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Jagdish Bhagwati – It’s the technology, stupid!

5. Januar 2007

Die Globalisierungsdebatte erreicht die amerikanische Mittelschicht: Freihandel und Einwanderer sollen schuld sein an sinkenden Arbeiterlöhnen. Doch der Grund dafür ist viel älter als die Globalisierung

In den USA wurde zuletzt viel über die seit Langem anhaltende Stagnation der Löhne geschrieben. Viele glauben, dass die Existenz der Mittelschicht gefährdet ist.
CNN-Kommentator Lou Dobbs, das Economic Policy Institute der US-Gewerkschaften und nahezu alle neu in den Kongress gewählten Demokraten glauben, dass die Globalisierung viel mit der wirtschaftlichen Notlage der amerikanischen Arbeiter- und der Mittelschicht zu tun hat. Angesichts dessen ist es schlüssig, dass sie den Türspalt enger machen wollen, wenn es um den Handel mit armen Ländern geht – und teilweise auch, wenn es um die Einwanderung ungelernter Arbeiter in die USA geht.
Befürworter der Globalisierung dagegen finden sich in einer politisch unglaubwürdigen Position wieder. Größtenteils lavieren sie herum und akzeptieren dadurch implizit die Kritik an der Globalisierung. Nichtsdestotrotz schlagen sie vor, dass die negativ Betroffenen die Globalisierung hinnehmen, aber auch Hilfe bekommen sollen, um irgendwie mit ihrem Elend fertig zu werden.
Doch die Globalisierungsanhänger stehen auf festerem Boden, als sie glauben: Betrachtet man die allgemeinen Argumente genauer, die darauf hinauslaufen, die Globalisierung mit der Verteilungsschieflage in Zusammenhang zu bringen, bleibt am Ende wenig Überzeugendes übrig.
Erstens zeigen alle empirischen Studien (inklusive derer, die von einigen der besten Handelsökonomen wie Paul Krugman und Robert Feenstra durchgeführt wurden), dass der Handel keine wesentlichen negativen Auswirkungen auf die Löhne hat. Meine eigenen empirischen Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass der Handel mit armen Ländern vielleicht sogar eher den Abwärtsdruck auf die Löhne gelindert hat, den ein schneller technischer Wandel ansonsten verursacht hätte, weil dadurch ungelernte Arbeiter schneller eingespart worden wären.
Zweitens: Auch Studien von Arbeitsökonomen zu der Frage, welche Folgen der Zustrom illegaler Arbeitskräfte in die USA hat, können keinen Lohnsenkungseffekt beweisen. Die jüngste Studie von George Borjas und Larry Katz zeigt, dass die Auswirkungen auf die Löhne der Arbeiter praktisch zu vernachlässigen sind.
Hat die Globalisierung die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer geschwächt und damit Druck auf die US-Löhne ausgelöst? Ich bezweifle das sehr. Dieses Argument ist bedeutungslos, wenn Arbeitgeber und -nehmer in einem wettbewerbsintensiven Markt agieren und die Arbeiter den üblichen Mindestlohn erhalten müssen. Nicht von ungefähr sind mittlerweile weniger als zehn Prozent der amerikanischen Arbeiter gewerkschaftlich organisiert.
Es wäre aber fragwürdig zu behaupten, dass die sich beschleunigende Globalisierung die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften dezimiert habe. Der Rückgang der gewerkschaftlichen Organisierung reicht über die vergangenen zwei Jahrzehnte Globalisierung hinaus, hat in diesen zwei Jahrzehnten auch keine dramatische Beschleunigung gezeigt und lässt sich auf die gewerkschaftsfeindlichen Bestimmungen des 60 Jahre alten Taft-Hartley-Gesetzes zurückführen, die die Streikmöglichkeiten drastisch beschnitten haben.
Hat die Abnahme ausländischer Direktinvestitionen das Kapital verringert, das ansonsten hätte verwendet werden können, um ungelernte Arbeiter in den USA zu beschäftigen? Und hat dies zu einem Rückgang der Löhne beigetragen? Nein. Bei näherem Hinsehen zeigen die Zahlen, dass die USA ungefähr so viel an Investitionen eingenommen haben, wie sie über die vergangenen zwei Jahrzehnte verloren haben. Man darf eben nie nur eine Seite einer Sache betrachten.
Schuld am Lohnverfall in den USA ist nicht die Globalisierung. Schuld sind vielmehr arbeitssparende technische Veränderungen, die den Druck auf die Löhne der Ungelernten immer weiter erhöhen. Technischer Wandel führt zu ständigen Einsparungen bei der Verwendung unqualifizierter Arbeitskräfte.
Ein einprägsames Beispiel für diese Entwicklung findet sich im Charlie-Chaplin-Film „Moderne Zeiten“: In einer Szene läuft Chaplin am Fließband Amok, nachdem er einmal zu viel den Schraubenschlüssel gedreht hat. Auch heute gibt es noch Fließbänder. Aber man sieht dort keine Arbeiter mehr. Die Fließbänder werden vom Computer gesteuert, der wiederum von hoch qualifizierten Technikern bedient wird.
Derlei technische Veränderungen breiten sich rasch aus. Das führt natürlich kurzfristig zu Druck auf Arbeitsplätze und Löhne. Doch die Erfahrung lehrt, dass die Entwicklung langfristig in eine J-Kurve mündet, die – wo verstärkte Produktivität greift – auch höhere Löhne mit sich bringt.
Warum aber hat sich in fast zwei Jahrzehnten in der Lohnstatistik kein solcher Effekt gezeigt? Ich nehme an, die Antwort ist die enorme Intensität, mit der ungelernte Arbeitskräfte von technischen Neuerungen verdrängt wurden. Und die Tatsache, dass diese technische Revolution noch immer nicht abgeschlossen ist. Bei früheren Erfindungen wie die der Dampfmaschine war das anders. Bevor die Arbeiter das ansteigende Segment der J-Kurve erreichen, müssen sie also wohl noch mehr technische Veränderungen über sich ergehen lassen.
Der Druck auf die amerikanischen Löhne ist unerbittlich, und er hält länger an als bei der Einführung technischer Neuerungen in der Vergangenheit. Doch diese technischen Veränderungen, die wie ein Tsunami zuschlagen, haben mit der Globalisierung nichts zu tun.

*Jagdish Bhagwati ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University in New York. Beitrag erschienen in FTD

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