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Verdrängte globale Risiken

16. Januar 2007

Was sind die wichtigsten weltwirtschaftlichen Risiken der heutigen Zeit? Auf diese Frage gibt es in Deutschland eine übliche Litanei von Antworten: soziale Ausgrenzung und Armut, Jobunsicherheit durch den Globalisierungsprozess, mangelnde finanzielle Tragfähigkeit unserer Renten- und Krankenversicherung, unzureichende Ausbildung benachteiligter sozialer Schichten, die weiterhin hohe Arbeitslosigkeit usw. Dies sind alles wichtige Probleme, die uns zu recht beunruhigen. Nur bleibt eins in dieser Risikoaufzählung unbeachtet.

Es ist die Tatsache, dass die allergrößten weltwirtschaftlichen Risiken eigentlich wenig oder überhaupt nichts mit der Wirtschaft zu tun haben. Diese Megarisiken befinden sich auf der geopolitischen Ebene. Was würde mit der Weltwirtschaft geschehen, wenn Terroristen nukleare, chemische und biologische Bomben von Nordkorea kaufen und sie in westlichen Großstädten explodieren ließen? Oder wenn Iran eine Atombombe entwickelen und sie auf Israel abfeuern würde? Oder wenn Iran die Straße von Hormuz langfristig schließen würde, um das westliche Wirtschaftssystem in grundlegendes Bedrängnis zu bringen? Oder wenn Selbstmordattentäter mit der selben Häufigkeit in unseren Städten auftauchen würden wie im Irak?

Dies sind die Möglichkeiten, die in den herkömmlichen Analysen der Weltwirtschaft in der Regel nicht auftauchen. Es sind die „verdrängten Risiken,“ die wir gern ignorieren. Wir stellen uns vor, dass Terroristen gewalttätig geworden sind, einfach weil sie lange Zeit arm, frustriert, entmutigt, hoffnungslos und ausgegrenzt waren.

Wenn wir den verdrängten Risiken hemmungslos ins Auge schauen würden, dann kämen viele von uns, meines Erachtens, zu einem weitreichenden Schluss: Die wirklich großen Auseinandersetzungen der Menschheit sind nicht mehr die ideologischen (der Machtkampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus). Die größten Bedrohungen entstehen heutzutage durch Konfrontationen zwischen zwei fundamental verschiedenen Geisteseinstellungen: die Humanisten, die das menschliche Leben als höchsten Wert betrachten, und diejenigen – nennen wir sie Instrumentalisten – die die Menschheit als Instrument zum Erlangen höherer Werte verstehen.

Die Humanisten verfolgen menschlichen Wohlstand und Sicherheit. Sie befürworten Demokratie, in der Überzeugung, dass eine stetig menschenfreundliche Regierung nur durch das Votum der Bürger entstehen kann. Die Instrumentalisten glauben hingegen, dass das menschliche Leben einen höheren Zweck erfüllen muss, um sich zu gerechtfertigen. Der höhere Zweck kann von der Erfüllung gottesbefohlener Gebote (wie im Iran) bis zur Aufrechterhaltung einer Diktatur (wie in Nordkorea) reichen. Demokratie ist danach nicht erstrebenswert, denn der Mensch hat einer höheren Autorität zu folgen, nicht seinen Mitbürgern. 

Zwischen diesen zwei Positionen gibt es eine unüberbrückbare Kluft des Unverständnisses. Die Humanisten glauben, dass die „Verhaltensstörungen“ der Instrumentalisten durch genügend Auslandshilfe und Diplomatie beseitigt werden können. Die Instrumentalisten sehen die Humanisten als böse, dekadente, gefährliche Kräfte, die die Welt in den moralischen Abgrund ziehen könnten.

Es ist unmöglich, politische Auseinandersetzungen unter diesen zwei Gruppen durch Gedankenaustausch, geduldiges Zuhören, Toleranz und versöhnliche Verhandlungen zu beseitigen. Wenn eine Seite glaubt, dass man unter allen Umständen das menschliche Leben erhalten muss, während die andere meint, dass die Hinrichtung harmloser Zivilisten gerechtfertigt ist, um höhere Werte zu erzielen, dann kann es zu keiner Verständigung kommen.

Die einzige Möglichkeit, Einigung zu finden, liegt im Versuch, globale Normen zu schaffen, die der breiten Mehrheit der Weltbevölkerung einleuchtet. Im vergangenen Jahrhundert haben die Humanisten mehrere Institutionen geschaffen – wie zum Beispiel die Vereinten Nationen, den Internationalen Gerichtshof, den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank usw. –, um Normen der Demokratie, Toleranz und menschliches Mitgefühl zu fördern. Große Erfolge wurden dadurch erzielt: die Empfindsamkeit gegenüber menschlichem Leid ist im letzten Jahrhundert enorm gestiegen; das Erstrebenswerte der Demokratie hat sich global ausgeweitet. Nur im letzten Jahrzehnt haben die Instrumentalisten erhöhten Widerstand gegen dieses Weltbild geleistet. Es bleibt uns Humanisten nichts anderes übrig, als durch weitere politische, kulturelle und wirtschaftliche Initiativen zum Ausbau globaler Normen der Menschlichkeit beizutragen.

Dennis Snower ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Er schreibt jetzt einmal im Monat im WirtschaftsWunder-Gästeblock.

Von Dennis Snower

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