass die Verluste einer Umverteilung deren Gewinne übersteigen.”

Von Sandra Kaselow

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Lindau: Tanzende Nobelpreisträger und die bunte Welt der Wirtschaft

25. August 2011 Kommentare aus

Während sich die Konferenzteilnehmer am frühen Abend von all den Vorlesungen, Diskussionsrunden und Gesprächen erholen, wird der große Konferenzraum für die Abendveranstaltung vorbreitet. Langen Stuhlreihen weichen langen Dinnertafeln und einer Tanzfläche, das Rednerpult auf der Bühne macht Platz für Musikequipment.

Gegen acht Uhr beginnt sich der Saal erneut zu füllen. Die Nobelpresiträger haben sich auf die Tische verteilt und die Studenten wählen ihre Abendgesellschaft. Bei leichter Jazzmusik genießen Preisträger und junge Ökonomen das Buffet und die Möglichkeit, sich in lockerer Atmosphäre auszutauschen.

Nach dem Essen gesellt sich eine Sängerin zur lokalen Band und die Musik wird tanzbarer. Erste Zögerlichkeiten sind bald überwunden, die Tanzfläche füllt sich und sogar die Nobelpreisträger lassen sich nicht lumpen. Man munkelt, es sei vielleicht der einzige Anlass, zu dem man sie tanzen sehen könne. Die ehrwürdigen Herren genießen es sichtlich, mit den Nachwuchstalenten in Kontakt zu kommen, beantworten gern deren Fragen und geben Autogramme. Die Stimmung ist ausgelassen. Einige Inder haben sich, trotz der eher westlichen Musik, für die typische Bollywood-Tanzweise entschieden und überzeugen nach und nach auch andere Tänzer von ihrem Stil.

Abseits der Tantfläche erzählen sich die Konferenzteilnehmer bunte Geschichten von den Wirtschaften ihrer Heimatländer: Ein Journalist aus Argentinien berichtet, dass in Zeiten der Staatspleite in einigen Städten Ersatzwährungen existierten, die neben dem Peso akzeptiert wurden. Ein Student aus Griechenland findet, dass die Menschen in seinem Land nicht den Eindruck machen, einer schlimmen Krise ausgesetzt zu sein. Ein Mitarbeiter des Bundestages erzählt einer Chinesin, die beim IMF arbeitet, dass bald der Papst im Parlament sprechen und mit großen Demonstrationen gerechnet wird.

Die Veranstalter geben sich zufrieden mit dem Verlauf des ersten Konferenztages. Vor allem die Begeisterung in den Gesichtern der jungen Ökonomen sei all die organisatorischen Mühen wert. Ihren Idolen nicht nur live bei Vorträgen zu lauschen sondern persönlich mit ihnen diskutieren zu können, ist für alle eine außergewöhnliche Erfahrung. Viele Programmpunkte sind speziell darauf ausgerichtet, den Dialog zwischen den Forschergenerationen zu fördern. In nachmittäglichen Diskussionsrunden können die Jungen Fragen zu den Veranstaltungen des Tages stellen. Wer eine Einladung erhalten hat, kommt sogar in den Genuss, mit einem der Preisträger zu frühstücken. Dafür stehen die Nachwuchswissenschaftler, trotz des langen und anstrengenden Konferenztages, auch gern ganz früh auf.

Von Sandra Kaselow

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Lindau: Die Europäer geben ungern Verantwortung ab

24. August 2011 Kommentare aus

In Sachen Arbeitsmarkt können wir uns von den USA noch eine Menge abgucken – das zumindest legen die Arbeitsmarktdaten der beiden Wirtschaftsregionen nahe. Mit der Frage, was geanu wir lernen können und wo es in Eurozone Potential für neue Arbeitsplätze gibt, beschäftigte sich der Nobelpreisträger Christopher A. Pissarides in seinem Vortrag zur “Zukunft der Arbeit in Europa”. Ein Bericht von der Nobelpreisträgerkonferenz in Lindau.

Der Anteil der Beschäftigten an der arbeitsfähigen Bevölkerung ist in den Staaten mit fast 80 Prozent nicht nur gut zehn Prozent höher als in der Eurozone, auch die Entwicklung des Arbeitsmarktes in den USA war, betrachtet man die vergangenen 40 Jahre, positiver. Seit den 70er Jahren ist die Zahl der Beschäftigten in den USA stetig gestiegen. In der Eurozone ging sie bis in die 90er Jahre zurück.

“In der Arbeitskultur der beiden Wirtschaftsräume bestehen große Unterschiede, was die Auslagerung von Tätigkeiten angeht.”, sagte Pissarides in seinem Beitrag. Dies beträfe sowohl den privaten als auch den geschäftlichen Bereich. Ein Drittel der geringeren Arbeitsquote der Eurozone ließe sich so erklären. “Die größten Unterschiede in den Beschäftigungszahlen gibt es im Bereich Business Services, wie Accounting, Consulting oder Human Resources.”, so Pissarides. “Amerikanische Firmen beauftragen gern andere Unternehmen, diese Tätigkeiten für sie zu übernehmen, während die Europäer ihnen lieber intern nachkommen.” Das könnte, laut Pissarides, unter anderem daran liegen, dass die Rahmenbedingungen für Unternehmen in Europa schlechter seien. So würden weniger Firmen gegründet, die den Auslagerungs-Tätigkeiten nachgehen könnten.

Es sei aber auch eine Frage der persönlichen Präferenzen, ob und wie viel Arbeit abgegeben wird. “Bei privaten Verbrauchern spielen diese Vorlieben eine besonders große Rolle. Viele US-amerikanische Haushalte lassen außenstehende Personen für sie einkaufen gehen, kochen oder auf die Kinder aufpassen. In Europa hat sich dieser Trend weit weniger durchgesetzt.” Vor allem die Deutschen, Italiener und Belgier kämen ihrer privaten Arbeit lieber selbst nach. “Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Erziehung ihrer Kinder. Die geben sie nicht gern in fremde Hände, sondern lassen sie lieber von Freunden oder Familienmitgliedern betreuen.”

Da es eben Geschmackssache sei, welche Tätigkeiten man selbst ausführen wolle, sei der strukturelle Unterschied nicht generell als schlecht zu bewerten. Trotzdem gäbe es Möglichkeiten, positiv auf den Arbeitsmarkt einzuwirken und bessere Bedingungen für das Entstehen neuer Jobs zu schaffen. Neben den Unternehmensbedingungen würde auch die Besteuerung von Arbeit eine große Rolle spielen. “Höhere Steuern führen dazu, dass weniger gearbeitet und weniger ausgelagert wird.” Diese Aspekte sollten sowohl Wissenschaftler als auch Politiker in ihre Betrachtungen des Arbeitsmarktes mit einbeziehen.

Von Sandra Kaselow

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Lindau: Ein Knaller zur Eröffnung

24. August 2011 Kommentare aus

Die Lindauer -Konferenz der Nobelpreisträger hat heute mit einer echten Knaller begonnen. Der Bundespräsident attackiert die EZB. Das gab es noch nicht. Das war überraschend.
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[Nobelpreisträgertreffen Lindau] Ein etwas optimistischerer Blick auf die Finanzkrise

24. August 2008 Kommentare aus

Die Finanzkrise dürfte früher vorbei sein, als so mancher Schwarzmaler derzeit vorhersagt, sagte Robert Solow am Rande der Tagung, die gestern endete. Bisher habe sich die Krise des Finanzsektors nur wenig auf den Rest der US-Wirtschaft ausgewirkt. Wenn es so bleibe, können die USA eine Rezession oder eine Depression vermeiden.

So fielen auf der Tagung besonders Joseph Stiglitz und andere mit ihren Prognosen auf, dass die Turbulenzen noch bis 2010 anhalten werden. Auch Fed-Chef Ben Bernanke äußerte am Wochenende seine Sorgen um die Stabilität des Finanzsystems. Dagegen schätzt Solow die Gefahr geringer ein, dass die Finanzkrise die Probleme auf dem Immobilienmarkt und damit den Abschwung der Gesamtwirtschaft drastisch verschärfen.

Zwar habe das Finanzsystem den Immobilienboom, der bis vor gut zwei Jahren noch anhielt, erst geschaffen. „Doch Finanzkrise und Immobilienkrise sind jetzt unabhängig von einander“, sagte er. Es gebe gute Aussichten, dass die Finanzkrise langsam abflaut, dass die Banken ihre ausgelagerten Risiken abbauen und auch die Kreditvergabe wieder ausweiten. „Sicherlich werden einige Banken ihr Kapital erhöhen müssen“, sagte Solow „Ich denke, die Finanzturbulenzen werden zwar noch nicht im zweiten Halbjahr vorbei sein, aber sie werden nur wenig länger anhalten.“
 
Dann dürften die Effekte auf das US-Wachstum begrenzt bleiben. „Bisher haben wir noch keine Rezession gesehen“, sagte Solow. „Und es ist auch unwahrscheinlich, dass es zwei Jahre lang eine Depression geben wird.“ Die bisherige Wachstumsverlangsamung lasse sich recht gut mit der Häuserkrise erklären. Zudem hätten die Exporteure dank der Dollarschwäche das Wachstum gestützt.

Selbst Solow gab sich aber nicht übermäßig zuversichtlich, denn seiner Meinung dürfte es wohl noch zwei Jahren dauern bis das Überangebot an Immobilien in den USA abgebaut ist. “Die US-Wirtschaft muss aber nicht warten bis die Immobilienkrise vorbei ist, um zu wachsen. Sie kann einen Stimulus auch von Konsumausgaben oder den Unternehmensinvestitionen in Maschinen und andere Anlagen erhalten.“ Daher sei es realistisch, dass sich das Wachstum in den nächsten zwei Jahren bei einem halben bis einen Prozent einpendelt, sagte Solow.

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